Fehler der US-Soldaten riefen Hass hervor

Von Erwin Decker (Bagdad)

Ein anti-amerikanisches Spruchband in der irakischen Stadt Falludscha (Foto: dpa)

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Ein anti-amerikanisches Spruchband in der irakischen Stadt Falludscha.

 

An keinem anderen Ort im Irak ist die anti-amerikanische Stimmung so stark, äußert sich der blanke Hass auf die US-Invasoren so laut, wie in Falludscha. Was ist hier anders? Was läuft schief in der 100.000 Einwohner zählenden Stadt, die eine Autostunde westlich von Bagdad liegt?

Tote Iraker und Verletzte auf beiden Seiten
Begonnen hat es damit, dass US-Soldaten am Dienstag in der von Sunniten bewohnten Stadt fünfzehn Menschen erschossen und über siebzig verletzten. In den darauffolgenden Tagen gab es weitere tote Iraker und auch verletzte US-Soldaten.

 

Überraschendes Angebot in Amman
Die Spannungen zwischen den Einheimischen und den Besatzern stehen vor folgendem Hintergrund: Wenige Tage vor Kriegsbeginn betraten die führenden Scheichs der irakischen Provinz Anbar in der jordanischen Hauptstadt Amman die amerikanische Botschaft und trafen eine für den Irak einmalige Vereinbarung. Sie boten den Amerikanern eine kampflose Übergabe ihrer Provinz mit den beiden Städten Ramadi und Falludscha an.

Handschlag mit den Scheichs
Dafür sollten die Amerikaner die Städte nicht angreifen, sondern nur Ziele wie die Büros der Baath-Partei, Kasernen der Republikanischen Garden und Paläste von Saddam Hussein bombardieren. Amerikanische Vertreter besiegelten die unkonventionelle Initiative mit den Scheichs per Handschlag.

 

 

 

Bauernschläue mit Tradition

In Falludscha haben die Clans das Sagen (Foto: Erwin Decker)

In Falludscha haben die Clans das Sagen (Foto: Erwin Decker)

 

Die Bauernschläue der Scheichs, allen voran die Brüder Kamal und Jamal aus Falludscha, hat Tradition. In Anbar herrschen die Clans, und nur deren Recht gilt. Gastfreundschaft, Ehre und Blutrache sind die drei Säulen der Gesellschaft. Die Kriminalität ist sehr niedrig. Gleichwohl wird nirgendwo im Irak so viel geschmuggelt wie in der Heimat der Clans aus Falludscha, schließlich grenzt das Gebiet sowohl an Saudi-Arabien als auch an Jordanien.

Zunächst gab es kleine Probleme
Noch während des Krieges wählten die Bewohner der Provinz Anbar einen neuen Gouverneur, in Ramadi und Falludscha traten zwei neue Bürgermeister ihr Amt an. In Ramadi gibt es bis heute keine Probleme mit den Amerikanern. Diese fahren mit ihren Panzer durch die Stadt, halten zum Tee an, die Scheichs kommen gut mit ihnen zurecht. Die alte Polizei wurde übernommen. In der gesamten Provinz Anbar gab es keine Plünderungen oder wildwestartige Zustände wie in Bagdad, keinen Stromausfall oder andere kriegbedingte Notstände. Sogar die Telefone gehen noch.

Wohlstand in Falludscha

Die Moschee in Falludscha (Foto: Erwin Decker)

Die Moschee in Falludscha (Foto: Erwin Decker)


In der Stadt Falludscha herrscht ein gewisser Wohlstand. Für unsere Verhältnisse ist es zwar schmutzig auf den Straßen, aber immerhin funktioniert die Müllabfuhr. Die Geschäfte auf der Hauptstraßen bieten ein kunterbuntes Angebot wie Schlüsseldienst, Musikkassetten, Munition für Gewehre, Mehl, Zucker und Tee aus Säcken auf dem Gehweg , und als Krönung für die Jugend eine Eisdiele. Eine große Moschee steht kurz vor der Fertigstellung. Im Unterschied zum gesamten Irak sind die Menschen hier strenggläubige Moslems. Die wenigen Frauen, die auf den Straßen anzutreffen sind, halten sich bedeckt. Nur das Gesicht ist normalerweise zu sehen.

