Zeit der Kannibalen

von Erik Hart

Achtung: Dieser Text enthält Passagen mit extremer Gewaltdarstellung, die für manchen zu extrem sein könnten. In keiner Weise dienen die im Text stellenweise geschilderten ethischen Vorstellungen und Handlungsweisen als Vorbild für die Realität. Es ist eine Gruselgeschichte, keine Handlungsanleitung für die Wirklichkeit! Alle in der Geschichte vorkommenden Personen und Handlungen sind frei erfunden; Ähnlichkeiten mit der Realität sind rein zufällig.

Kapitel 1: Verlorene Heimat
Kapitel 2: Der Anfang vom Ende
Kapitel 3: Vergeblicher Kampf
Kapitel 4: Das Grauen kommt zu uns
Kapitel 5: Vertrieben
Kapitel 6: Ruinen der Zivilisation
Kapitel 7: Ein stummer Frühling
Kapitel 8: Bittere Enttäuschung
Kapitel 9: Wir sind nicht alleine!
Kapitel 10: Der letzte König
Kapitel 11: Angriff aus der Dunkelheit
Kapitel 12: Verzweiflung


Kapitel 1: Verlorene Heimat

Eisig fegte der Sturm über die Felder, die unseren westfälischen Bauernhof umgaben. Es war kurz nach Mittag, doch der Himmel war eine milchiggraue Decke, unter der nur fahles Dämmerlicht herrschte. Meine Familie und ein paar Nachbarn hatten sich in dem Hof verschanzt, denn seit gut drei Wochen wurden wir von Banden belagert, die an unsere Vorräte wollten. Wir waren alle froh, daß der Hof von einer massiven Steinmauer umgeben war, so daß wir ihn leichter verteidigen konnten. Die Familie saß beim Essen, bis auf meinen älteren Bruder und zwei Nachbarn, die draußen Wache halten mußten. Karg war das Essen, etwas Getreide wurde zu einer dünnen Suppe gekocht und mit ganz wenig Schinken verfeinert. Trotz aller Kargheit war dieses Essen ein Luxus, denn mittlerweile hatte das zweite Jahr des Winters begonnen. Seit dem Beginn des Winters gab es keine Ernten mehr und das Vieh ging langsam zugrunde, als das Futter knapp wurde. Es war jetzt Mitte Mai, eine Zeit, in der normalerweise die Sonne hervorkam und die Erde den ersten Hauch von Sommer erlebte. Doch dies war zum letzten Mal vor zwei Jahren, bevor der Winter begann. Jetzt saßen wir versammelt im Schein der Lampen und aßen, als auf einmal draußen Schüsse peitschten. Sofort rannte ich los und griff nach meinem Gewehr, genauso wie die anderen. Wir rannten raus, wo uns die Wachen schon die Richtung sagten, aus welcher der Angriff kam. Sofort zogen wir uns an der Mauer hoch und legten unsere Waffen auf die Brüstung. In der Ferne war ein Jeep zu erkennen, der auf den Hof zufuhr, und aus dessen Fenstern Mündungsfeuer blitzten. Den Hauptweg zum Hof hatten wir blockiert, jetzt kamen sie über die verschneiten Weiden am Rande. Ich legte an und zielte, was nicht ganz einfach war. Die Scheiben waren bereits zerschossen, und so hoffte ich, einige der Angreifer zu erwischen. Ob ich traf, kann ich nicht sagen, jedenfalls merkte ich, daß sie gar nicht auf uns schossen, sondern weit über unsere Köpfe hinweg. Dann drehte der Jeep ab und raste zurück. Erleichtert sahen wir uns an, da wir sie wieder abgewehrt hatten. "Warum haben sie denn über uns hinweggeschossen?" fragte ich Erwin, meinen älteren Bruder. Der zog zunächst nur ahnungslos die Schultern hoch. Doch dann durchfuhr es ihn wie ein Blitz: "Die Windgeneratoren! Schaut nach, ob die Windgeneratoren noch in Ordnung sind!"

Wir hatten zwei dieser Windmühlen auf dem Gelände des Hofes stehen. Ursprünglich wurden sie auf mein Drängen hin angeschafft, da ich einen leichten Ökofimmel hatte. Lange versuchte ich meinen Vater zu überzeugen, daß die Dinger nicht nur gut für die Umwelt sind, sondern dank Subventionen sogar Geld bringen. Nun, Umweltschutz und Geld durch Stromeinspeisung waren mittlerweile nicht mehr das, was zählte. Vielmehr waren die Maschinen zu Lebensspendern geworden; dank ihnen hatten wir immer noch Strom. Die öffentliche Elektrizitätsversorgung war schon wenige Wochen nach dem Beginn der großen Katastrophe weitgehend zusammengebrochen; die meisten Menschen mußten mit Kerzen vorlieb nehmen oder zündeten einfach irgendwas an, was brannte. Motorgeneratoren wurden zu begehrten Luxusgütern, doch irgendwann gab es kaum noch Treibstoff für sie. Und Solaranlagen waren gänzlich nutzlos, denn die Sonne hatte seit Beginn des Winters niemand mehr gesehen. Schnell rannten wir über den Hof und sahen nach den Generatoren. Das eine Windrad drehte sich immer noch rasend, vom Sturm in Gang gehalten. Das andere aber stand still, die Blätter des Propellers wurden nur vom Wind hin- und hergeschüttelt. "Verdammte Schweine!" schrie Erwin. Schnell überlegten wir, ob wir versuchen sollten, den Apparat zu reparieren. Doch der Generator saß oben auf einem 21 Meter hohen Mast und ein Mensch, der dort hinaufstieg, war ein leichtes Ziel für Angreifer. Mit Reparaturversuchen mußten wir also warten, bis es dunkel wurde. Zwar lieferte der andere Generator immer noch genug Strom, aber niemand wußte, wie lange er noch funktionieren würde. Wir gingen zurück in das Wohngebäude und erzählten, was Sache war. "Offenbar wollen sie uns das Leben hier unmöglich machen", entgegnete meine Mutter. Und in der Tat hatten sie wohl eingesehen, daß sie den Hof nicht erobern konnten, so daß sie nun versuchten, unsere lebenswichtigen Dinge zu zerstören. Das Baby meiner Schwester fing auf einmal an zu plärren und hörte nicht mehr auf. Sie hatte den kleinen Sohn vor zwei Wochen entbunden. Vor zwei Jahren hatte sie geheiratet, in der Hoffnung, eine glückliche Familie zu gründen. Jedoch wurde sie erst vor einem Dreivierteljahr schwanger, als alle Menschen in der Dunkelheit kauerten. Es war eines jener Kinder der Finsternis und der Kälte, neues Leben, geboren in eine sterbende Welt.


Kapitel 2: Der Anfang vom Ende

Als es begann, nahm es kaum jemand ernst. Eine kleine Zeitungsmeldung erschien im März des Vorjahres, daß der Yellowstone-Nationalpark in den USA für Touristen geschlossen wurde, weil man nach einigen Erdbeben und Bodendeformationen den Ausbruch vulkanischer Aktivität fürchtete. Am 2.April schließlich gingen im Laufe des Vormittags Gerüchte um, in den USA sei ein Vulkan explodiert und habe riesige Verwüstungen angerichtet. Ich mußte bis zum Abend warten, bis ich selbst Nachrichten sehen konnte. Am Nachmittag hörte man ein unheimliches Donnergrollen in der Luft, oder besser, man fühlte es, denn der Klang war so tief. Dabei war weit und breit kein Gewitter, nicht einmal eine dickere Wolke zu sehen. In den Abendnachrichten wurde gemeldet, daß es zu einem verheerenden Ausbruch im Yellowstone-Nationalpark gekommen sei. "Der Kontakt zu Städten in der Umgebung, darunter Denver, Salt Lake City und Omaha, ist abgebrochen.", meldete die Nachrichtensprecherin. Es gab sogar Bilder aus einem Space-Shuttle, die den Ausbruch aus dem Weltraum zeigten. Sie erinnerten an eine riesige Trockeneis-Nebelmaschine, nur, daß es Riesenmengen schmutziger Asche waren, die ausgestoßen wurden und in einem dicken Schleier über die Erde krochen. Viele Leute waren interessiert und schockiert, aber sie dachten, dies sei eine Katastrophe, die nur die USA beträfe. Am nächsten Tag brach auch der Kontakt zu anderen Städten der USA und Kanadas ab; die wenigen Nachrichten, die noch durchkamen, meldeten gewaltigen Aschefall und schwefelverseuchte Luft. Der Nationalpark sei völlig vernichtet worden; möglicherweise sei mit mehreren Millionen Toten zu rechnen. Am Abend des dritten Tages, einem Samstag, wurde darauf hingewiesen, daß in der kommenden Nacht die Aschewolken Europa erreichen würden; der Luftverkehr werde am Abend eingestellt. Autofahrer wurden vor rutschigen Straßen durch Asche gewarnt.

Wir gingen ohne größere Sorgen schlafen und legten schonmal eine Schneeschaufel bereit, um am nächsten Morgen die Asche beiseite zu schieben. Unser Schlaf war ruhig, bis wir am Morgen aufwachten. Nach dem Erwachen stand ich auf und ging ins Bad, doch es kam mir alles etwas merkwürdig vor. Ich ging in die Dusche, rasierte mich und putzte die Zähne, dann zog ich mich an, um mit den anderen zu frühstücken. Im Treppenhaus knipste ich das Licht an, und da merkte ich, was nicht stimmte: Sonst war es um diese Zeit schon fast hell, jetzt war es Nacht draußen. Im Eßzimmer traf ich auf meine Mutter, und sie kam aufgeregt auf mich zu: "Mein Gott, was ist los? Es ist stockdunkel draußen! Eigentlich sollte schon die Sonne aufgegangen sein!" Panik zeichnete ihr Gesicht. Ich mußte sehen, was Sache war und ging in Pantoffeln aus dem Haus. Ein unheimliches Szenario bot sich mir: Völlige Finsternis hüllte die Umgebung ein; wir sahen den Stall, den Geräteschuppen und die Scheune im Kunstlicht der Lampen. Asche hatte alles mit einem monotonen Grau überzogen und noch mehr rieselte vom Himmel wie Schnee. Ansonsten war die Dunkelheit vollkommen: keine Sterne, keine Andeutung der Sonne am Himmel, kein Dämmerlicht wie unter dicken Wolken. "Wie lange mag das wohl so bleiben?" fragte meine Mutter bang aus der Tür. "Zwei, drei Tage", sagte ich völlig ahnungslos, doch dann kamen mir einige Sachen in den Sinn, die mein Bruder Erwin gesagt hatte.

Mein älterer Bruder, der sich für Vulkane interessierte, hatte schon in den 90er-Jahren Dokumente im Internet gelesen, wo von riesigen Vulkanausbrüchen die Rede war, die in kurzer Zeit tausende Kubikkilometer Dreck in die Atmosphäre schleuderten. Zwei dieser Riesenvulkane waren gut bekannt: einer auf Sumatra und der andere in den USA, auf dem Gebiet des Yellowstone-Nationalparks. Er meinte, der in den USA könnte in absehbarer Zeit wieder ausbrechen und einen Vulkanwinter, sozusagen das natürliche Gegenstück zum nuklearen Winter, auslösen. Denn Asche und vor allem die Schwefelgase würden jahrelang in der oberen Atmosphäre verbleiben und die Sonne verdecken. Er erzählte es uns, doch wir sahen es eher als Unterhaltung denn als ernste Warnung. Zu Anfang des Jahres 2000 gab es dann Berichte über einem denkbaren Ausbruch des Yellowstone-Vulkans, doch den meisten erschienen sie als verspätete Weltuntergangsphantasie zur Jahrtausendwende. Die Wissenschaftler wußten, daß der Vulkan ausbrechen konnte, aber es hätte auch nur ein kleiner Ausbruch sein können, während der große Knall noch einige zehntausend Jahre auf sich warten ließ. Deshalb hat kaum jemand in Europa mit etwas Schlimmem gerechnet. Ich ging zurück ins Eßzimmer und wir setzten uns zusammen an den Frühstückstisch. "Im Radio haben sie gerade gesagt, daß die Finsternis noch mindestens drei Wochen dauern soll", sagte mein Vater besorgt, "wie sollen denn da der Weizen und die Kartoffeln wachsen?". Mein Bruder Erwin schwieg, denn er wußte, was uns wirklich bevorstand. Als wir mit dem Frühstück fertig waren, nahm er mich zur Seite und sagte mir ins Ohr: "Ich hoffe, Du hast letzte Nacht noch gut geträumt! Denn heute hat unser schlimmster Alptraum begonnen!"

Bei uns auf dem Lande blieb es zunächst ruhig, so daß wir zuerst die Asche auf dem Hof wegkehrten. Wir überlegten, ob wir auf den Feldern was machen mußten, aber das war sinnlos, solange Asche fiel und Dunkelheit herrschte. Also kümmerten wir uns um die Tiere. Die Pferde draußen auf der Weide waren in Panik wegen der Dunkelheit und wieherten. Nur schwer konnten wir sie beruhigen und in den Stall bringen. Die Tiere in den Gebäuden waren weniger betroffen, aber auch sie waren unruhig. Wir hörten Radio und schalteten den Fernseher ein. Über ganz Mitteleuropa hatte sich die Finsternis ausgebreitet. Der Bundespräsident hielt eine Ansprache, in der er die Menschen aufforderte, Ruhe und Ordnung zu bewahren. Das Fernsehen zeigte Bilder, wo Menschen fast in Ruhe einen normalen Sonntag verbrachten. Doch die Wirklichkeit sah anders aus, wie wir bald erfahren sollten. Am Nachmittag tauchten Scheinwerferkegel aus der Dunkelheit auf und meine Schwester kam mit Max, ihrem Mann, auf den Hof gefahren. Sie fiel sofort meiner Mutter in die Arme. "Mein Gott, das ist ja grauenhaft, diese Dunkelheit!" Und dann begann sie zu erzählen. Sie waren aus Soest gekommen, das eigentlich nur eine eher kleine Stadt war. Viele Menschen saßen dort apathisch zuhause, aber andere begannen, sich vor den Supermärkten zu versammeln und die Öffnung zu verlangen. In Kiosken und Tankstellen waren die Lebensmittel rasch ausverkauft. Und dann dauerte es nicht lange, bis die ersten Supermarktscheiben mit Steinen eingeworfen wurden und die Leute die Lebensmittel plünderten. Noch konnte die Polizei die Ordnung weitgehend aufrechterhalten, aber wer weiß, wie lange noch? Die Menschen gingen an diesem Sonntagabend schlafen, zum zweiten Mal in dieser längsten Nacht der Geschichte. Am nächsten Morgen ging der Vater auf die Felder und sah, daß sich die Asche mit dem in der Nacht gefallenen Regen zu einer zementähnlichen Masse verbunden hatte. Entsetzt kam er ins Haus zurück und rief: "Die Asche... die ganze Ernte ist ruiniert!" "Gibt es denn auf anderen Höfen noch was?", war die unbeholfene Frage meiner Mutter, die sich nunmehr von selbst beantwortete: Überall auf der Nordhalbkugel der Erde war die Asche gefallen, überall würde sie sich mit Regen vermischen und überall herrschte die Finsternis, in der keine Pflanze wachsen konnte. Und noch etwas merkte mein Vater an: "Es ist draußen eisig kalt!" Zwar war der April noch kein warmer Monat, aber eisige Tagestemperaturen waren doch normalerweise schon eine Seltenheit zu dieser Jahreszeit. "Wenn die Ernten alle kaputt sind, was sollen wir denn dann demnächst essen?" fragte meine Mutter in den Raum. Versteinerte Minen lagen auf allen Gesichtern. Uns war klar geworden, daß dies eine Katastrophe bisher nicht gekannten Ausmaßes war und daß der größte Teil der heute lebenden Menschen sie nicht überleben würde. Erwin holte mich später zu sich und phantasierte weiter: "Denk mal, wenn so eine Sache in Urzeiten passierte, dann suchten sich viel weniger Menschen Nahrung als heute. So konnten sie immer noch einen Käfer oder einen Wurm finden, um ihren Hunger zu stillen. Und nun denk Dir mal, jetzt versuchen über sechs Milliarden Menschen, ausgerüstet mit modernem Wissen und Technik, dies zu überleben. In wenigen Wochen wird die Welt schlicht leergefressen sein! Dann sind die meisten Pflanzen und Tiere vernichtet und die Menschen verhungern, so sehr sie sich auch überwinden, unerquickliche Dinge zu essen."