US-Soldaten hatten keine Informationen
Sofort nach dem Krieg richtete Scheich Kamal im Haus der Baath-Partei eine provisorische Bürgerwehr ein. Zusammen mit der Polizei sollten etwa dreihundert Bewaffnete für Ordnung in der Gegend sorgen. Als die amerikanischen Soldaten nach Falludscha kamen, nahmen sie als erstes Scheich Kamal und die Mitglieder seiner Bürgerwehr fest. Die Soldaten hatten offenbar keine Informationen darüber, dass er einer der Initiatoren der kampflosen Übergabe von Falludscha war. Der Scheich kam nach einigen Tagen wieder frei. Durch die Festnahme hatte aber sein "Gesicht verloren". Ein Umstand der in einer Clan-Gesellschaft nicht zu unterschätzen ist.

Stadt sollte nicht besetzt werden
Damit noch nicht genug, bezogen die US-Soldaten dann auch Quartier in der Schule. In Amman hatte man sich allerdings darauf geeinigt, dass die Stadt nicht besetzt werden sollte. Statt der Amerikaner sollten Bewohner bis auf Weiteres selbst für Ordnung sorgen. Falludscha sollte offiziell nicht als besetzt gelten, die US-Soldaten wollte man als Gäste bezeichnen. Was den Irakern traditionell ein Gefühl der Sicherheit verleiht, sind für Europäer Kleinigkeiten. In der traditionellen Provinz des Irak sind diese Kleinigkeiten aber äußerst wichtig.

Blutrache hat eine lange Tradition
Beim Gebet in der Moschee forderte Scheich Jamal schließlich die US-Soldaten auf, das Schulgebäude zu verlassen, damit die Kinder wieder in den Unterricht gehen können. Ob bei der anschließenden Demonstration auf die Soldaten geschossen wurde oder nicht, kann bis heute niemand mit Sicherheit sagen. Unabhängig davon sind die Amerikaner jetzt nicht zu beneiden, da sie sich in einer Gesellschaft bewegen, in der die Blutrache für ermordete Familienmitglieder Tradition hat.

US-Führung erkannte Fehler zu spät
Die US-Führung hat ihre Fehler offenbar erkannt. Schon am Tag nach den ersten tödlichen Schüssen hat sie den Kommandanten der Einheit ersetzt. Über Spruchbänder in der ganzen Stadt, auf denen angekündigt wird, dass für jeden Toten aus Faluja ein US-Soldat sterben wird, machen den überwiegend sehr jungen Amerikaner im persönlichen Gespräch große Sorgen.

Versöhnliche Töne beim Gebet

Einwohner von Falludscha beim Gebet (Foto: Erwin Decker)

Einwohner von Falludscha beim Gebet (Foto: Erwin Decker)

Eine Lösung, die gespannte Situation wieder zu entspannen ist nur mit den Scheichs und dem Imam möglich. Beim heutigen Gebet hat Jamal zur Mäßigung aufgefordert. Viel Iraker reagierten überrascht auf diesen Appell, den sie als ausgestreckte Hand zur Versöhnung betrachten. Aber auf Blutrache muss auch das betroffene Familienoberhaupt verzichten können.

 

 

 

 

 

 

Bush: Terrorbekämpfung bleibt Ziel der USA

Bush auf der Abraham Lincoln (Foto: AP)

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Krieg ist praktisch beendet, theoretisch nicht - Bush auf der Abraham Lincoln

 

Gut sechs Wochen nach dem ersten Bombeneinschlag in Bagdad hat US-Präsident George W. Bush die Kampfhandlungen im Irak für weitgehend beendet erklärt. Die Aufgabe sei damit aber noch nicht erfüllt, warnte Bush am Donnerstag (Freitagmorgen MESZ) vor der Kulisse tausender Soldaten an Bord des Flugzeugträgers "Abraham Lincoln". Der Irak-Krieg sei Teil des Krieges gegen Terror. Wer Terroristen unterstütze, bleibe weiterhin Ziel des US-Justiz.

 

Hauptkampfphase beendet
"Die größeren Kampfhandlungen im Irak sind beendet", sagte Bush, sichtlich bewegt über den enthusiastischen Empfang der Soldaten. Bush sprach unter freiem Himmel auf dem Deck des Flugzeugträgers, auf dem sich die Mehrzahl der 5000 Soldaten an Bord versammelt hatte. Die "Abraham Lincoln" befand sich nach neun Monaten Einsatz im Persischen Golf nur noch rund 150 Kilometer vor der kalifornischen Küste. Bush war am Nachmittag mit einem Marineflugzeug an Bord des Kriegsschiffes gelandet.