Am nächsten Morgen versuchten viele in den Städten noch, regulär zur Arbeit zu fahren. Teilweise ging es auch, die Produktion lief, Behörden und Dienstleistungsbetriebe arbeiteten, wenn auch eingeschränkt. Doch Furcht vor Hunger und Kälte breitete sich aus und die ständige Finsternis trieb die Menschen in den Wahnsinn, denn keine Glühbirnen oder Neonröhren konnten das Tageslicht ersetzen. Und so kam es zu immer mehr Plünderungen, die Polizei verlor in ganzen Stadtteilen die Kontrolle. Auch Brennstoffe, Kerzen und Batterien wurden jetzt gehamstert. In den Kraftwerken herrschte erhöhter Brennstoffbedarf, weil ja die Dunkelheit ständiges Licht erforderte; ähnlich sah es bei Heizanlagen aus. Aber dann gingen den ersten Menschen die Lebensmittel aus, und neue kamen nicht oder wurden gleich weggehamstert. So kam Panik auf, und die öffentliche Ordnung begann zusammenzubrechen. Die stark abhängigen Industrien brachen als erste zusammen, dann kamen Verwaltung und Dienstleister; Radio und Fernsehen verstummten. Den endgültigen Todesstoß bereitete ihr das Versagen der Kraftwerke, denn nun lief nichts mehr, und nur noch Kerzen und Feuer durchbrachen die Dunkelheit. Kerzen hatten die Menschen kaum, und so verfeuerten sie ihre Zeitschriften, Bücher und Möbel. Grausame Verteilungskämpfe brachen aus, wo Banden sich unter den Nagel rissen, was sie kriegen konnten, während anständige Menschen mit leerem Magen dastanden. In einer Sache behielt das Radio in gewisser Hinsicht recht: Nach drei Wochen war im schwarzen Himmel zur Tagesmitte hin ein Grauschleier zu erkennen, eine unnatürliche Dämmerung. Aber es sollte noch viele Monate dauern, bis genug Licht kam, damit die Pflanzen wieder wachsen konnten. Dafür schneite es jetzt öfter, obwohl der Sommer gekommen war: ein Sommer der Dunkelheit und Kälte, in dem die Welt mit Asche und matschigen Pfützen übersät war. Nachts fror es, so daß Schlamm und Pfützen am Morgen mit einer knirschenden Eisschicht bedeckt waren. Die Menschen suchten alles, was man essen konnte und nach einem Dreivierteljahr waren Kakerlaken eine gefragte Delikatesse und Ratten ein kaum noch aufzutreibender Festtagsschmaus. Das Leder alter Schuhe wurde stundenlang zu Suppe verkocht. Zunächst waren die Höfe in unserer Umgebung Ziele von Bettlern, dann gab es auch Überfälle, um Nahrungsmittel und Brennstoff zu erbeuten. Wir waren froh, daß wir als Jäger über mehrere Gewehre verfügten, außerdem hatte ich auf dem Schwarzmarkt eine AK-47 erworben. Scheinbar waren einige der Plünderer frühere Polizisten und Soldaten, die einfach ihre Dienstwaffen zum Rauben nutzten. Nicht wenige Menschen hatten Vorräte gehortet, aber die nützten ihnen nichts mehr, wenn sie irgendwann einen Haufen finsterer Gestalten mit Knüppeln und Knarren vor sich stehen sahen und sie nichts dagegen unternehmen konnten, daß ihnen alles abgenommen wurde. Nach rund einem Jahr begann das große Sterben, und aus Soest, Werl und dem Ruhrgebiet drangen die ersten Geschichten durch, daß die Menschen die Toten verzehrten.


Kapitel 3: Vergeblicher Kampf

Ich hatte Erwin bei der Wache abgelöst. Überfälle auf unseren Hof hatte es schon etliche gegeben, aber so systematisch und rücksichtslos wie diese ist noch niemand vorgegangen. Bald mußte es dunkel werden, so daß wir uns um den Windgenerator kümmern konnten. Besorgt hielten wir Wache und starrten in das Zwielicht, welches die Welt verhüllte. Aber die Sicht wurde am Nachmittag gut, so daß sich die Angreifer nicht mehr trauten. Schon der frühe Nachmittag brachte eine Verdunkelung des Zwielichts, weil das schräg einfallende Sonnenlicht durch viel mehr vulkanische Dunstschleier dringen mußte. Als das Licht fast gestorben war, nahm Erwin eine Taschenlampe und stieg auf den Mast, um das Windrad zu überprüfen. Bittere Kälte schnitt in seine Finger, denn er mußte für die Arbeit seine Handschuhe ausziehen. Mehrere Kugeln hatten das Gehäuse des Generators durchsiebt und waren in das Getriebe eingedrungen. Eine Kugel hatte ein Zahnrad so verformt, daß es sich an anderen Bauteilen verkantet hatte. Der Schwung des Windrades hatte die Mechanik ziemlich stark verformt. Erwin hämmerte und schraubte lange an den Bauteilen herum und schließlich setzte sich der Apparat wieder in Bewegung. Allerdings lief die Mechanik nicht ganz rund, und wir fürchteten, nach einiger Zeit des Betriebs könnte der Apparat ganz am Ende sein. Folglich beschlossen wir, den Generator nur noch als Reserve zu nutzen, falls der andere ausfiel. "Denkt nur, wenn sie die Spulen getroffen hätten! Dann wäre alles im Eimer und wir könnten nichts mehr reparieren!" Im Gerätehaus hatten wir noch ein paar dicke Bleche, und wir beschlossen, aus ihnen Panzerplatten anzufertigen. Den ganzen Abend waren wir damit beschäftigt, die Platten an den Generatoren hochzuziehen und zu montieren. Gegen einfache Gewehrkugeln, so hofften wir, waren die Windräder nun ausreichend geschützt. In der kommenden Nacht blieb alles ruhig, aber es war nur eine Frage der Zeit, bis sie ihr Glück wieder versuchten.

Zwei Tage später setzte gegen Abend dichtes Schneetreiben ein. Für die Wachen war dies ein Alptraum, denn man konnte kaum 15 Meter weit sehen. Deshalb mußten alle, für die Gewehre da waren, nach draußen und Wache schieben. Über fünf Stunden standen wir in der Kälte und starrten in die wirbelnde Dunkelheit. Dann hörten wir von nahe des Eingangs ein Motorengeräusch, und der Jeep mit den Räubern kam wieder angefahren. Er war in der Ferne nur schemenhaft zu erkennen, und so liefen die meisten von uns zu der Seite, aus der er kam. Wir schossen ein paarmal in Richtung des Motorengeräusches, dann warnte mein Vater: "Paßt auf, wir müssen auch die andere Seite des Hofes schützen!" Erwin und ich wollten gerade zurückgehen, als wir von der Scheune her ein orangefarbenes Flackern wahrnahmen. Ich rief gerade die anderen, als ich eine dunkle Gestalt in Richtung des Geräteschuppens rennen und einen Molotow-Cocktail hineinwerfen sah. Er zersprang an der Innenwand und erzeugte einen Flammenvorhang, der oben an den Dachbalken leckte. Dann verschwand die Gestalt hinter dem Wohnhaus, gerade, als wir unsere Gewehre auf sie richteten. Dort züngelte auf einmal eine leuchtende Flamme über das Dach und tauchte die Umgebung in ein orangefarbenes Licht. Wir alle gerieten in Panik und suchten nach Eimern, um das Feuer zu löschen. Doch die Flammen hatten sich rasch soweit ausgebreitet, daß wenigstens die Scheune nicht mehr zu retten war. Plötzlich kreischte meine Schwester im Wohnhaus auf. Ich dachte erst, es sei wegen dem Feuer. Aber dann sah ich die Figur, die den Brand gelegt hatte: Er hatte sich ihr Baby aus der Wiege gegriffen und rannte, den zappelnden und schreienden Säugling an einem Bein wie ein Huhn festhaltend, aus dem Haus. "Nicht schießen!", rief Erwin, als der Kerl wegrannte und sich anschickte, die Mauer zu überklettern. Wir standen vor Schock so starr, daß wir ihn weder aufhielten, noch den Brand weiter löschten. Wie sich bald herausstellen sollte, wäre es besser gewesen, wenn wir auf ihn geschossen hätten, selbst dann, wenn das Baby dabei getroffen worden wäre. Das Feuer fraß sich nun auch durch das Wohnhaus, und weil es schon lange kein fließendes Wasser zum Spritzen mehr gab, mußten wir welches aus dem Brunnen schöpfen. Doch das war viel zu wenig, um den tobenden Flammen Einhalt zu gebieten. Erwin beeilte sich, die Autos aus dem Gerätehaus zu fahren, auf die von oben schon Funken und brennende Holzstücke herabfielen. Meine Schwester weinte immer noch vor Entsetzen, und ihr Mann mußte sie aus dem Haus tragen. In großer Eile retteten wir noch ein paar Decken, Kleidungsstücke und Lebensmittel aus dem Haus, wobei wir uns manchmal selbst kräftig verbrannten. "Warum tun sie das?" fragte mein Vater entgeistert. "Wenn sie unsere Sachen haben wollen, warum zerstören sie sie dann?" In wenigen Minuten hatten sich die Flammen in allen Gebäuden ausgebreitet und legten sie in ihr flackerndes Licht. Mit knisterndem und fauchenden Geräusch sank unsere Heimstatt und Schutzburg in Schutt und Asche.


Kapitel 4: Das Grauen kommt zu uns

Stunden danach war alles niedergebrannt, nur ein Rest vom Stall war geblieben, kaum mehr als ein Unterstand. Der Heizöltank war noch in Ordnung, und weil wir die ganze Zeit mit dem Strom der Windräder geheizt hatten, konnten wir das Öl anstelle von Dieselkraftstoff in die Autos füllen. Ein paarmal hatten wir das schon getan; allerdings fuhren wir kaum mit den Autos. "Hier können wir nicht bleiben", meinte mein Vater, "unser Essen reicht nur noch für ein paar Tage. Und die Banditen werden wiederkommen!" Meine Schwester hatte nicht aufgehört zu weinen, und wir überlegten, was sie wohl mit dem Baby wollten. Von uns irgendwas erpressen? Erwin, ich und Max beschlossen, bei einsetzendem Tageslicht nach dem Kind zu suchen. Die Sicht war gut, und so ließen wir meinen Vater und die anderen mit der Kalaschnikow und einer Schrotflinte zurück. Es hatte zwar kräftig geschneit, die Spuren des Jeeps waren aber immer noch leicht zu erkennen. Wir fuhren ihnen mit dem Landrover nach. Natürlich befürchteten wir, in einen Hinterhalt zu geraten oder einer Übermacht gegenüber zu stehen. Doch nach gut 10 Minuten erreichten wir ein Landhaus, das an einer Straße gelegen war. Einiges deutete daraufhin, daß die Räuber hiergewesen waren, allerdings war kein Geräusch zu hören und nichts bewegte sich, außer durch den Wind. Auch von dem Jeep war nichts zu sehen, allerdings führten noch unverschneite Spuren auf der Straße weiter. Wir betraten also das Gebäude durch eine Tür, die sich ohne weiteres öffnen ließ. Vorsichtig und mit vorgehaltenen Gewehren schauten wir in die Räume. Dann gingen wir die Treppe nach oben und sahen ein Schlafzimmer. Der Anblick war alles andere als schön: Ein älteres Ehepaar hatte sich in der Verzweiflung gemeinsam ins Bett gelegt und offenbar Gift genommen, denn zwei leere Trinkbecher standen auf dem Nachttisch. Nun waren nur noch ihre Skelette mit ein paar Haut- und Haarfetzen übrig, die auf graubrauner Masse im Bett lagen, über allem hing ein großes, hölzernes Kruzifix an der Wand. Die Banditen hatten zwar alles mögliche in dem Haus durchsucht, aber teure Gegenstände kaum angerührt. Wir fanden sogar eine Schmuckschatulle, die zwar durchwühlt, aber nicht geplündert war; Goldketten und Brilliantenringe waren immer noch darin. Dann gingen wir im unteren Stock in die Küche. Auf dem Gasherd bemerkten wir zwei große Kochtöpfe; wir gingen hin und fühlten, daß das Wasser noch lauwarm war. Offenbar war es eine Art Brühe, die sie mit einer irgendwo aufgetriebenen Propangasflasche gekocht hatten. Auf dem Tisch standen vier gerade erst benutzte Teller und abgenagte Knochen. Dann rief mir Erwin mit einem sichtlich entsetzen Gesichtsausdruck zu: "Schau mal her!", wobei er auf einen Eimer am Rande des Tisches wies. Ich kam und sah mir den Eimer an. Darin waren zahlreiche Knochen, Rippen, Finger und ein in zwei Stücke gebrochener Schädel. Da sah ich: Dies waren Menschenknochen, Knochen eines sehr kleinen Menschen! Und alle noch ganz frisch, erst vor wenigen Stunden abgegessen! "Nicht hersehen!" sagte Erwin zum Mann meiner Schwester, doch der begriff, was passiert war. Er sagte kein Wort, doch wir alle konnten uns denken, was er jetzt dachte.

Und plötzlich war es uns auch klar, warum die Räuber unseren Hof zerstört hatten. Sie wußten, daß sie ihn nicht mitsamt den Lebensmittelvorräten erobern konnten, dafür waren wir zu stark. Wenn aber unsere Festung zerstört wurde, mußten wir dort herauskommen, so daß sie uns fangen konnten. Wir erkannten: Sie wollten nicht die Nahrung in unseren Vorratsräumen, nein, wir selbst waren die Nahrung! Rasch mußten wir zu den anderen zurückkehren, damit wir uns verteidigen und nötigenfalls anderswohin fliehen konnten. Wir sprangen in den Landrover und fuhren so schnell es ging zurück. Kaum kam der Hof in Sicht, hörten wir auch schon Schüsse knallen. Mein Vater konnte die Banditen mit der AK-47 im automatischen Modus ganz gut auf Distanz halten. "Die kaufen wir uns!" rief Erwin und steuerte den Wagen auf den Jeep der Räuber zu. Der Wagen schüttelte und rüttelte auf den Feldern, und wir mußten darauf achten, daß wir das Fahrwerk nicht an einem zugeschneiten Graben zerschlugen. Zunächst schossen wir nur aus der Ferne, dann kamen wir nahe heran. Max legte sein Gewehr an und zielte sorgfältig. Der Schuß knallte, einer der Insassen des Jeeps zuckte zusammen und fiel aus dem Wagen raus. Der Jeep raste weiter davon, und wir verfolgten ihn. Wir zielten ein paarmal auf die Reifen, trafen aber nicht, weil wir gerade über einen unebenen Acker fuhren. Auf einmal sackte der Jeep kurz ein, es krachte und er bäumte sich auf. Dann rutschte er noch ein paar Meter weiter und kam mit gebrochenen Achsen zum Stehen. Wir bremsten scharf, denn schließlich wollten wir nicht dasselbe Schicksal erleiden. Der Graben war gut einen Meter tief und komplett mit Schnee zugeweht, so daß wir tief einsanken, als wir ihn durchquerten. Dann kamen wir zu dem zerstörten Wagen, Max nahm sofort sein Gewehr und schoß dem ersten der Insassen in den Kopf. "Das ist für meinen Sohn!" schrie er. Doch Erwin riß das Gewehr runter und schrie zurück: "Verschwend keine Munition, die verrecken doch sowieso!" Die beiden anderen Gangster waren offenbar bei dem Unfall verletzt worden und lagen benommen da. Es waren dürre, ausgemergelte Gestalten, wie KZ-Häftlinge, aber mit böse funkelnden Augen und einem Eindruck, daß es sich um heruntergekommene Schlägertypen handelte. Max warf ihnen Blicke voller Haß und Verachtung zu. Wir nahmen ihnen die Waffen ab und durchsuchten sie und den Wagen nach Brauchbarem. Das wichtigste dürfte ein Funkgerät gewesen sein, mit dem man offenbar weltweit kommunizieren konnte. Ansonsten war kaum etwas zu finden, und so kehrten wir wieder zu den anderen zurück. "So, die wären wir los!" meinte Erwin, " wir haben ihre Waffen und jetzt können sie keinen Schaden mehr anrichten." Wir inspizierten ihre Waffen: Ein G3-Gewehr, offensichtlich aus Armeebeständen, sowie zwei Pistolen, wie sie Polizisten als Dienstwaffe trugen, außerdem eine Pump-Action-Schrotflinte. Munition hatten sie auch dabei; mit der hätten sie sich noch einen langen Krieg mit uns liefern können. "Schaut mal!", rief auf einmal mein Vater, und wies auf die vorherigen Angreifer in der Ferne. Man konnte sie nur undeutlich am Boden kauern sehen, weshalb ich das Jagdgewehr mit dem Zielfernrohr nahm, um nachzusehen. Die beiden Überlebenden saßen neben dem Wagen am Boden und machten sich über den Erschossenen her. Sie hatten einen Arm und die Brust in den Mund genommen und kauten das rohe Fleisch ab wie Raubtiere. Dann nahm Erwin das Gewehr und blickte durch das Fadenkreuz. Nach ein paar Sekunden schrie er laut "Bah!" und übergab sich fast. Etwas später erzählte er, weshalb: Einer hatte dem Toten ein Auge herausgepult, es am Sehnerv wie eine Kirsche hochgehalten und dann in seinen Mund hinabsinken lassen.

Ungläubig sahen wir uns die Szenerie an. Daß es infolge der Hungersnot Kannibalismus gab, hatten wir gerüchteweise gehört, und daß sie das Kind meiner Schwester verspeist hatten, war die grausame Bestätigung dieser Gerüchte. Doch daß sie nun ihre eigenen Leute auffraßen, schockierte uns doch. Ich erinnerte mich an Geschichten aus dem 2. Weltkrieg, aus dem belagerten Leningrad, wonach Mütter dort ihre neugeborenen Kinder töteten und aufaßen. Aber es waren Einzelfälle, und dies erschien uns lange her. Seit Kälte und Finsternis uns erreicht hatten, waren wir eigentlich kaum noch vom Hof weggegangen; wir hatten dort zwar karg gelebt, aber den wirklich beißenden Hunger hatten wir nie erfahren. Manchmal hörten wir etwas von Leuten aus benachbarten Höfen und Dörfern, aber das, was sie erzählten, erschien uns weit weg. Und irgendwann kamen gar keine Leute mehr, außer jenen, die mit vorgehaltener Waffe etwas zu erbeuten versuchten und die wir mit Blei abzufüllen trachteten. Einige der letzten Leute von außen, mit denen wir sprachen, erzählten, daß in den Städten schon ein Großteil der Bevölkerung gestorben sei. Doch noch schlimmer war, daß offenbar Kriminelle, die raubten und mordeten, die besten Überlebenschancen hatten. Die Regierung hatte Waffenbesitz in früheren Jahren verboten, und jetzt konnten sich die meisten Leute nicht schützen, wenn die Gangster nur in hinreichender Zahl und stark genug ankamen. Manche konnten sich eine Weile verstecken, aber auch das ging meist nicht lange gut. Ein Ehepaar war aus Bochum im Ruhrgebiet geflohen, nachdem die Banden ihnen alles abgenommen hatten. Tagelang hatten sie sich in menschenleeren Häusern versteckt, mehrfach entkamen sie nur knapp den Verbrechern. Ansonsten schien alles ausgestorben zu sein, an vielen Wohnungen waren die Türen eingetreten oder fehlten ganz, und sie fanden keine Menschen drinnen. Aus der Ferne konnten sie eine Gruppe in einem Hinterhof beobachten, wie sie eine tote Frau schleppten, zerstückelten und die Teile auf einen Grill legten. Ihr Magen drehte sich um. Nach einiger Zeit erreichten sie schließlich die ländlichen Regionen östlich des Ruhrgebiets. Doch gab es weder Nahrung noch richtige Unterkunft; sie schliefen in verlassenen Häusern, durch deren leere Fensterhöhlen der eisige Wind pfiff. In einem Haus sahen sie ins leere Kinderzimmer. Sie fanden eine dieser Puppen, die im Bauch ein Geheimfach haben, und als sie es öffneten, fanden sie darin noch Schokolade und Bonbons, die auf dem weiteren Weg als Zehrung dienten. Der einförmig graue Himmel erlaubte kaum eine Orientierung, und so versuchten sie, den Straßenschildern zu folgen. Doch dann standen sie vor unserem Hof, und wir standen vor der Entscheidung, ob wir sie aufnehmen oder weiterschicken sollten. Wenn wir sie aufnahmen, so fürchteten wir, würden noch mehr Leute kommen und unsere eigenen Lebensmittel gingen zu früh zur Neige. Daher beschlossen wir, sie für eine Nacht aufzunehmen und ihnen etwas zu essen zu geben, aber am nächsten Morgen mußten sie weiterziehen. Keiner wußte, ob es weiter östlich noch Höfe oder Siedlungen mit Nahrungsmitteln gab. Wahrscheinlich haben sie nicht mehr lange überlebt. Was sie uns aber erzählt hatten, war wirklich erschreckend. Uns kam bald der beschämende Gedanke, daß unsere Ethik, die uns Menschenfresserei verbot, in dieser Zeit ein reiner Luxus war.


Kapitel 5: Vertrieben

Nun standen wir vor der Frage, was wir tun sollten. Die wenigen Lebensmittel, die wir retten konnten, reichten noch für höchstens zwei Tage, und hier gab es nichts mehr. Wieder entschlossen wir uns, zu warten und zu überlegen. Im Rest des Stalls machten wir es uns bequem, soweit das ging. Wir konnten versuchen, weiter nach Osten zu gehen, ob dort vielleicht andere Höfe oder sonstige Nahrungsmittelvorräte waren. Vielleicht war auch im Süden, im Sauerland, noch eine Talsperre in Betrieb und lieferte etwas Strom, so daß es dort vielleicht auch Menschen mit Nahrungsmittelvorräten gab. Oder wir konnten versuchen, ins Ruhrgebiet vorzudringen, um dort etwas zu finden. Als wir so überlegten, sahen wir in der Ferne die beiden entwaffneten Banditen, wie sie auch den zuerst aus dem Wagen geschossenen Kumpanen wegzogen und, die beiden Erschossenen am Boden hinter sich herziehend, langsam davontrotteten. Auch sie hatten für die nächsten Tage noch zu essen. Erwin, mein Vater und meine Schwester befürworteten einen Abmarsch nach Osten, doch die beiden Nachbarn und ich hofften, am ehesten im Westen, im Ruhrgebiet oder am Rhein, eine Möglichkeit zum Überleben zu finden. "Das Ruhrgebiet muß jetzt ganz menschenleer sein", vermutete ich. Meine Mutter enthielt sich, weil sie sich nicht entscheiden konnte: "Macht nur, was ihr für gut haltet! Es ist doch ohnehin egal. Damit lag die Entscheidung bei Max. "Wenn es irgendwo Lebensmittel gibt, dann müssen sie aus wärmeren Gegenden der Erde herangeschafft werden. Wir sollten schauen, ob es vielleicht im Hafen von Duisburg was gibt." überlegte er laut. Eine Diskussion entbrannte, ob man das Ruhrgebiet überhaupt durchqueren könne. Wir hatten zwar die Autos, und der Sprit würde auch reichen, aber wenn dort noch Menschen am Leben waren, würden sie auf jeden anderen lauern, um ihn auszurauben und wahrscheinlich auch zu verspeisen. Aber wir hatten doch unsere Gewehre, und außerdem hatten wir mit unseren Nahrungsvorräten länger ausgeharrt als alle anderen. Vielleicht waren die Banden ja auch schon alle tot, verhungert. "Im Ruhrgebiet gibt es nichts mehr zu essen!", entgegnete dann mein Vater, "wir werden dort alle elend verhungern!" Doch die Häfen am Rhein waren eine Hoffnung, und vielleicht konnten wir sogar nach Rotterdam weiterfahren, wenn es an den Binnenhäfen nichts gab. Wir drehten etwas an dem Funkgerät, konnten aber nichts empfangen. Womöglich antwortete auch niemand, weil sich die Menschen selbst schützen wollten. Denn wir vermuteten, daß die Gangster, die das Gerät vorher hatten, damit Menschen kontaktierten, um ihren Aufenthaltsort herauszukriegen und sie dann zu überfallen, zu töten und aufzufressen. Max war jedenfalls dafür, daß wir zum Rhein vordringen sollten. Doch er wollte in der Nacht noch einmal nachdenken. Zur Abwechslung fragte ich Erwin, ob er sich denn vorstellen könne, Menschenfleisch zu essen. Der schüttelte den Kopf und antwortete nur: "Niemals!" Dann legten wir uns schlafen, nur meine Mutter und ein Nachbar hielten Wache. Aber es war niemand mehr in der Umgebung, der uns Schaden hätte zufügen können.

Wir erwachten am nächsten Morgen und wuschen uns notdürftig mit Schnee. Es war deutlich wärmer als am Vortag, und der Schnee war feucht und pappig. Von den verbliebenen Lebensmitteln bereiteten wir ein karges Frühstück, dann stimmten wir endgültig über die Fahrtrichtung ab. Max blieb bei seiner Meinung, und meine Mutter stimmte auch der Fahrt durch das Ruhrgebiet zu. Die Fahrtroute war auch schnell festgelegt: Es ging ein ganzes Stück über die Landstraße, bis wir auf die Autobahn A44 in Richtung Dortmund kamen. Dann führte der Weg weiter über die B1 und A40 in Richtung Duisburg. So einfach klang es, aber niemand wußte, in welchem Zustand die Straßen waren. Vielleicht waren Brücken zerstört oder sogar Minen verlegt. Womöglich hatten sich die menschenfressenden Gauner auch an den Straßenrändern verschanzt und versuchten, ihre Opfer in Fallen zu locken. Doch dadurch konnten wir uns nicht abhalten lassen. Wir füllten soviel Heizöl wie wir konnten in Behälter, die wir gerade da hatten: Milch- und Gießkannen, Eimer und Einmachgläser, Wein- und Sprudelflaschen, sowie ein altes Aquarium. Die Idee kam, ein oder zwei Autos stehen zu lassen, damit wir nicht soviel Sprit verbrauchten, aber das war nicht unser Problem. Auch waren alles Dieselfahrzeuge, die mit dem Heizöl fahren konnten - normales Benzin gab es schon lange keines mehr. Es waren der Landrover, der bei den Straßenverhältnissen und den Sachen, die wir mitnehmen mußten, wohl unentbehrlich war, der bequeme Mercedes meines Vaters und der Golf TDI von Max und meiner Schwester. Alles, was wir noch hatten, packten wir in die Autos, dann stiegen wir ein. Meine Schwester und Max in ihren Golf, Erwin, ein Nachbar und ich in den Geländewagen und Vater, Mutter und der andere Nachbar in den Benz. Wir starteten die Motoren und fuhren los. Wehmütig blickte ich auf meine verlorene Heimat zurück: die noch qualmenden Ruinen der Häuser, der Vorhof, die beiden Windräder, von denen sich das eine immer noch drehte, die Mauer, die uns so lange geschützt hatte. Die Zufahrtsstraße zum Hof war einmal eine schöne Allee, aber wir konnten unmöglich die Nachbarn daran hindern, die Bäume zu fällen und zu Brennholz zu verarbeiten, denn die Not war groß. Tiefer Schnee lag auf dem Asphaltweg, der schnurgerade zur nächsten Landstraße führte.

Die Fahrt auf der Landstraße war äußerst beschwerlich. Niemand hatte mehr den Schnee weggeräumt, und so war der Verlauf der Straße an vielen Stellen kaum noch zu erkennen, denn in Senken waren auch die Seitenpfosten zugedeckt. Wir mußten aufpassen, daß wir nicht in verschneite Hindernisse am Boden krachten oder in einen Graben fielen. Probleme bereitete uns auch das Tauwetter, das in der Nacht eingesetzt hatte. Das Außenthermometer zeigte mittlerweile sieben Grad Celsius an, und in der Landschaft entstanden Bäche und Seen, nicht wenige auf den Straßen, weil die Abflußgräben noch voll Schnee waren. Es war merkwürdig, durch diese Landschaft zu fahren. Oft hatte der Schnee dieselbe weißgraue Farbe wie der dunstige Himmel, so daß man den Horizont gar nicht mehr erkennen konnte. Nirgendwo waren Vögel oder andere Tiere zu erkennen. Ein Teil der Wälder stand noch, große Teile waren aber auch abgeholzt, vor allem in der Nähe von Ortschaften. Wir kamen durch das Dorf, in dem ich zur Schule gegangen war, etwa 3000 Einwohner hatte es vor dem Winter. Jetzt waren die Häuser leer und verlassen, keine Hunde, keine Katzen, keine Menschen. Ein paar Kilometer dahinter fanden wir an einem Brückenpfeiler in einer Kurve ein verschneites Autowrack. Es war ein Ferrari-Sportwagen, in dessen Resten die verwesten Leichen von drei Jugendlichen lagen. Offenbar hatten sie den Wagen geklaut und damit eine Spritztour gemacht, doch der Schnee und die Glätte hatten sie an diesem Brückenpfeiler enden lassen. Noch ein paar Kilometer weiter entdeckten wir einen weiteren Unfallwagen. Uns fiel auf, daß die Leiche des Fahrers nur wenig verwest war, was darauf hindeutete, daß er erst in den letzten Wintermonaten umgekommen war, wo die dauernden Frosttemperaturen seinen Leib am Verfaulen hinderten. Dafür waren große Stücke Fleisch aus seinem Körper geschnitten, vor allem aus der Brust und den Oberschenkeln; ein Arm war ganz abgetrennt und fehlte. Wir kamen wegen dem Schnee nur langsam voran, wobei vor allem die normalen Autos ihre Probleme hatten, in größeren Schneetiefen zurechtzukommen. Mehrfach blieben sie stecken, und wir mußten sie mit dem Geländewagen herausziehen. Nicht selten fuhren wir auch von der Straße ab und um problematische Ecken herum. Die meisten Gebäude waren nur teilweise zerstört; soweit die Menschen Holz zum Heizen brauchten, hatten sie Teile der Einrichtungen zerhackt und verfeuert. Nur an wenigen Orten waren Spuren von Gewaltanwendung zu erkennen. Offenbar war diese Gegend still und leise zugrunde gegangen. Es gab weder Fallen noch irgendwelche Andeutungen drohender Überfälle. Geschlagene vier Stunden brauchten wir für etwas mehr als 30 Kilometer Landstraße, bis wir endlich die blauen Schilder der Autobahnauffahrt sahen.