USA halten 7000 Kriegsgefangene fest
Das Weiße Haus hatte zuvor betont, dass der Irak-Krieg mit Bushs Deklaration im juristischen Sinn noch nicht zu Ende ist. Das würde bestimmte Verpflichtungen der Siegermacht nach sich ziehen, die die USA zunächst noch vermeiden wollen. Dazu gehören die unverzügliche Freilassung der Kriegsgefangenen und die Einstellung der Fahndung nach Vertretern des alten Regimes. Die USA halten rund 7000 Kriegsgefangene fest, die sie weiter verhören wollen, um Aufschluss über geheime Waffenprogramme zu erhalten.

"Anführer der Regimes zur Rechenschaft ziehen"
"Wir haben schwierige Arbeit vor uns", sagte Bush. In Teilen des Landes sei die Sicherheit noch nicht gewährleistet und die Anführer des gefallenen Regimes seien noch nicht gefasst. "Sie werden für ihre Verbrechen zur Rechenschaft gezogen", sagte Bush. Die Suche nach Massenvernichtungswaffen und der Wiederaufbau des Landes gingen weiter. "Der Übergang von der Diktatur zur Demokratie wird Zeit brauchen, aber er ist jede Anstrengung wert", sagte Bush. "Unsere Koalition bleibt, bis die Arbeit erledigt ist."

 

Irak-Krieg ist Teil des Krieges gegen Terror
Mit dem militärischen Erfolg im Irak sei ein wichtiger Schritt im weltweiten Kampf gegen den Terrorismus geschafft. Bush stellte eine direkte Verbindung des gestürzten irakischen Präsidenten mit dem Terrornetzwerk El Kaida her, dass sich zu den Terroranschlägen vom 11. September 2001 bekannt hat. "Die Befreiung des Irak ist ein entscheidender Fortschritt im Kampf gegen den Terror. Wir haben einen Verbündeten des El Kaida-Netzwerks beseitigt, und eine Quelle der Terrorfinanzierung abgeschnitten", sagte Bush.

Unterstützer des Terrorismus bleiben Ziel der USA
Der Kampf gegen den Terrorismus werde entschlossen fortgesetzt. Die Gewaltanwendung bleibe das letzte Mittel, doch werde die Regierung auch in Zukunft nicht davor zurückschrecken, Bedrohungen notfalls auch militärisch zu begegnen. "Wir werden jedem Regime, das Massenvernichtungswaffen besitzt, entgegentreten", warnte Bush. "Wir werden auf Bedrohungen unserer Sicherheit reagieren und den Frieden verteidigen." Jede Einzelperson, jeder Staat, der den Terrorismus unterstütze, sei ein Feind der USA, mache sich mitschuldig und werde ein Ziel der US-Justiz sein, sagte Bush.

138 US-Soldaten gefallen
In dem sechswöchigen Irak-Krieg waren bis Donnerstag 138 US- Soldaten ums Leben gekommen und 495 verwundet worden. Amerikanische und britische Verbände flogen nach Auskunft des US-Zentralkommandos 51.000 Einsätze und warfen dabei 28.000 Bomben ab, 70 Prozent davon präzisionsgesteuert. In der heißen Phase des Krieges waren rund 250.000 britische und amerikanische Soldaten im Irak im Einsatz.

 

 

 

USA schnappen Saddams engen Vertrauten

 

In US-Hand: Mizban Khadr Hadi (Foto: AP)

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In US-Hand: Mizban Khadr Hadi.



Herz neun auf der Liste: Die US-Truppen im Irak haben einen weiteren führenden Vertreter des gestürzten Regimes geschnappt. Nach einer Mitteilung der Streitkräfte handelt es sich dabei um Mizban Khadr Hadi, einen führenden Funktionär der Baath-Partei. Hadi gehörte dem Revolutionsrat oder Revolutionären Kommandorat Saddam Husseins an und galt als einer der engsten Vertrauten des entmachteten Diktators. Auf der von den USA erstellten Liste der 55 meistgesuchten Iraker stand Hadi auf Platz 41. Er wurde in der Gegend von Bagdad festgenommen.

Die Fahndungsliste der USA Fotos der meistgesuchten Iraker
Der Irak nach dem Krieg Diskutieren Sie mit!

Die hohen Tiere fehlen noch
Das US-Militär hat die 55 meistgesuchten Mitglieder der irakischen Führung auf einem Kartenspiel abgebildet. Die in limitierter Auflage gedruckten Suchhilfen für die allierten Truppen wurden an Kommandeure von Einheiten ausgeteilt. Die dazugehörige Fahndungsliste ist nach Bedeutung der Personen gestaffelt. Mizban Khadr Hadi war in diesem Kartenspiel die Herz neun. Mittlerweile sind den Amerikanern 16 Gesuchte ins Netz gegangen, darunter nur einer aus den Top zehn.