Die A44 war auch verschneit, aber nicht so stark wie die Senken der Landstraßen. Und das war auch gut so. Das Tauwetter hatte mittlerweile eine regelrechte Seenlandschaft geschaffen. Unter unseren Reifen spritzte der Schneematsch, als wir auf der Asphaltpiste Gas gaben. Seit Wochen konnte hier niemand mehr langgefahren sein, denn Spuren waren kaum zu erkennen. Wir konnten ein gutes Tempo machen; Zerstörungen oder größere Hindernisse waren keine da. Allerdings waren einige Fahrzeuge liegengeblieben, denen wir ausweichen mußten. Bis zum Unnaer Kreuz kamen wir ganz gut voran. Dort war auf einmal die Strecke voller Fahrzeugwracks, viele demoliert, ausgebrannt und von Kugeln durchsiebt. Vorsichtig und mit vorgehaltenen Waffen durchsuchten wir den Ort. Offenbar waren die Wracks schon seit längerer Zeit hier, denn in alle waren schon Schnee und Feuchtigkeit eingedrungen. Einige waren quer über die Fahrbahn gestellt, so daß man in einer Schlangenlinie zwischen ihnen durchfahren mußte. Leichen waren keine zu sehen an dieser unheimlichen Straßensperre. Dann suchten wir etwas abseits und fanden eine kleine Hütte, die vermutlich früher von Autobahnarbeitern genutzt wurde. Die Tür war verschlossen und die Fenster waren fast blind. Mit einem kräftigen Tritt verschaffte sich Erwin Zugang. Was wir sahen, war wohl eine Art Restaurant, ein Restaurant des Grauens. Ein großer Kochtopf war auf einem Standofen, fast so, wie wir es bei den Angreifern auf unseren Hof gesehen hatten. Ein Mülleimer war voll mit menschlichen Knochen. Auch eine Bratpfanne war da, in der noch vertrocknete Reste menschlicher Gliedmaßen waren. Dabei schienen sich die Kannibalen, die hier hausten, noch eine gewisse Art von Feinschmeckertum bewahrt zu haben, wenn man das so sagen konnte. Es standen verschiedene Sorten von Ketchup und Gewürzen herum. Mein Blick fiel auf ein Stück Oberarm in der Bratpfanne; ich stellte es mir vor, heiß und vor Fett triefend, mit Salz, Pfeffer und Paprika gewürzt, dazu eine kräftige Portion Ketchup... Klar, hier hatten welche gehaust und Reisende auf der Autobahn abgefangen, um sie regelrecht zur Schlachtbank zu führen. Wir gingen außen um die Hütte herum und fanden einen Berg von Knochen, sowie Kleidungsstücke der Opfer. Etwas weiter hinten im Gebüsch fanden wir dann sechs Männer und zwei Frauen, alle mit Genickschüssen hingerichtet. Die hatten ihre gerechte Strafe bekommen! Oder war es doch nur der Hunger, der sie dazu trieb?


Kapitel 6: Ruinen der Zivilisation

Schnell machten wir uns auf den Weg zurück zu unseren Autos. Erwin meinte, ich sähe mit der Kalaschnikow aus wie ein verwegener Guerilliakämpfer. Das Sturmgewehr mit dem großen, krummen Magazin war in weiten Teilen der Welt ein Symbol für grausame Bürgerkriege, Terrorismus und Anarchie - so jetzt auch bei uns, wo wir so etwas brauchten, um uns zu schützen. Den Stopp nutzten wir, um Sprit nachzufüllen. Vor allem das alte Aquarium war als Kraftstoffbehälter denkbar ungeeignet, und wir konnten es nur mit großem Aufwand so verschließen, daß der Sprit nicht in den ganzen Wagen schwappte. Umso froher waren wir, daß wir seinen Sprit nun in die Wagen füllen konnten. Alle hatten im tiefen Schnee mehr verbraucht als sonst auf der Straße, so daß der ganze Inhalt in die Tanks paßte. Der Tag verdunkelte sich schon langsam, als das Licht am Nachmittag immer schräger und immer weiter durch die Dunstmassen dringen mußte und wir die Außenbezirke von Dortmund erreichten, die früher so staugeplagte B1. Jetzt würden wir bald sehen, wie das Ruhrgebiet aussah, nach über einem Jahr Kälte und Hunger. War es völlig menschenleer, oder waren es rivalisierende Banden von Kannibalen, die alles beherrschten? Oder gab es sogar noch Bereiche, wo Recht und Ordnung herrschten und Menschen so normal wie möglich lebten? Es waren mehr liegengebliebene Fahrzeuge da als in den ländlichen Regionen, aber wir wurden weder angegriffen noch durch Straßensperren aufgehalten. Dann kamen wir an die Stelle, wo die Straßenbahn aus dem Vorort Aplerbeck kreuzte. Die Straßenbahnschienen waren mit einem Bagger herausgerissen und zu einer grotesken Straßensperre umfunktioniert worden. Dazu waren Fahrzeuge seitlich quer umgestürzt und Sandsackbarrieren aufgeschichtet worden. Aber es war niemand da, der uns hätte aufhalten können. Zum Durchkommen blieben uns nur entweder links das Gelände der Aplerbecker Psychiatrie oder rechts der Hauptfriedhof. Wir entschieden uns für den Friedhof. Ungewöhnlich war es schon, hier mit dem schweren Geländewagen über die Friedhofswege zu fahren. Alle Bäume hier waren längst gefällt und verfeuert worden. Auf den zuvor freien Rasenflächen hatte man Massengräber ausgebaggert und die Toten zu Hunderten hineingekippt. Einige hatten auch noch normale Gräber bekommen. Bei genauem Hinsehen bemerkten wir noch eine weitere Besonderheit: Einige Gräber waren wild aufgegraben worden, Knochen und Leichenteile lagen herum. Die Grabschänder hatten aber offensichtlich nur da zugeschlagen, wo frische Gestecke und Kränze die Gräber zierten. Ausgegrabene Knochen waren sichtbar abgegessen worden. Die Schneedecke war mittlerweile merklich dünner geworden, und so konnte man viele Details erkennen. Ein Stück weiter fuhren wir wieder auf die B1, früher eine Allee, nunmehr eine kahle Stadtstraße. Zahllose Autos, teils in relativ gutem Zustand, teils Wracks, lagen herum, so daß wir im Slalom fahren mußten. Wenige Kilometer vor uns ragte der Fernsehturm auf, als solcher noch intakt, wobei aber das Restaurant und die Funkanlagen oben arg lädiert waren und Brandspuren zeigten. Kurz danach kamen wir zur Westfalenhalle, die auch noch stand. Noch immer war es schwierig, in dem Schnee zu fahren, und so beschlossen wir, hier zu übernachten und am nächsten Tag weiterzufahren, wenn hoffentlich der meiste Schnee abgetaut sein würde.

Die ganze Zeit hatten wir keine Menschenseele gesehen und außer auf dem Friedhof auch keine Leichen. Vielleicht hatten sich ja Leute versteckt und warteten nur auf eine Gelegenheit, uns zu überfallen. Womöglich hatte ja auch jemand die alten Kohlezechen wieder in Betrieb genommen und so das Überleben für einige gesichert. In den ersten Wochen, in denen die Finsternis alles bedeckte, wurde in Radio und Fernsehen davon berichtet. Allerdings war der technische Aufwand für die Wiederinbetriebnahme der Schächte und unterirdischen Stollen viel zu groß. Und vor allem: Kohle konnte man nicht essen, jedenfalls wurde man nicht satt davon. Es gab in dieser Zeit viele Ideen, wie jene, daß man den Zellstoff von Holz zu Zucker umwandeln könne, um die Nahrungsversorgung zu sichern. Doch die Anlagen fehlten und es war nicht mehr möglich, neue zu errichten und in Betrieb zu nehmen. Wir waren auf der B1 und sind auch kurz in einige Hauptstraßen hineingefahren, doch nirgendwo fanden sich im Schnee Spuren. Daraus schlossen wir, daß hier wirklich niemand mehr am Leben war.

Unsere Autos stellten wir direkt vor der Westfalenhalle ab. Die hatte offenbar in den Tagen der Finsternis eine christliche Gruppe genutzt, denn über dem Eingang waren Kreuze und ein Spruchband angebracht: "Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein; denn das Erste ist vergangen." Wir betraten die Halle, und im Inneren des Rundbaus war eine riesige Bühne mit einem Altar aufgebaut. Religiöse Motive schmückten die Wände, sowie Transparente mit Sprüchen aus der Offenbarung des Johannes. Sie lauteten:

"Und er tat den Brunnen des Abgrunds auf, und es stieg auf ein Rauch aus dem Brunnen wie der Rauch eines großen Ofens, und es wurden verfinstert die Sonne und die Luft von dem Rauch des Brunnens."
"Und es wurde geschlagen der dritte Teil der Sonne und der dritte Teil des Mondes und der dritte Teil der Sterne, so daß ihr dritter Teil verfinstert wurde und den dritten Teil des Tages das Licht nicht schien, und in der Nacht desgleichen."
"Und Babylon, der großen, wurde gedacht vor Gott, daß ihr gegeben werde der Kelch mit dem Wein seines grimmigen Zorns."

Offensichtlich hatten sich hier viele Menschen zum Beten eingefunden, als die Finsternis auch nach Wochen nicht aufhörte und die Kälte einsetzte. Tagaus, tagein wurden Gottesdienste gefeiert, und wir fanden auch Büßerkutten auf den Sitzrängen. Sie müssen hier geschlafen und gegessen haben, solange es noch etwas gab. Als alles Beten nichts half, blieben sie trotzdem gottesfürchtig hier; sie legten sich, als sie zu schwach zum Stehen und Sitzen waren. Einige Bibeln und Gotteslob-Liederbücher waren auch noch zu finden; man hatte sie doch nicht verfeuert. In einigen Nebenräumen fanden wir dann Leichenkammern. Man hatte die Toten dorthin gebracht und einfach verwesen lassen. Darum waren sie auch noch dort, mehr oder minder stark zerfallen, mit wimmelnden Maden, die zuerst starben, waren schon skelettiert. Die Leichen jener, die später starben, waren dagegen dem Hunger der noch Lebenden zum Opfer gefallen. Ihre Knochen fanden sich in einer anderen Kammer, in die sie zusammen mit dem Müll geworfen worden waren.

Wir gingen aus der Halle wieder nach draußen, jetzt die Straße hinter der Halle entlang. Links vor uns lag das Westfalenstadion, wie die meisten Gebäude hier nur wenig zerstört. Die Absperrungen waren eingedrückt und ausgehebelt, weshalb wir ohne weiteres hineinkamen. Auf der Rasenfläche war in über einem Jahr nichts nachgewachsen, während auf Tribünendächern und Sitzen Schnee und Vulkanasche lagen. Scheinbar war das Stadion verlassen worden und nach Beginn der Dunkelheit ist kaum noch jemand hineingekommen. Jetzt standen wir im Halbdunkel des Abends am Spielfeldrand, die Silouetten der Tribünendachverstrebungen ragten unheimlich in den düsteren Himmel. Durch das Tauwetter und die verstopften Abflüsse hatte sich das Spielfeld in eine große Wasserfläche, durchsetzt mit Schneeresten, verwandelt. Erwin ging den Zuschauerrang hoch und lieferte ein groteskes Schauspiel. Er reckte die Arme in die Höhe, wippte mit ihnen im Takt und gröhlte: "Und schon wieder Deutscher Meister BVB!" Wir erstickten fast vor Lachen ob dieser Darbietung. Ich konnte mich noch genau erinnern: Das letzte Fußballspiel war hier an jenem Samstag, bevor die Aschewolken Deutschland verhüllten. Es war das große Spiel Dortmund gegen Bayern München. Vor Beginn hatte es eine Gedenkminute für die Opfer des Vulkanausbruchs in Amerika gegeben. Dann fand das Spiel statt, und Dortmund gewann mit 3:2 gegen die Bayern. Viele feierten bis in die Nacht und kamen dann auf der Heimfahrt mit ihren Autos in den Ascheregen oder waren verwirrt, weil sie zwar bis mittags geschlafen hatten, es aber immer noch finster war. Und die Erinnerung an die Gedenkminute bekam einen unangenehmen Beigeschmack. Ich stieg auf das Tribünendach, von wo ich die Stadt überblicken konnte. Nach Norden hin erstreckte sich ein Häusermeer, finster, ausgestorben und unheimlich, kein Licht war in der fortgeschrittenen Dämmerung zu sehen. Vom Stadion gingen wir zurück, wir parkten die Autos unter dem Vordach der Westfalenhalle und legten uns in einer Pförtnerloge zum Schlafen. Je einer hielt Wache, was aber nicht nötig war. Außer dem Pfeifen des Windes und dem Tropfen des Schmelzwassers gab es keine Geräusche.

Am nächsten Morgen blickten wir nach draußen und bemerkten, daß der Schnee zum Großteil geschmolzen war. Ein wenig schauten wir uns noch in den Gebäuden entlang der B1 um, größtenteils Verwaltungsgebäude und Hotels. Es war wie überall: Die Zimmer durchwühlt, brennbare Sachen herausgesucht und verbrannt. An zahlreichen Stellen war die Asche angehäuft, die von den Feuern übrigblieb. Dann kamen wir auch zu ein paar Wohnhäusern, wo nachher noch mehr Menschen gelebt hatten. Vielfach wurden auch die Feuer in geschlossenen Räumen gemacht und der Rauch durch selbstgebastelte Rohre ais dem Fenstern geleitet. Ein paar alte Fässer, Konservendosen und Auspuffrohre hatten gereicht, um einen provisorischen Ofen zu bauen. Besonders gefragt waren offenbar die dicken Auspuffrohre, die Angeber unter ihren getunten Autos hatten. Manches Zierstück eines aufgemotzten Wagens diente in den letzten Monaten der Zivilisation dazu, den Rauch einer improvisierten Feuerstelle nach draußen zu leiten. Auch die Spuren von Kannibalismus fanden sich stellenweise, aber wohl längst nicht überall. Die Kannibalen hatten länger überlebt als jene, die diese letzte Hürde menschlicher Ethik nicht überwanden. Und so galt am Ende die Alternative: Menschen fressen oder von Menschen gefressen werden. Wir kehrten zurück zu unseren Wagen und nahmen unser Frühstück ein. Es waren die letzten Vorräte von Brot, Getreide und Fleisch. Schon zum Mittag würde keine Mahlzeit mehr unsere Mägen füllen.


Kapitel 7: Ein stummer Frühling

Die Straße war jetzt einfacher zu befahren, weil der Schnee weitgehend weggeschmolzen war. Trotzdem mußten wir überall herumliegenden Autos ausweichen, teilweise hatten rivalisierende Gruppen Straßensperren errichtet, die wir erst umfahren oder räumen mußten. Überall waren die Spuren des letzten Todeskampfes der Menschen zu sehen: Die Banden der Kannibalen hatten sich in ihren Stellungen verschanzt und Opfer verspeist, solange sie noch welche fanden. Dann begannen sie, sich gegenseitig umzubringen und aufzufressen. In einer der Stellungen fanden wir gefaltete Papierzettel in einer Metalldose, von denen einer mit einem Kreuz markiert war. Sie hatten also gelost, wer von ihnen nicht mehr weiterleben und den anderen als Nahrung dienen sollte. Die letzten schließlich waren entweder verhungert oder erfroren, anderswo hatten einige auch Selbstmord begangen. Wir sahen ihre Leichen, unversehrt und nach dem Winter nur wenig verwest. Jetzt, wo etwas Wärme eingesetzt hatte, fingen sie an zu stinken. Doch es war nur an den wenigen Stellen, wo noch Leichen lagen, kein Todesgeruch hing überall in der Luft. Die Menschen, die zu Kannibalen wurden, hatten gewissermaßen ihre Umwelt saubergehalten. Uns beeindruckte immer wieder, mit welcher Sorgfalt sie ihre Speisen verzehrten. Alle Knochen waren sauber abgenagt, nirgendwo fanden wir die Überreste von ekligen Fetten und Gekröse. Aus den Schädeln waren Augen und Gehirn restlos ausgekratzt worden. Wir hatten das Stadtgebiet von Dortmund verlassen, und langsam, aber besser als am Vortag, kamen wir auf der A40 in Richtung Bochum und Essen voran.