 

 

In Amerika tobt ein Machtkampf, Teil I

Hinter den Kulissen tobt in der US-Regierung ein heftiger Machtkampf um die Außenpolitik nach dem Irak-Feldzug. Die Hardliner um Verteidigungsminister Donald Rumsfeld stehen den Pragmatikern um Außenminister Colin Powell gegenüber; das ist nicht neu, doch der Machtkampf wird härter. Der amerikanische Präsident George W. Bush sieht den Angriffen gegen seinen Chefdiplomaten bisher tatenlos zu. Ist Powell für das Weiße Haus ein Auslaufmodell?

Von Jörg Schallenberg

US-Präsident Bush zwischen seinen verfeindeten Ministern Powell (l.) und Rumsfeld (Foto: dpa)

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Zwischen zwei Stühlen? US-Präsident Bush und seine verfeindeten Minister Powell (l.) und Rumsfeld (r.).

Der Krieg im Irak ist gewonnen. Wenigstens darüber sind sich alle einig in der Bush-Regierung. Aber auch nur darüber. Denn wie es weitergehen soll im Irak, wie man die vermeintlichen Schurkenstaaten wie Syrien, Nordkorea oder Iran behandeln soll, wie man die Beziehungen zu den Vereinten Nationen und zur Europäischen Union in Zukunft gestalten soll - darüber haben vor allem der Verteidigungsminister und der Außenminister völlig unterschiedliche Meinungen. Nach außen hin beteuern zwar beide immer wieder, dass sie sich bestens verstehen und selbstverständlich im Sinne ihres Präsidenten handeln würden, doch hinter den Kulissen kracht es seit langem.

"Achse des Appeasements"
Insbesondere die erzkonservativen, von vielen so genannten Falken innerhalb der republikanischen Regierungspartei attackieren Colin Powell immer wieder. Schon unmittelbar vor dem Beginn des Irak-Krieges musste sich Powell aus der republikanischen Führung des Kongresses die Mahnung anhören, er sei der Chefdiplomat des amerikanischen Präsidenten, nicht der Außenminister Europas. William Kristol, Herausgeber der konservativen Zeitschrift "Weekly Standard", bezeichnete Powell als Mitglied einer "Achse des Appeasements", also der Beschwichtigungspolitik, die bis nach Brüssel und Riad reiche. Diese Beschwichtiger hätten sich verbündet, um den Präsident "vom Kurs der moralischen Klarheit und der Weltführung abzubringen".

Powell steht nicht auf "Weltführung"
Powell und sein State Department ignorierten diese Angriffe, eine Sprecherin des Außenministeriums stellte jedoch klar, dass der Diplomat Powell mit Begriffen wie "Weltführung" nicht allzu viel anfangen könne. Während des Feldzuges im Irak traten die innenpolitischen Differenzen schnell in den Hintergrund - um nach der raschen Einnahme von Bagdad sofort wieder an Tageslicht zu kommen. So stellt vor allem die Rolle der UN beim Wiederaufbau und der zukünftigen politischen Verwaltung des Iraks einen heftig umkämpften Streitpunkt innerhalb der US-Administration dar.

Wer setzt sich durch?
Johannes Varwick, Experte für internationale Sicherheitspolitik an der Universität Hamburg, bewertet die Situation so: "Es existiert innerhalb der US-Regierung eine einflussreiche Gruppe um Hardliner wie Vizepräsident Dick Cheney oder den Präsidentenberater Paul Wolfowitz, die sagt: Wir müssen alles alleine machen, die UN sind sowieso nur eine Schwatzbude. Aber eine andere Schule, für die Außenminister Powell steht, sieht sehr wohl, dass man die UN braucht. Es ist noch die Frage, welche Richtung sich durchsetzen wird."

Kampf um jedes Detail
Einstweilen kämpfen die Kontrahenten um jedes Detail. Während das State Department etwa den Exil-Iraker Ahmed Chalabi als Hochstapler ohne jeden politischen Rückhalt in seiner früheren Heimat einstuft, ließ ihn das Pentagon gleich nach dem Fall der Hauptstadt in Bagdad einfliegen - damit der US-treue Chalabi dort eine wichtige Rolle in der neuen politischen Führung einnehmen kann.

Doch nicht nur in Sachen Irak prallen die unterschiedlichen Meinungen aufeinander. Als es darum ging, wer die anstehenden Verhandlungen mit Nordkorea führen soll, versuchte das Verteidigungsministerium, Powells Asien-Experten James A. Kelly durch den Rumsfeld-Vertrauten John R. Bolton zu ersetzen.

 

 

 

Der Berufswetterer wetterte

Wortgewaltig: Newt Gingrich (Foto: dpa)

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Der wortgewaltige Newt Gingrich sorgte mit seinen Angriffen auf Powell auch im Weißen Haus für Ärger.

 


Doch dieses Mal setzte sich Powell durch. Als dieser aber wiederum ankündigte, für einen Besuch nach Syrien zu reisen, platzte dem populären republikanischen Wortführer Newt Gingrich der Kragen. In einer Rede vor konservativen Wissenschaftlern wetterte der ehemalige Präsident des Repräsentantenhauses: "Die Idee, dass ein amerikanischer Außenminister nach Damaskus geht und einen Diktator trifft, der Terroristen unterstützt und mit der Geheimpolizei regiert, ist absurd."

Gingrich: Powell hat versagt
Einmal in Fahrt, tobte der wortgewaltige Gingrich gleich weiter: "Die Geschichte unseres diplomatischen Versagens in den letzten Monaten wiegt schwerer als unserer militärischer Sieg." Vor allem warf er Powell vor, dass sich die Türkei weigerte, das US-Militär zu unterstützen, dass Frankreich und Deutschland sich offen gegen den Krieg stellten und dass der UN-Sicherheitsrat nicht geschlossen hinter den USA stand.

UN nur Erfüllungsgehilfe der USA
Bei seinen Angriffen kümmerte es Gingrich augenscheinlich wenig, dass fast alle politischen Analysen weltweit diesen Widerstand als eine Reaktion auf die aggressiven Äußerungen von Verteidigungsminister Donald Rumsfeld werteten. Dass er die Vereinten Nationen lediglich als nützlichen Erfüllungsgehilfen der USA betrachtete, daran hatte der Rechtsaußen der Republikaner schon früher keine Zweifel gelassen.

"Wir konnten breite Allianz gewinnen"
Colin Powell hingegen verteidigt seine diplomatischen Bemühungen. Ein Sprecher des Ministeriums wertete sie - in einer Reaktion auf Gingrichs Attacken - als vollen Erfolg: "Wir hatten anfangs niemanden auf unserer Seite. Dank der Politik des State Department konnten wir eine breite Allianz an Unterstützern gewinnen, konnten Militärbasen im Nahen Osten aufbauen - und können auf weltweite finanzielle Unterstützung beim Wiederaufbau des Irak rechnen".

Weiße Haus gibt Zurückhaltung auf
Selbst dem Weißen Haus, das sich sonst bei den Streitigkeiten zwischen den Ministerien auffällig zurückhält, gingen die Angriffe von Newt Gingrich zu weit. Der Regierungssprecher Ari Fleischer verkündete mit kühler Stimme die offizielle Linie des Präsidenten: "Die USA haben diplomatische Beziehungen mit Syrien, und wir beabsichtigen, diese diplomatischen Beziehungen zu guten Zwecken zu nutzen." Nebenbei erwähnte er noch "die ausgezeichnete Arbeit des Außenministers".

Frage von Krieg oder Frieden
Doch diese Unterstützung von höchster Stelle werten politische Beobachter in Washington allenfalls als Teilerfolg für Powell. Auf wessen Seite George W. Bush steht, bleibt unklar. Ob sich aber die Hardliner mit ihrem Konfrontationskurs gegen EU und UN sowie den Drohungen gegen diverse Staaten entlang der "Achse des Bösen" durchsetzen oder diejenigen, die auf breite internationale Kooperation setzen und eher mit Verhandlungen und zivilen Sanktionen gegen Länder wie Nordkorea oder Iran vorgehen wollen " an dieser Frage könnte sich entscheiden, ob es in absehbarer Zeit wieder einen Krieg gibt oder nicht.

Powell fürchtet Isolation
Colin Powell fürchtet zudem, dass sich die wirtschaftlich angeschlagenen USA mit einer harten Haltung endgültig von vielen früheren Verbündeten isolieren. Im ultrakonservativen Lager kratzen solche Befürchtungen kaum jemanden. Im Fernsehen hat William Kristol vom Weekly Standard seinem Präsidenten schon mal geraten, Powell einfach zu feuern: "Wissen Sie, was dann passiert? Zwei Tage lang wird herumgeschnattert werden, dann nominiert der Präsident Condoleeza Rice. Das Ganze würde George W. Bush in den Umfragen nicht mal einen Prozentpunkt kosten." Er könnte sich irren.

Von Jörg Schallenberg