Unsere Vorsicht ließen wir nach und nach zurück, weil wir absolut keinem lebenden Wesen begegneten. Selbst Kakerlaken schienen ausgerottet zu sein. Wenn wir ausstiegen und die Umgebung erkundeten, hatten wir zwar noch unsere Waffen dabei, aber nicht mehr dauernd im Anschlag. Außerdem waren wir an etlichen Stellen vorbeigekommen, die eigentlich typische Fallen gewesen wären, wo aber nichts passierte. Durch Bochum fuhren wir hindurch, ohne größere Stopps einzulegen. Von hier hatte sich das Ehepaar durchgeschlagen, das an unserem Hof vorbeigeschaut hatte und von dem wir die schlimmen Schauergeschichten über die Zustände im Ruhrgebiet gehört hatten. Es hätte kaum etwas Neues gegenüber Dortmund gebracht; die Städte unterschieden sich nicht groß voneinander. Erwin drehte an dem Funkgerät, das wir den Angreifern an unserem Hof abgenommen hatten, aber es kam nur Rauschen. Einmal hörten wir ein kurzes Knacken, dann Ruhe, dann wieder Rauschen. "Ob da was war?" sagte ich mit fragendem Ton. "Wohl nur ein Wackelkontakt", entgegnete Erwin. Nun war die Mittagszeit, wo wir normalerweise zu Mittag aßen. Doch es gab nichts mehr. Noch war es kein Problem, aber schon bald würde der Hunger in unseren Bäuchen zu kneifen beginnen und wir würden vor demselben Problem stehen wie die letzten Menschen hier vor einiger Zeit. Vielleicht würde auch bei uns die ethische Barriere gegen die Menschenfresserei fallen, aber wir waren schlicht zu spät gekommen, um uns damit noch länger am Leben zu halten, denn es gab keine anderen Menschen mehr. Ich konnte es mir kaum vorstellen, einen Menschen, dem ich gegenüberstand und mit dem ich sprach, als Mahlzeit zu verzehren. Doch dann dachte ich an die Tiere auf dem Hof. Die Schweine und Gänse waren auch liebe Tiere, mit denen man wie mit guten Freunden zusammen sein konnte. Sie hatten Namen und wir sprachen mit ihnen, nur, daß sie uns nicht antworten konnten. Und irgendwann landeten diese freundlichen Kreaturen dann doch im Ofen oder Kochtopf, und wir aßen mit Freude den leckeren Braten. Unsere Freunde, die Tiere, schnitten wir mit Messer und Gabel in Stücke und verschlangen sie. Warum sollte das nicht auch mit Menschen gehen? Ich haßte diesen Gedanken, aber dennoch erschien er mir logisch und nachvollziehbar.

Die A40 wurde dreispurig, und die ersten Vororte von Essen tauchten auf. Das war die Gegend, die normalerweise staugeplagt war bis zum Gehtnichtmehr. Stundenlang stand man hier wochentags herum. Auch hier war vielerorts die Strecke durch quergestellte und umgestürzte Autos blockiert, die uns komplizierte Ausweichmanöver abverlangten. Dann erreichten wir die Innenstadt von Essen, wo Hochhäuser auch jetzt noch den Horizont bestimmten. Ein Großteil der Fenster, welche einst die schimmernden Glasfassaden ausmachten, war zerstört, aber die Gebäude standen noch. Einzelne Stockwerke waren ausgebrannt, doch die Stahlskelette hatten standgehalten. Ein Problem war der Tunnel unter der Innenstadt. Er war durch mehrere quergestellte Lastwagen blockiert, so daß weder ein Ausweichen noch ein Wegschieben der Hindernisse möglich war. Das einzige, was wir machen konnten, war, zur nächsten Ausfahrt zurückzufahren und sich auf den Weg durch das Stadtgebiet zu machen. Die Straßen in Essen waren groß und gut ausgebaut, so daß es kein größeres Problem sein sollte. Wir wollten es uns nicht nehmen lassen, ganz oben auf eines der Hochhäuser zu steigen und einen Blick über Essen zu erhaschen. Schon in Dortmund waren wir ja auf das Dach des Stadions gestiegen, aber der war nicht annähernd so hoch und außerdem war es fast dunkel. Nun war die Innenstadt von Essen auch keine große Zierde. Viele Bauten waren einfach nur trist und grau, nun war auch noch die Vegetation weg. Einmal meinten wir, in der Ferne das Motorengeräusch eines Fahrzeuges zu hören. Wir vermuteten aber letztlich, daß es sich um eine Täuschung handelte. Wind, der sich an Gebäudekanten verwirbelte, erzeugte bisweilen merkwürdige Geräusche. Ansonsten war alles still. Es war wie in einer Wüste, nur, daß Menschen ihre Formen geschaffen hatten. Nicht nur die Lufttemperatur, sondern auch die graue Gebäudewüste unter dem gleichförmig grauen Himmel erzeugten einen Eindruck unangenehmer Kälte. Die Außentemperatur hatte mittlerweile acht Grad Celsius erreicht, womit es in diesem Jahr eigentlich am wärmsten war. Doch dafür, daß wir fast Juni hatten, war es noch immer eisig. Ein Vorsommertag im Vulkanwinter.


Kapitel 8: Bittere Enttäuschung

Einer unserer Nachbarn war bei den Wagen zurückgeblieben und erwartete uns. Als er uns in dem Gebäude herunterlaufen sah, rief er und winkte in unsere Richtung. Wir überlegten, was er wohl haben könnte. Dann kamen wir zum Wagen und sahen ihn mit dem Funkgerät herumhantieren. "Hört mal!", rief er, "ich habe Kontakt zu jemand anderem!". Sofort kamen wir hinzu und hörten, was denn da war. "Hello! Are you still there?", fragte der Nachbar auf Englisch. Durch das Rauschen ertönte schwach eine Stimme, die auf die Ansprache reagierte. Wir fragten ihn, wo er sei und wie er an seinem Ort lebte. Es dauerte lange, bis wir seine Erklärungen verstanden. Etwas Englisch konnten wir alle, aber nicht wirklich gut, und für den Gegenüber in der Ferne war es auch nicht die Muttersprache. Er antwortete, daß er in Brasilien auf einem Schiff im Bereich der Amazonasmündung sei. Dann fragte er uns, wo wir seien. Wir antworteten wahrheitsgemäß, daß wir in Deutschland von unserem Hof gehen mußten und uns nun durch das Ruhrgebiet in Richtung Rhein bewegten. Genaue Angaben machten wir nicht, denn wir fürchteten, daß jemand den Funk abhörte und uns daraufhin überfiel. Der Mann wunderte sich, daß in Deutschland noch jemand am Leben war: "We were thinking you all froze to death". Er gehörte zu einer Gruppe aus Frankreich, die sofort nach dem Vulkanausbruch, in Erwartung der großen Kälte und Hungersnot, eine Luxusyacht mit Lebensmittelvorräten beladen hatten und in Richtung Tropen aufgebrochen waren. Ich erinnerte mich an die Zeit, als ich noch ein Kind war, jene Zeit, in der sich alle vor einem drohenden, weltweiten Atomkrieg fürchteten. Damals glaubte man, dem Krieg würde ein nuklearer Winter folgen, der für Europa ständig Polartemperaturen und selbst in den Tropen dauerhafte Minusgrade bewirkte. Erwin und ich hatten überlegt, daß man, um den befürchteten nuklearen Winter zu überleben, möglichst schnell in Richtung der tropischen Regenwälder reisen sollte, wo es am ehesten wieder Nahrung gab. Dieser Mann und seine Gefährten hatten dasselbe getan und so immerhin bis heute überlebt. Dann stellten wir die entscheidende Frage, nämlich, ob es in Brasilien Nahrungsmittel gäbe, die vielleicht nach Europa exportiert werden könnten. Was wir in gebrochenem Englisch, schwer verständlich und durch Rauschen verzerrt verstanden, war die wohl schlimmste Enttäuschung auf unserer ganzen Reise.

Es gab in Brasilien nicht diese Kälte wie in Europa, wobei es aber dennoch im Laufe des ersten Jahres einige Male im Amazonasgebiet geschneit und gefroren hatte. Doch die Finsternis hatte auch dort den Himmel monatelang weitgehend verdunkelt, dann, als die Asche weitgehend ausgefallen war, standen noch immer die aus Schwefelgasen entstandenen Dunstschleier in den oberen Schichten der Atmosphäre. Wie Erwin es im Bezug auf frühere Forschungsergebnisse erwähnt hatte, waren die Asche und damit die völlige Finsternis nach einigen Monaten verschwunden, aber die Schwefelgase bildeten einen Schwefelsäurenebel, der sich in der oberen Atmosphäre, über den Wolken, jahrelang halten konnte. Das einförmige, dämmerige Grau füllte den brasilianische Himmel genauso wie unseren, und so bekamen die Pflanzen nicht genug Licht zum Wachsen. Nach einigen Wochen war die zuvor grüne Vegetation gelb, die Bäume verloren ihr Laub und Ernten konnten nicht mehr eingebracht werden. Der Dschungel am Amazonas verwandelte sich in eine trübe Geisterlandschaft aus kahlen Bäumen und trostlosen Schlammflächen. Die Bevölkerung machte bald Jagd auf alles, was an Tieren herumlief, bis auch dort Hunger und schließlich Kannibalismus einsetzten. In Belem und anderen Städten an der Amazonasmündung kam es zu Unruhen, infolge denen die Yacht den Amazonas hinauf fliehen mußte. Sie saßen nun in einem kleinen Nebenfluß fest und wurden belagert. Allzu lange könnten sie es wahrscheinlich nicht mehr aushalten. Niedergeschlagen wandten wir uns von dem Funkgerät ab.

Stets waren wir davon ausgegangen, daß es die Menschen in den Tropen nicht so schlimm erwischt hatte wie in den gemäßigten Breitengraden. Doch nun erfuhren wir, daß auch dort, wo es nicht so kalt war, für mindestens ein Jahr die Ernten ausgefallen waren, was bei der Überbevölkerung verheerende Folgen hatte: Nach ein paar Monaten waren nicht nur die regulären Nahrungsmittel erschöpft, nein, alles, was als Nahrung dienen konnte, bis hin zu Ungeziefer, wurde rasant dezimiert. Dies war das schlimmste, was wir je zu hören bekamen. Wenn es der Wahrheit entsprach, gab es nirgendwo mehr etwas zu essen, auch nicht in den Häfen, wo Schiffe aus den Tropen anlegten. Vielleicht lohnte es sich doch noch, nach Duisburg zu fahren, denn vielleicht gab es ja in Lagerhäusern Vorräte an Nahrung. Nur ganz so eilig hatten wir es nicht mehr. Wir schlenderten durch das, was einst die Essener Innenstadt war, die Kettwiger Straße, in der nun die Schaufensterscheiben zerstört waren und man überall die Spuren vom Todeskampf der Zivilisation sehen konnte. Nach einiger Zeit fiel uns auf, daß hier ziemlich systematisch Wertgegenstände, elektronische Geräte und Schmuck aus den Läden geplündert worden waren. Wahrscheinlich war hier alles chaotischer gewesen als anderswo, so daß hier mehr Kriminelle die Gunst der Stunde genutzt hatten. An einem ausgeräumten Lager bemerkten wir, daß das Türschloß aufgebohrt war und die Metallspäne am Boden unter der Tür recht frisch aussahen, nicht, als ob sie schon ein Jahr dalagen. Aber vielleicht war der Eindruck auch falsch und die Späne sehen auch nach langer Zeit noch so frisch aus. Andere Trümmerstücke sahen allerdings schon viel älter aus, die Riß- und Bruchstellen mit dunklem Belag überzogen und ohne blanke Flächen. Und bei alledem bemerkten wir, wie der Hunger bei uns immer drängender wurde. Wir gingen zu den Autos zurück, um das weitere zu besprechen. Dabei merkten wir, daß einer der beiden Nachbarn fehlte, der andere, nicht der, der am Funkgerät gesessen hatte. "Der ist bestimmt nur um die Ecke, muß mal und kommt gleich wieder", meinte Max, und seine Frau fügte noch besorgt hinzu: "Hoffentlich ist ihm nichts passiert!" Bei allem rechneten wir fest damit, daß der Nachbar in der nächsten Zeit wieder bei uns auftauchen würde.

Eine Weile diskutierten wir, was zu tun sei. Dann füllten wir die Wagen mit Kraftstoff aus den mitgebrachten Behältern auf. Er würde ohne Probleme bis nach Duisburg und noch viel weiter reichen. Da meinte ich wieder, in der Ferne Motorengeräusch zu hören, aber es war doch wahrscheinlich nur der Wind. Der Nachbar war immer noch nicht gekommen, und so suchten wir nach ihm. Mit dem Golf fuhren wir die Strecke ab, wo wir zurückgelaufen waren. Die ganze Kettwiger Straße fuhren wir auf und ab, und schließlich suchten wir die Geschäfte kurz vor unserem Standplatz ab. Kein menschlicher Laut war zu hören, als wir mit dem Wagen hupten. In einem kleinen Büro machten wir dann die grausige Entdeckung: Als wir durch die Tür bogen, hingen in Kniehöhe zwei Schuhe. Zu den Schuhen gehörten zwei Hosenbeine und schließlich der ganze Körper unseres Nachbarn. Er hatte sich mit einem Abschleppseil an der Lampe aufgehängt. Regungen zeigte er keine mehr, auch Puls konnten wir nicht mehr fühlen. An seinem Arm war noch seine auffällige Breitling-Fliegeruhr. Auf dem Schreibtisch, von dem er offenbar gesprungen war, lag eine auf Papier gekritzelte Notiz. "Es gibt keine Hoffnung mehr. Ich will nicht elendig am Hunger sterben oder von Kannibalen aufgegessen werden. Darum setze ich meinem Leben ein Ende. Gott segne Euch!" Die religiöse Floskel hatte er doch noch unter sein Schreiben gesetzt, dabei kannten wir ihn als eher weltlich und materialistisch. Wir dachten nach, was wir mit ihm tun sollten. Wir wollten ihn nicht hier hängen lassen, aber wo sollten wir hin mit ihm? Letztlich entschieden wir uns. ihn auf einer kleinen Rasenfläche zu beerdigen. Wir haßten ihn dafür, daß wir ihn abnehmen, fortschleppen und verscharren mußten. Die Erde war noch gefroren, und so dauerte es geschlagene zwei Stunden, bis wir eine flache Grube ausgehoben hatten.

Max und Erwin legten ihn in die flache Mulde und häuften die Erde flach über ihn. Es war kein richtiges Grab, und möglicherweise würden ihn bald Tiere ausgraben und anfressen, sofern es denn noch welche gab. Max und meine Schwester sprachen ein Totengebet; wir falteten die Hände und senkten die Köpfe. Unsere Mutter blickte nur apathisch drein; sie war auf dem Weg durch das Ruhrgebiet immer schweigsamer geworden und sagte jetzt gar nichts mehr. Offenbar war das Grauen zuviel für sie, so daß sie nur noch an der Seite unseres Vaters blieb und schweigend das Schicksal dieser Endzeit hinnahm. Der Himmel verdunkelte sich langsam, als die Sonne hinter dem Dunst tiefer sank. Aus Gehwegsteinen legten wir ein Kreuz auf den Boden. Dann gingen wir schweigend zurück zu den Autos. Auf dem Weg sah Max auf eine Straße unter einer Brücke und hielt kurz inne. Dann wies er mit dem Finger dorthin, wo der Regen und das Schmelzwasser Erde, Asche und Staub zu einer glatten Schlammfläche aufgespült hatten. "Hier sind wir doch nicht entlanggekommen", bemerkte Max. In der Schlammfläche waren Reifenspuren eines Fahrzeuges eingegraben. "Die Spuren können nur bei Wärme entstanden sein", mutmaßte mein Bruder Erwin. "Vorher, bei Frost, wäre ein Wagen einfach darüber hinweggefahren, ohne Spuren zu hinterlassen. Und alte Spuren hätte das Wasser verwaschen." Ungläubig schauten wir zu den Rillen, die rund 100 Meter von uns entfernt durch den Schlamm führten. "Vielleicht ist hier auch beim letzten Tauwetter kein Wasser langgeflossen und die Spuren sind alt", wandte meine Schwester ein. Was auch immer richtig war, wir rechneten nun damit, daß wir nicht alleine hier waren und jederzeit andere Menschen treffen konnten. Ob dies Überlebende waren, die es mit irgendeinem Trick bis jetzt gemacht hatten und den Verhältnissen entsprechend gut lebten, oder aber hungergepeinigte Kannibalen, die blutrünstig auf jedes Lebewesen losgehen würden, konnten wir nicht ahnen. Nur die Zeit würde eine Antwort geben. Diese Nacht versteckten wir die Autos unter einem Vordach und stellten je zwei Wachen gleichzeitig auf.


Kapitel 9: Wir sind nicht alleine!

Ich schlief fröstelnd und mit knurrendem Magen, als mich die anderen weckten und mir bedeuteten, daß es an der Zeit sei, weiterzufahren. Wir nahmen die wenigen Sachen, die wir nicht schon am Vorabend in den Autos verstaut hatten, und fuhren über die Stadtstraßen los in Richtung Westen, nach Duisburg hin. Ich fuhr vorweg, am Steuer des Geländewagens. Doch als wir gerade die Auffahrt auf die A40 erreicht hatten, bedeutete mir Erwin, daß ich doch mal kurz warten solle. Er starrte vom stehenden Wagen aus in eine bestimmte Richtung. Auch mein Vater in dem Mercedes hatte jetzt etwas bemerkt und sah in dieselbe Richtung wie Erwin. Mit etwas Anstrengung entdeckte ich Bewegungen, die vielleicht Rauchwolken sein mochten. Mit dem Wagen drehte ich zur Seite und fuhr zu der Stelle hin. An einem kleinen Zeitungskiosk, unter dem Vordach, lag ein Haufen frischer Asche, in dem es noch glimmte und rauchte. Nahrung war hier offenbar nicht zubereitet worden, aber es war ein sicheres Zeichen für Leben. Nur wenige Stunden konnten vergangen sein, seit das Feuer niedergebrannt war. Wir alle hielten unsere Waffen, die wir auf den vorherigen Spaziergängen teilweise liegengelassen hatten, sorgfältig in den Händen. Dann gingen wir langsam wieder heraus, in Richtung der Autos. Ungefähr auf halbem Weg passierte es: Schüsse knallten, auf dem Asphalt spritzten Staubfontänen hoch, und wir rannten zurück in Deckung. Mein Vater brach getroffen zusammen, offenbar hatte er einen Treffer in die Schulter abgekriegt. Als er hinkte und sich die Schulter hielt, knallte noch ein Schuß, und er sank zu Boden. Erwin und ich sprinteten hervor und zerrten ihn so rasch wie möglich in den Kiosk. Keiner von uns wußte, woher die Schüsse kamen. Rundherum waren viele gewöhnliche Mietshäuser, und aus fast allen Fenstern konnten die Schüsse gefallen sein. Für eine Zeit war jetzt Ruhe. Dann auf einmal hörten wir, wie draußen ein Glasgegenstand zerschepperte und Flammen in dem Kiosk loderten. Das kleine Lagerfeuer war im offenen Teil gewesen, wo es nicht die Wände und Möbel verkohlte und der Rauch gut abziehen konnte; dieses Feuer fraß sich dagegen durch die Wände aus Brettern und Spanplatten und sollte bald den ganzen Kiosk verschlingen.

Wir hatten ein Problem, weil wir ein gutes Stück über die Straße rennen mußten, um überhaupt Deckung zu finden. Mein Vater blutete recht stark und mußte dringend versorgt werden. Auch das Feuer wurde größer und der Rauch wurde immer mehr. Gott sei Dank war auf der den Schüssen abgewandten Seite ein Fenster, durch das wir aussteigen konnten. Erwin und ich nahmen die Kalaschnikow und das Gewehr mit Zielfernrohr und machten uns bereit, auf die andere Seite hinüberzurennen. Dort würden wir das Feuer erwidern und den anderen die Querung ermöglichen, denn die mußten ja auch noch meinen Vater tragen. Eine niedrige Mauer auf der anderen Straßenseite würde uns Deckung geben. Rasch kletterten wir aus dem Fenster, und ich schaute vorsichtig und schnell um die Ecke. Kaum hatte ich den Kopf zurückgezogen, knallten auch schon zwei Schüsse. Da kam uns der Brand im Kiosk zu Hilfe: Eine dicke, schwarze Rauchwolke zog über die Straße und versperrte die Sicht. Schnell sprinteten wir in die Richtung, wo vorher die Mauer zu sehen war. Schließlich erreichten wir sie und duckten uns dahinter. Ein Schütze muß wohl unsere Beine gesehen haben und feuerte eine Salve, aber alle Kugeln schlugen in einiger Entfernung von uns ein. Dann verzog sich der Rauch in eine andere Richtung, und wir konnten einen kurzen Blick in Richtung des Angreifers erhaschen. Er hatte sich hinter einem alten Auto, ganz nah bei unseren Fahrzeugen, verschanzt und zielte mit einem Gewehr in unsere Richtung. Erwin nahm seines mit dem Zielfernrohr und schaute vorsichtig über die Mauer. Dann zog er rasch das Gewehr zurück, und schon schlug eine Kugel in die Hauswand hinter ihm ein. "Ich kann ihm in den Kopf schießen, aber ich denke, wir brauchen noch Informationen von ihm", sprach er zu mir. Außerdem hatte er bemerkt, daß er nicht der einzige Schütze war; jemand anderes hatte er in einem Fenster, ein gutes Stück weiter hinten gesehen. Dann legte er das Gewehr tiefer an, fast so, als wollte er unter das Auto schießen, hinter dem der Kerl in Deckung stand. Eine halbe Sekunde blickte er durch das Zielfernrohr, dann schoß er, und ein lautes Aufschreien war zu hören. "Ich hab auf seine Füße gezielt, die Schatten konnte man unter dem Wagen sehen.", sagte Erwin zu mir. "Der war so dumm! Der wußte nicht mal, daß eine Kugel ohne weiteres das Blech eines Autos durchdringen kann. Die anderen waren mittlerweile aus dem Fenster des Kiosks geklettert und hatten auch meinen Vater herausgezerrt. Der Angreifer lag für mich unsichtbar hinter dem Auto, sonst hätte ich ihn vielleicht jetzt endgültig abgeknallt. Die Rauchwolken zogen wieder in unsere Richtung: dick, schwarz und übelriechend, während speckig orangene Flammen aus der Bude hochzüngelten. Die Bretter und Platten waren mit aller Art von Lacken und Chemikalien behandelt, weshalb wohl auch der Kiosk nicht schon längst verfeuert worden war. Wir hielten unsere Gewehre in Richtung des Angreifers, den wir laut stöhnen hörten und jetzt, aus einem anderen Winkel, auch sahen.

Vorsichtig blickten wir in Richtung der Fenster, wo der andere war, doch der zeigte sich nicht. "Ihr könnt kommen!", rief Erwin den anderen zu. Wir hielten beide unsere Gewehre in Richtung des Angeschossenen und liefen auf ihn zu. Der war eine finstere Gestalt, mit langen Haaren und einer Lederjacke, wie sie zwielichtige Rocker und Schlägertypen tragen. Sie hatte einen Aufnäher mit der Aufschrift "Motorcycle Bandits", der auf eine Rockerbande hinwies. Früher war das vielleicht mal ein Kerl zum Fürchten, doch jetzt war er abgemagert und schmächtig, so wie jene, die unseren Hof überfallen und das Baby meiner Schwester verspeist hatten. Das einzige, was an ihm noch gefährlich war, das war sein Gewehr, auch eine AK-47, die neben ihm am Boden lag. Rasch nahmen wir seine Kalaschnikow an uns. In einiger Entfernung, von da, wo der andere Schütze im Fenster saß, hörten wir das Knattern eines Motorrads, dem Geräusch zufolge aller Wahrscheinlichkeit nach eine Harley-Davidson. "Mist, den kriegen wir nicht mehr!", schimpfte Erwin, als das Geräusch sich langsam entfernte. Meine Schwester und Max, sowie der Nachbar, sollten die Autos in Deckung fahren, Erwin und ich kümmerten uns um unseren Vater und paßten auf den Rockertypen auf. Während wir zu dem Haus gingen, in dem sich die Rocker einquartiert hatten, zerrte Max den Kerl am Jackenkragen über den Boden, wobei er mehrfach aufjaulte und eine Blutspur auf dem Asphalt hinterließ. In der Wohnung angekommen, sahen wir uns erstmal um. Etliches war heruntergekommen, an einem Fenster stand einer jener provisorischen Öfen. An den Wänden hingen Poster von Motorrädern und nackten Frauen; an mehrern Stellen lagen Waffen herum: Von Reizgas und Baseballschlägern über Messer bis hin zu mehreren Schußwaffen, so eine Pumpgun, eine 45er-Magnum und eine Glock-Pistole. Dann kamen wir in die Küche. Der Mülleimer war angefüllt mit Menschenknochen. Ich konnte mich nicht an den Anblick der runden Menschenschädel gewöhnen, von denen ich wußte, das die Menschen, zu denen sie gehörten, grausam getötet und dann verspeist worden waren. In mehreren Zimmern standen riesige Vorräte an harten Alkoholika herum, wie Whiskey, Schnaps, Rum und anderes. Einige angebrochene und leere Flaschen standen auch da. Ein Fenster ging zum Innenhof hin auf, und darunter lagen riesige Mengen an leeren Flaschen und Knochen. Dann gingen wir zum Kühlschrank, um ihn zu öffnen.

Das Gerät war zwar warm, weil es schon seit über einem Jahr keinen Strom mehr gab, aber es wurde offenbar immer noch zur Lagerung genutzt. "Ey, da sind meine Sachen drin, da könnt Ihr nicht ran!" rief der Rockertyp in unsere Richtung. Doch das kümmerte uns nicht, und ich öffnete den Kasten. Der Anblick erstaunte uns zunächst, denn es waren verschrumpelte, braune Teile darin, getrocknet und überzogen mit einer dicken Salzschicht, um sie haltbar zu machen. Erst der zweite Blick offenbarte uns, was es wirklich war: Vorne hatten sie einen glatten, wohl einstmals schleimigen Kopf, der etwa auf halber Länge von Haut umgeben war, am anderen Ende waren zwei stark verschrumpelte Hautsäcke mit irgendwas darin. Ich wollte nicht glauben, was ich sah. Erwin sah mich ungläubig an, und auch mein Vater schaute mit offenem Mund in den Kasten, obwohl ihn die Verletzung schmerzte. "Das ist ja wie..." sagte meine Schwester, und Max ergänzte: "wie bei Jeffrey Dahmer". Getrocknete und eingesalzene menschliche Penisse als Delikatesse, mit so etwas hatten wir wirklich nicht gerechnet, auch nicht nach allem, was wir schon gesehen hatten! Vor allem meinem Vater war das Entsetzen ins Gesicht geschrieben, denn er wäre ja fast als Nahrung für die Kannibalen-Rocker geendet. Die Mutter war ganz sprachlos. Meine Schwester und Max bestanden darauf, sich sofort um seine Wunden zu kümmern, was mit den Autoverbandskästen natürlich nur bedingt ging. Wir kümmerten uns derweil um den Kerl, den wir wegen des Kühlschrank-Fundes schnell "Jeffrey Dahmer" nannten, nach dem amerikanischen Serienmörder, der die Geschlechtsteile seiner Opfer im Kühlschrank aufbewahrte. Er muß es mitgekriegt haben, wie alles hier im Ruhrgebiet gelaufen ist, und er mußte wissen, ob es noch Hoffnung auf ein Überleben gab. "Du erzählst uns jetzt mal ein bischen was!" sagte ich bestimmt zu ihm und richtete meine Kalaschnikow auf ihn. "Gut, gut...", entgegnete er kuschend.


Kapitel 10: Der letzte König

Meine erste Frage öffnete das Tor zu einem kaum versiegenden Redestrom. "Was macht ihr hier und wie habt ihr bis heute überlebt?", war meine simple Frage. Dann begann der Motorcycle Bandit zu erzählen: "Wir haben uns am Anfang kaum für den Vulkan interessiert. Wir haben hier unsere Geschäfte gemacht und damit ganz gut gelebt. Aber dann kam diese Dunkelheit, alle haben sie Angst gehabt, daß es bald nichts mehr zu essen gibt. Als die Polizei aufhörte zu arbeiten, haben wir uns halt genommen, was wir kriegen konnten. 'Ne Weile ging das gut, aber nach etwas mehr als 'nem halben Jahr gab's einfach nix mehr zu essen. Wir hamm gesehen, wie die Leute Ratten fraßen. Unser Schnapsvorrat kommt noch aus der Zeit, da haben wir ein ganzes Lager leergeräumt. Aber irgendwann gab's einfach nichts mehr zu fressen. Wir mußten also was zum Durchkommen suchen. Einer von uns hatte vom einem Angebot von Leowski gehört, in Duisburg. Das war eigentlich einer, der etliche Puffs besaß und auch mit Stoff handelte. Gerade, als der Vulkan ausbrach, kaufte der sich in Duisburg 'n ganzes Lagerhaus voll mit Getreide. Die meisten haben gesagt, der spinnt. Aber dann gab's nix mehr zu essen, und die Leute suchten die Lager ab. Leowski wollte uns als Schutztruppe anstellen, damit wir für ihn den Knüppel machen. Am Anfang war das auch völlig in Ordnung. Er hat uns zu essen gegeben. Die Leute, die von ihm was haben wollten, mußten bezahlen, und nicht zu knapp. Am Ende gaben Leute ihm ihr ganzes Vermögen, nur für ein einziges Essen. Frauen, die kamen, mußten ihm zu Willen sein, und auch wir haben ein paar abgekriegt. Wenn Leute nix mehr hatten, hat er sie losgeschickt, daß sie die Gegend plündern. Der hat ihnen Wagen geliehen, damit sie hier im Ruhrpott rumfahren und die Häuser ausräumen konnten. Wer nicht genug brachte, kriegte Essensabzug oder wurde gleich zurückgeschickt. Aber irgendwann wurde sein Essen zuwenig, und er hatte Angst, es würde nicht mehr reichen. Da warf er die meisten Leute einfach raus. Auch uns. Ein paar Typen hat er dabehalten, daß sie aufpassen. Die haben auch verhindert, daß wir seine Sachen einfach nahmen. Wir sind dann also hier in Essen und Oberhausen rumgelaufen. Benzin hatten wir kaum noch für die Motorräder, und da mußten wir einteilen. Essen gab's keines mehr, und Ungeziefer wollten wir nicht fressen. Wir sahen also die Leute rumlaufen und wußten, daß die sowieso krepieren würden. Da dachten wir: Abkratzen tun die eh, da können wir sie doch auch aufessen!. Ich muß sagen, wir waren da nur noch zu dritt. Eigentlich hatte ich nie damit gerechnet, als Kannibale zu enden, aber es lief ganz gut. Die Leute hatten noch etwas Fleisch, und das war fast wie Koteletts braten. Wir haben echt keinen getötet, der nicht ohnehin abgekratzt wäre. Am Ende wurde es ekelhaft; es gab kaum noch was und wenn dann nur Haut und Knochen. Ihr wart die Ersten nach vier Wochen, wo nix los war."

Rasch fragte ich, was denn mit diesem Leowski in Duisburg sei. "Er hat da alles in der Hand, und er duldet absolut keinen Widerspruch", entgegnete Jeffrey Dahmer. "Wir müssen ihn kriegen", bemerkte ich, "sonst sind wir verloren!" Mein Vater hatte einen Durchschuß in der Bauchgegend und eine Kugel, die in der Schulter steckte. "Das wird schwierig", meinte meine Schwester, "wir haben ja gar keine richtige medizinische Versorgung mehr." Wenn infolge einer anderen Sache die Gesundheitsversorgung zusammengebrochen wäre, hätte man sich immer noch mit ein paar Kräutern behelfen können, aber selbst das ging jetzt nicht mehr, wo alle Pflanzen kaputt waren. Lediglich der viele Alkohol war uns nützlich, denn so konnten wir seine Wunden desinfizieren. Er wand sich und schrie vor Schmerzen, als wir den Schnaps über seine Wunden gossen, aber das mußte sein, wenn wir Entzündungen verhindern wollten. Der Schmerz meines Vaters ließ Zorn in mir aufsteigen. Ich nahm eine Kalaschnikow und zielte mit ihr auf den Rocker, der für all das verantwortlich war. Da stürzte sich Max auf mich und riß mir das Gewehr runter. "Hör auf, den brauchen wir vielleicht noch!" Nur mit Mühe konnte er mich von ihm abhalten. Da röchelte der Rocker uns entgegen: "Wenn ihr mich jetzt abknallt, kriegt ihr den Leowski nie! Ich bin der einzige, der sein Lagerhaus kennt!" Nun ja, der andere Motorradgangster würde es wohl auch wissen, aber wir kamen an ihn nicht heran, und so mußten wir den am Leben lassen, den wir hatten. Auch ihn mußten wir notdürftig medizinisch versorgen, nur tat er uns ganz und gar nicht leid, als wir Alkohol über seine Wunde in der Wade gossen und er gepreßt aufschrie. "Scheißkerl! Das ist das erste Stück Strafe für meinen Vater!" sagte ich ihm mit Todesverachtung ins Gesicht. Der Hunger begann uns allmählich immer mehr zu plagen, und ich sagte, daß ich gerne was zu essen hätte. "Bedien Dich, der Kühlschrank ist voll!" rief mir der Nachbar zu. Max und mein Vater grinsten etwas, aber bei mir kam der Witz schlecht an, denn mir knurrte wirklich der Magen. "Laß sein!", sagte Max, "das Hungergefühl hat man nur die ersten zwei bis drei Tage so stark. Danach ist es wieder erträglicher."

Wir dachten daran, dieses Lagerhaus in Duisburg zu suchen, doch bis dahin mußten wir erst zusehen, daß es meinem Vater besser ging. Natürlich mußten wir jetzt sorgfältig Wache halten, denn der andere Motorcycle Bandit war ja immer noch irgendwo da draußen. Nach vier Tagen schließlich kam er und schlich sich in die Wohnung. "Jeffrey Dahmer" hatten wir sicherheitshalber gefesselt, so daß er nichts machen konnte. Er schlich herein, und plötzlich hörten wir aus dem Nebenraum, wo meine Mutter gerade war, ein leises Peitschengeräusch, eine Pistole mit Schalldämpfer. Ich hörte ein dumpfes Klatschen und sah hinter dem Türrahmen meine Mutter auf dem Boden liegen. Rasch nahm Erwin die Pumpgun, die wir den Räubern von unserem Hof abgenommen hatten, und stellte sich an die Wand hinter dem Türdurchgang. Als der Kerl durch die Tür kam, sprang mein Bruder zur Seite und feuerte die Pumpgun auf seinen Oberkörper ab. Der extreme Rückstoß warf ihn nach hinten, aber er zog den Repetierschaft der Flinte bis zum Anschlag und feuerte nochmal, und daraufhin dann noch ein drittes Mal. Die Schüsse waren ein lautes und brutales Krachen; der Schrot hatte ein Loch von der Größe einer Untertasse in seinen Brustkorb gerissen. Wir sahen herabhängende Fleischfetzen, offenliegende Brustrippenknochen und dahinter den dunklen Hohlraum, der wohl seine Lunge war. Er war einige Meter zurückgetaumelt und lag jetzt am Boden. Rot war sein ausgemergelter Körper verschmiert. "Endlich, der wird uns nicht mehr gefährlich", meinte Erwin. Doch er hatte gesehen, daß der Typ unsere Mutter mit einem gezielten Kopfschuß von hinten hingerichtet hatte. Jetzt erfaßte uns wirkliche Trauer. Wir waren dem Tod jetzt oft begegnet, unser Vater war angeschossen, aber daß unsere Mutter hier sterben würde, hatten wir nicht gedacht. Über den Tod des anderen Rockers waren wir froh, denn wir hatten auch von Jeffrey Dahmer erfahren, daß die beiden wirklich nur noch zu zweit hier waren; der dritte, der ursprünglich zur Clique gehörte, war bei einem Streit mit den beiden anderen im alkoholisierten Zustand umgebracht worden. Wir beerdigten unsere Mutter auf dem Rasen im Hof, wobei wir Gebete sprachen und Tränen über unsere Wangen liefen. Glücklicherweise war der Boden schon mehr aufgetaut, und wir konnten sie richtig beerdigen. Der tote Rocker wurde mit allen Gesten der Verachtung in eine umherstehende Mülltonne gesteckt; als die Beine nicht hineinpaßten, ließen wir sie einfach oben herausschauen. Nun wurde auch für uns der Alkohol in der Wohnung ein Problem. Erwin, Max, der Nachbar und ich hatten nach dem Tod des zweiten Rockers eine Flasche Whiskey aufgemacht und tranken. Vor allem Erwin und ich mußten den Frust über den Tod der Mutter ersäufen. Das war zwar unwürdig, aber der einzige Weg, es auszuhalten. Auf den leeren Magen aber war die Wirkung um ein vielfaches stärker als normal, und so torkelten und lallten wir durch die Wohnung. Wären wir in dem Moment angegriffen worden, wir hätten uns kaum verteidigen können. Mein Vater blickte empört und verständnislos auf uns. Doch wir ließen uns nicht abhalten, bis wir soviel getrunken hatten, daß wir in tiefen Schlaf fielen.

Hämmernd pochte das Blut in unseren Schädeln, als wir am nächsten Morgen aufwachten. Schwindel hielt uns fest im Griff, und wir hätten uns garantiert übergeben, wenn wir denn etwas im Magen gehabt hätten. Durst hatte ich auch, aber Wasser mußte erst auf dem Ofen abgekocht werden, bevor wir es trinken konnten. Nach ein paar Metern legte ich mich wieder auf der dreckigen und speckigen Matratze hin. Nach einiger Zeit, wieviele Stunden, vermochte ich nicht abzuschätzen, kam ich wieder zu mir, immer noch benommen und im Halbschlaf. Da hörte ich ein Rascheln und sah unseren Nachbarn am offenen Kühlschrank hocken. Über den schmierigen Fußboden mit leeren Flaschen und Papierstücken hinweg sah ich, wie er an einem getrockneten Stück Fleisch knabberte. Es war keiner von den Penissen, aber soweit wir wußten, war das in dem Kühlschrank alles Menschenfleisch. Ich glaubte, es sei nur ein schlechter Traum und schloß die Augen wieder, aber dann machte ich sie wieder auf und sah ihn immer noch auf das Fleischstück beißen. Mein Gott! Gerade mal eine Woche lang haben wir ohne Nahrung auskommen müssen, um zu sehen, wie einer von uns auf das Niveau des Kannibalismus herunterfiel. Klar, wir hatten auch vorher nur ein karges Essen, das uns gerade mal am Leben hielt. Unsere Zähne und Fingernägel wurden zwischenzeitlich locker, weil es an Vitaminen mangelte, so daß wir etwas mehr Sauerkraut essen mußten, von dem wir auf dem Hof nicht so viel hatten. Letztlich reichte es so gerade, und jetzt hatten wir auch kaum noch Fettreserven im Körper, von denen wir zehren konnten. Bisher hatte ich den Kannibalismus meist mit Abscheu und Verachtung beobachtet und nur manchmal einen Funken von Verständnis gefunden, wenn ich die abgemagerten Gestalten sah. Jetzt litt auch ich Hunger, und der Anblick des Menschenfleisch verzehrenden Nachbarn rief großes Entsetzen hervor. Auch deshalb, weil Menschen verspeist wurden, vor allem aber, weil es nicht mehr die geächteten anderen waren, sondern einer von uns, und weil mir im Angesicht des auch an mir zehrenden Hungers dieses Handeln kaum noch verwerflich erschien. "Was machst Du da?", fragte ich ihn ohne jede Betonung in der Stimme. Er sagte nur: "Der Hunger...", dann hielt er auch mir ein Stück des getrockneten und gesalzenen Fleisches hin. Doch ich konnte mich nicht dazu überwinden, es anzurühren, geschweige denn zu essen. Vor ein paar Tagen noch wäre das unvorstellbar gewesen; ich hätte es ihm aus der Hand geschlagen und ihm kräftig eine gelangt, ihn viellecht sogar erschossen, wenn er Menschenfleisch verzehrt hätte. Nun kroch auch der Kannibalen-Rocker, den wir "Jeffrey Dahmer" nannten, über den Boden hin zum Kühlschrank. Er war gefesselt und wand sich deshalb, um etwas herauszukriegen, da warf ihm unser Nachbar das Stück Fleisch hin, das er mir zuvor angeboten hatte.

Daß wir ihn essen ließen, stimmte Jeffrey Dahmer offenbar gut, und am Nachmittag des folgenden Tages erzählte er uns von dem Lagerhaus, das Leowski im Duisburger Hafen zu seinem Quartier und zu seiner Festung gemacht hatte. Er hatte ständig Wachen stehen, die sicher auch das Geräusch herannahender Fahrzeuge auf weite Entfernung hören würden. Es waren immerhin soviele, daß wir im Kampf keine Chance gegen sie hatten. Das Lager war mit aus Schienen zusammengeschweißten Panzersperren, Stacheldraht und hohem Maschendrahtzaun umgeben; Stellungen mit automatischen Waffen sicherten den Bau nach allen Seiten ab. Zur Ausrüstung der Wachtruppe gehörten auch Nachtsichtgeräte, wobei allerdings mittlerweile vielleicht die Batterien ausgegangen waren. Ob sie Strom hatten, war nicht ganz klar; sie hatten wohl einen Generator, aber der lief nicht ständig, denn den Kraftstoff mußten sie einteilen. Als Zugang kam nur eine Abwasserleitung in Frage, die unter dem Gelände des Hauses herführte. "Dahmer" erklärte uns, daß es Gullydeckel sowohl innerhalb als auch außerhalb der Absperrungen gab. Dann müßten wir kämpfen, wir könnten vielleicht durch ein Fenster einsteigen oder es durch die Türen versuchen. So leicht erzählt, so schwer umgesetzt. Meinem Vater ging es mittlerweile wieder besser, aber kämpfen konnte er natürlich nicht. Um an das Lager unbemerkt heranzukommen, mußten wir ein geeignetes Wetter wählen. Starker Wind und Regen bei Dunkelheit waren am besten. Doch dummerweise war das Wetter noch zu trocken und windstill, und so mußten wir noch zwei Tage warten. Dann endlich war es so regnerisch und stürmisch, wie wir es uns nur wünschen konnten. Wir nahmen einen letzten Abschied von unserer Mutter, dann brachten wir alle Waffen, die wir tragen konnten, in die Autos, nahmen etwas Alkohol und die Verletzten mit, dann fuhren wir los.


Kapitel 11: Angriff aus der Dunkelheit

Wir mußten vorsichtig sein in Duisburg, denn jederzeit konnte uns eine ihrer Patrouillen entgegenkommen. Die Fahrt im Dunklen ohne Scheinwerfer war eine Qual und gefährlich. Zu allem Überfluß fuhr dann noch der Mercedes der Eltern über eine mit Metallnägeln besetzte Kante und gab den Geist auf, als zwei Reifen auf der rechten Seite platzten. "Mist, jetzt haben die Säcke hier schon Fallen gelegt! Paßt auf, in Deckung!", schrie Erwin, wir duckten uns, aber nichts passierte. Vorsichtig stiegen wir aus und stellten uns an eine Gebäudeecke. Aber es passierte immer noch nichts. Daher holten wir jetzt meinen verwundeten Vater aus dem Wagen. Als wir ausstiegen und ihn vom Rücksitz wegholten, wurden wir in wenigen Minuten klatschnaß. Das Wetter war ekelhaft: wenige Grad über Null, Sturm und strömender Regen. Wir quetschten uns wohl oder übel in die verbleibenden Autos. Dahmer erklärte uns recht genau den Weg, denn er sah, daß dies seine einzige Überlebenschance war.

Als er sagte, wir seien in der Nähe, versteckten wir die Autos gut in einer Seitenstraße. Den verwundeten Vater ließen wir im Landrover zurück, den Rocker nahmen wir mit, daß er uns nötige Dinge erzählte. Ein paar Lager- und Fabrikhäuser gingen wir, immer an den Wänden entlangschleichend, weiter, bis wir schließlich in etwa 200 Meter Entfernung Stacheldrahtrollen und die typischen Stahlgestelle sahen, die Fahrzeuge abhalten sollten. Gedämpftes Licht kam aus dem Gebäude dahinter. Jeffrey Dahmer führte uns zu einem Gully am Boden, der jedoch zur Straße hin lag: "Hier ist der Kanal, der auf das Gelände führt!". "Hier können wir nicht einsteigen, ohne daß die uns bemerken!" sagte Erwin. Ratlos standen wir da mit den Gewehren im strömenden Regen und der Kälte. Wir suchten in den Nischen zwischen den Häusern, ob es dort vielleicht Fortsetzungen des Kanals gäbe. Auf die Straße trauten wir uns nicht, denn wenn sie uns einmal sahen, waren sie gewarnt und würden uns suchen und vernichten. In einer Nische fanden wir mehrere vermoderte Leichen. Offenbar früh gestorben, weil großteils verwest und ansonsten unversehrt. Wir gingen, den sich entfernenden Gullydeckeln nach, weg von dem Lagerhaus. Schließlich kamen wir in die Nebenstraße, wo unsere Autos standen. Der Kanal schien sich nach dort zu verzweigen, und es waren auch Gullys da. Sie waren außerhalb der Sichtweite der Wachen; Dahmer hatte dies nicht gewußt, weil er ja nur das Lager selbst kannte. Bei meinem Vater ließen wir ihn zurück, bei dem, den er angeschossen hatte. Wir fürchteten, daß der sich für die Verletzung rächen könnte, aber dafür war er dann doch zu rational. Er war sich voll bewußt, daß wir den Mistkerl brauchten. Was wir mit meiner Schwester machten, überlegten wir kurz, doch sie bestand darauf, ein Gewehr zu kriegen und mitzukommen. Dann machten wir uns daran, den Gullydeckel aufzuhebeln. Wir wollten als kompletter Trupp auf das Gelände vordringen und die Wachen überraschen, um sie niederzumetzeln. Aus der Richtung des Lagerhauses hörten wir jetzt einen Frauenschrei. "Der Leowski und die Wachen nehmen sich die Weiber, wie sie wollen, die Weiber selbst haben ihnen nur zu Diensten zu sein", erklärte es der Rocker-Kannibale.

Das waren also die letzten Menschen hier in der Umgebung, außer uns, die noch nicht zum Kannibalismus übergegangen waren. Ich hatte mich fürchterlich wegen des moralischen Niedergangs geschämt, als mein Nachbar Menschenfleisch aß, noch mehr, als ich unter dem Druck des Hungers selbst Verständnis für die Menschenfresserei entwickelte. Jetzt sahen wir, daß es noch schlechtere Menschen gab als Kannibalen. Wenigstens waren die Menschen, von deren Fleisch unser Nachbar gegessen hatte, tot und nicht für uns gestorben. Meine ethischen Bedenken gegen den Kannibalismus begannen zu bröckeln. Wir stiegen vorsichtig in den Kanal hinab. Durch den Regen war der Strom stark angeschwollen, und so liefen wir bis über die Knie durch reißendes Wasser, das in Richtung des Lagerhauses floß. Die Zahl der Kanalschächte bis zum Lagerhaus kannten wir; sie war vermutlich die einzige Orientierung, wo wir hochsteigen mußten. Das Gehen war fürchterlich, denn das Wasser war eiskalt. Zwei kleine Fackeln hatten wir dabei, doch damit fürchteten wir, erkannt zu werden. So gingen wir auch nur bis zum vorletzten Schacht mit den Fackeln. Als wir sie gerade ausmachen wollten, sahen wir in der dunklen Ferne Stacheldraht im Tunnel. Hier hatten sie also schon vorgesorgt! Wir ließen nur noch eine Fackel an und arbeiteten uns langsam vor. Schließlich erreichten wir das Hindernis. Der Draht war an den Wänden befestigt, und wir mußten ihn beiseite drücken und uns hindurchquetschen. Ich schreckte auf, denn in dem Stacheldraht hing eine Leiche. Ein vergeblicher Versuch vor uns, der zum Scheitern verurteilt war. Die Allgegenwärtigkeit des Todes schockierte uns kaum noch; selbst der Tod unserer Mutter war kaum noch in unserem Bewußtsein. Die Krampen, die den Schacht hochführten, waren ebenfalls mit Draht umwickelt und schwer zu ersteigen. Dann hatten wir den Gullydeckel erreicht. Wir fürchteten, er könne von außen zugestellt sein. Doch als wir zu zweit von unten dagegendrückten, ging er nach oben, nur eine Kante hing fest. Die letzte Fackel mußten wir nun auch löschen und standen in fast völliger Dunkelheit. Wir drückten den Deckel weiter hoch, und der Gegenstand, der den Deckel auf einer Seite blockierte, rutschte weg. Regen und Wind verdeckten unsere Geräusche. Noch war alles gut gegangen, und wir holten die anderen hoch. Durch den Hunger und die aus ihm entstandene Schwäche unserer Körper waren der Marsch durch den Kanal und das Emporsteigen eine besondere Tortur gewesen. Auf beide Ecken mußten wir uns nun verteilen, bevor wir angreifen konnten. Dann gab Erwin das Startsignal.

Zwei Gruppen gingen um die Ecken, Erwin und ich auf der einen, Max, seine Frau und der Nachbar auf der anderen Seite. Wie abgesprochen feuerten wir sofort auf die Wachen. Dann rannten wir los und versuchten, die Eingänge zu erreichen. Das Gebäude konnten wir vorher nicht ausforschen, vielmehr mußten wir uns auf Jeffrey Dahmers Aussagen verlassen. Auf der Seite meiner Schwester gab es ein großes Ladetor, auf unserer Seite war eine Stahltür normaler Größe. Im Gebäude konnten wir schon aufgeregte Stimmen und Laufgeräusche hören. Erwin feuerte ein paarmal auf das Schloß, doch der Riegel war immer noch zu. Als er ihn vorsichtig von der Seite her rauszufummeln versuchte, sprang auf einmal die Tür auf, und ein Schlägertrupp von drei Mann stürzte heraus. Erwin kriegte einen Gewehrkolben an den Schädel geschlagen und taumelte zurück, als ich meine Waffe, die AK-47, in die Gruppe leerte. Sie sanken nieder, doch ich beachtete nicht, was über mir geschah. Plötzlich schallten oben Schüsse, und ich spürte in der Schulter und am Hinterkopf Schläge und dann einen fürchterlichen Schmerz. Auch Erwin bekam einen Treffer seitlich in den Oberkörper ab. Es gelang mir, meine Kalaschnikow nach oben zu richten und Schüsse dorthin abzufeuern. Der Kerl auf dem Dach zog sich zurück, und ich stand vor der offenen Tür, die in einen Korridor führte. Erwin nahm ich und schubste ihn in den Korridor, denn auch in einem Fenster hatte sich jetzt einer verschanzt und versuchte, auf uns zu schießen. Ich konnte ihn mit meinem Feuer niederhalten. Erwin nahm die Pumpgun, die er dabei hatte, und schlich in den Korridor. Dann kamen uns zwei weitere Wachen entgegen, die sofort schossen und uns nur knapp verfehlten. Wir erledigten sie und kamen ans Ende. Doch dahinter hatten sich andere Wachen verschanzt und schossen mit Schnellfeuergewehren, sobald wir hervorkamen. Außer der Tür am Korridorende hatten wir keine Deckung. Da wurde von vorne plötzlich eine Handgranate auf uns geworfen, während in der Tür hinter uns eine weitere Wache auftauchte. Wir rannten zurück und erschossen im Laufen die Wache, als hinter uns die Granate explodierte. Dann hörten wir hinter uns Wachen herausstürmen und Gewehre anlegen. Gerade noch waren wir um die Ecke gehinkt, als die Schüsse an unserem Rücken entlangpeitschten. Direkt an der Wand entlang liefen wir jetzt rückwärts von der Tür weg, immer darauf achtend, daß wir nicht von oben beschossen wurden. Die Angreifer aus der Tür hielten wir mit Feuer in Schach, so daß sie nicht herauskamen, aber wir mußten uns eingestehen, daß der Angriff auf unserer Seite gescheitert war. Dann schossen auf einmal noch Leute von weiter hinten, und wir liefen rückwärts zurück zu dem Gully. Da sahen wir auch den Nachbarn in Richtung des Gullys hinken und hineinspringen, während unten die verzweifelte Stimme von Max ertönte: "Schnell, komm runter!" Auch wir ließen uns so schnell wie möglich hinab, wobei wir uns die Hände am Stacheldraht blutig rissen. Gerade waren wir unten, als wir oben Geräusche hörten und ein metallisches Klingen und ein Platschen erschallte. Sofort rannten wir in Richtung des Ausgangspunktes davon; Sekunden später ertönte weiter hinten im Tunnel eine gewaltige Explosion. Gott sei Dank hatte die Strömung die Handgranate ein ganzes Stück weit von uns weggerissen, bevor sie explodierte.


Kapitel 12: Verzweiflung

Wir rannten von dem Loch weg, stolperten durch den absolut finsteren Tunnel und gegen die Strömung weiter. Eine weitere Granate explodierte an dem Loch, wo wir heruntergestiegen waren. Schnell mußten wir weg, denn sie würden wahrscheinlich ihre Leute ausschicken, um den Kanal dichtzumachen. Drei Minuten hasteten wir durch die Dunkelheit, dann hörten wir auch aus geringerer Entfernung hinter uns eine Granate explodieren. Draußen war mindestens ein Motorfahrzeug zu hören, und auch Geschrei und Gewehrfeuer. Langsam kamen wir aus dem Gefahrenbereich davon. In den Beinen hatten wir kaum noch Gefühl, denn das Wasser hatte eine Temperatur nur knapp über dem Gefrierpunkt. Meine Schwester hatte ich nirgendwo bei den anderen gesehen, und so fragte ich sorgenvoll, wo sie denn sei. Max sprach endlos traurig und enttäuscht: "Sie haben vom Dach auf uns geschossen, eine der ersten Kugeln ging von oben in ihren Kopf." Diese Nachricht kam zu den Schmerzen hinzu, die ich infolge der Schußverletzung hatte. Langsam und niedergeschlagen trotteten und hinkten wir durch den Kanal. Dann fühlten wir, wie Wasser von oben auf uns herabfloß. Hier mußte ein weiterer Schacht sein, den wir, so gut es ging, erkletterten. Das Beiseitedrücken des Gullydeckels war bei unseren Wunden noch viel schwerer als zuvor, weil der Schmerz immer wieder zog und brannte. Wir waren in einer unbekannten Ecke; in Dunkelheit und strömendem Regen konnten wir kaum die Umgebung erkennen. Deshalb gingen wir langsam in die Richtung, die jener, aus der wir unterirdisch gekommen waren, entgegengesetzt war. Auch unser Nachbar war getroffen worden und konnte nur schwer gehen. Wir konnten nur hoffen, daß sie unseren Vater und Jeffrey Dahmer nicht gefunden hatten. Doch die Hoffnung wurde enttäuscht. Als wir zurückkamen, standen die verbliebenen Autos in Flammen, meinen Vater und ihren ehemaligen Kumpanen hatten sie eiskalt mit Kopfschüssen hingerichtet. Jeffrey Dahmer hatten sie mit einer Schrotflinte ein großes Loch in den Schädel geblasen; das Gehirn lag unter dem Kopf auf den Sitzen verteilt. Mein Vater bot den erniedrigendsten Anblick: Im brennenden Wagen war auch seine Kleidung verbrannt, und so lag er nackt da, die Haut geröstet und teilweise abgepellt, das Fleisch mußte schon ganz gar sein.

Entsetzt standen wir vor den brennenden Wracks. Da waren wir kurz vor dem Ziel, und unsere Aktion endete in solch einem Fiasko. In der Ferne hörten wir einen Motor aufheulen, und so rannten wir in Deckung. Aber die anderen wußten, daß wir bewaffnet waren, und wollten nicht ihr Leben riskieren, wo wir doch sowieso verloren waren. "Wir müssen diese Schweine kriegen!" schrie Erwin wütend. "Sie sind die einzigen, die das hier überleben können", gab Max zurück. Doch ich entgegnete: "DIE dürfen nicht überleben! Wenn das die letzten sind, die als Menschen überleben, dann soll besser gar kein Mensch überleben!" Letztlich überlegten wir, ob wir überhaupt noch eine Chance hatten. Den Gully hatten sie bestimmt abgesichert, und die Hindernisse konnten wir nicht überwinden. Es blieb uns nur die Möglichkeit, das Lagerhaus in Brand zu setzen und sie so auszuräuchern. Den folgenden Tag versteckten wir uns in Gebäuden. Die Patrouillen gingen offenbar nur noch in der Nähe des Lagerhauses um, weil sie nicht riskieren wollten, in einen Hinterhalt von uns zu geraten. Die nächste Nacht wollten wir den Angriff versuchen. Nach Einbruch der Dunkelheit gingen wir zu den Resten unserer Autos. Der Nachbar war vorangegangen, angeblich, um das Gelände auf Feinde zu überprüfen. Doch als wir an den Autos ankamen, war ich wirklich entsetzt und empört: Er war an der Leiche unseres Vaters und biß in den gegarten Arm. Ich rannte zu ihm, schüttelte ihn und gab ihm eine gewaltige Ohrfeige. Dann sah ich ihm wütend in die Augen. "Sieh es doch ein!", schrie er mir ins Gesicht, "wir müssen irgendwas essen. Was sonst verboten war, ist nicht mehr verboten, es zählt nur, NUR das Überleben! Die Zeit der Ethik und Moral ist vorbei!" "Deine Zeit ist auch bald vorbei!" drohte ich ihm. Da kam Max und ermahnte uns, daß wir das Lagerhaus angreifen sollten, statt uns zu streiten. Das war leichter gesagt als getan, denn wir waren getroffen und hinkten; der Nachbar hatte sich am Stacheldraht böse zerrissen. Letztlich würden wir das Haus aus der Distanz beschießen, während Max in die Nähe rennen und Fackeln hineinwerfen sollte. Als wir ankamen, klappte das auch ganz gut, aber die Fackel verfehlte das Fenster. Da nahm Erwin das Gewehr mit dem Zielfernrohr und ging zur Seite. Dort schoß er auf einen Kerzenständer, den er durch das Fenster sah. Die Kerzen fielen um, und schon bald züngelten Flammen in dem Raum hoch. Die anderen waren so sehr mit unserer Abwehr beschäftigt, daß sie nicht darauf achteten, und so loderten bald die Flammen aus dem Dach in den schwarzen Himmel. Die Gegner schrien, und als sie rauskamen, knallten wir sie gnadenlos ab. Das Feuer hatte jetzt das gesamte Gebäude erfaßt. Da kam ein dicker Gangstertyp mit Boxershorts, Hawaii-Hemd und dicken Goldketten heraus. Das mußte dieser Leowski sein, dessen waren wir uns sicher. "Peng!". Ein Gewehrschuß beendete auch sein Leben. Da erschienen noch zwei Wachen auf dem Dach und feuerten auf uns. Max wurde von einer automatischen Salve voll getroffen und sank zu Boden, auch unser Nachbar kriegte ein paar böse Treffer ab, bevor wir die Typen erledigen konnten. Endlich war der Widerstand gebrochen, doch wir konnten nichts mehr aus dem Lager retten, weil uns Rauch und Flammen den Weg versperrten. Max war tot und unser Nachbar schwer verwundet. Ein Streifschuß hatte seine Bauchdecke herausgerissen, und so stand er mit heraushängenden Gedärmen da.

Wir gingen zurück und taten, was wir tun konnten. Doch den Nachbarn konnten wir nicht retten. Erinnerungen an den Ausgangspunkt unserer Reise kamen in mir hoch. Das Lagerhaus war völlig zerstört, keine Nahrung konnten wir retten. Aber wenigstens hatten die Schweine nicht überlebt! Auch der Nachbar war mittlerweile infolge seiner Verletzungen ins Jenseits verschieden. Mich quälte der Hunger, genauso wie Erwin, und so gingen wir zu den Autowracks und sahen uns die geröstete Leiche meines Vaters an. "Nein, das tust Du nicht!" dachte ich, doch Erwin war offenbar als erster vom Hunger überwältigt: Er nahm einen Arm und biß hinein. Es schien ihm gar nicht mal schlecht zu schmecken. "Verdammt, wie tief sind wir gesunken!", sagte ich zu Erwin. Doch dann nahm ich den anderen Arm, den, an dem mich mein Vater als Kind immer geführt hatte, und biß in das Muskelfleisch. Es schmeckte fast wie normaler Braten, nur mittlerweile kalt. Ich hatte soviel Hunger, daß ich den Unterarm sauber bis auf die Knochen abnagte. Erwin tat dasselbe an dem anderen Arm. Mit Entsetzen blickten wir uns gegenseitig an: Wir hatten die menschliche Zivilisation verlassen und waren Kannibalen geworden!

Einige Wochen hielten wir uns noch in der Nähe des abgebrannten Lagerhauses auf, doch wir hatten nichts von den Nahrungsvorräten. Nur Erwin und ich waren noch übrig. Wir hatten die Hemmschwelle überwunden, den letzten Schritt in den Abgrund der menschlichen Seele getan, und waren dazu übergegangen, das Fleisch unseres Vaters zu verzehren. Doch es reichte nur für einige Tage, dann war es ungenießbar. So fraß uns allmählich der Hunger weg; wir waren nach einiger Zeit kaum mehr als Haut und Knochen. Das Wetter wurde wieder kälter, es gab Schneeregen und in den Nächten Frost. Eintöniges Grau bedeckte Himmel und Landschaft. Die graue Fläche über unseren Köpfen, der mit vulkanischem Nebel gefüllte Himmel war das Leichentuch dieser sterbenden Welt. Unsere Körper vermochten Kälte und Schwäche kaum noch zu widerstehen. Dann drehte der Wind auf nördliche Richtung, und das Wetter wurde eisig. Der Schnee blieb liegen, und auch am Tage fror es. Erwin war durch seine Wunden stärker geschwächt und konnte als erster von uns nicht mehr gehen. Er saß an unserem kleinen Feuer in einer Nische und versuchte aufzustehen, doch er schaffte es nicht mehr. Mir fiel es schwer, und so lief ich nur ein wenig herum im Schnee, der die letzten Tage gefallen war. Dann setzte ich mich wieder hin und starrte lange apathisch in das langsam verlöschende Feuer. Etwas Holz legte ich nach, damit es die Nacht durchbrannte. Dann schlief ich ein. Am nächsten Morgen kam auch ich nicht mehr hoch; nur wenig Holz konnte ich noch auf das Feuer legen. Ich stieß Erwin an, doch ich konnte nicht erkennen, ob er reagierte. Eine lange Zeit starrte ich in das Feuer und konnte keinen Gedanken fassen. Dann erloschen die Flammen, und die Glut strahlte immer weniger Wärme ab. Mein Bewußtsein schwand, während die Kälte langsam in den Körper drang. Das Wetter war noch kälter geworden in der Nacht, als sich der Nordwind verstärkt hatte. Erwin hatte schon seit Stunden keine Regung mehr gezeigt. Ich konnte mich kaum noch bewegen. Es ging jetzt auf Mittag zu, doch die Temperatur hatte immer noch kaum den Gefrierpunkt erreicht. Ein paar dünne Wolken zogen über den Himmel, die man vor den Dunstschleiern kaum wahrnehmen konnte. Dann hellte sich der Himmel zu einem fahlen Hellgrau auf, und ich konnte mit Mühe eine helle, scheibenförmige Kontur hinter dem Hochnebel erkennen. Wochenlang hatte ich nicht mehr den Himmel betrachtet, jene gleichförmige, graue Masse des vulkanischen Säuredunstes, die über den Wolken hing und alles lebensspendende Licht fernhielt. Die Sonne! Über fünfzehn Monate lang hatten wir sie nicht mehr gesehen. Jetzt, am Ende dieses unwirklichen Sommers, erschien sie wieder. Noch war sie vernebelt und kraftlos, doch schon im nächsten Jahr würde sie klarer zu erkennen sein und die Erde erwärmen. Schwarze Schatten erschienen vor meinen Augen, und unwiderstehliche Müdigkeit ergriff Besitz von mir. Dann schloß ich die Augen und sank in einen seligen Schlaf. Nie mehr sollte ich aus ihm erwachen. Kalt pfiff der Wind über die Welt, eine Welt ohne Menschen. Vielleicht gab es in anderen Teilen der Erde noch welche, aber hier waren keine mehr am Leben. Und es sollte wohl noch mindestens ein weiteres Jahr dauern, bis wieder Pflanzen wuchsen. Pflanzen, die vielleicht höheren Lebewesen Nahrung waren. Doch den Menschen konnten sie nicht mehr nützen, denn die waren tot.


© Erik Hart, 2002

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