© Andreas Herberg 56 Seiten


vulcanus maximus
DER SUPERVULKAN

Prolog

Es begann schon zu dämmern, was das Licht, das durch die Bäume fiel, wie einen orangefarbenen Regen aussehen ließ. Und manche der Besucher waren aus genau diesem Grund hierher gekommen. Der Yellowstone-Nationalpark hatte besonders am Abend den Ruf, romantisch und auf eine einzigartige Weise urtümlich zu sein.
Das lag nicht nur an der Unberührtheit der Natur dieses mächtigen Naturreservoirs, mit seiner Größe von gut zweiundneunzig mal fünfundachtzig Quadratkilometern das Größte weltweit, sondern ebenso an der Einzigartigkeit. Hier gab es Pflanzen und Tiere, die nirgends anders auf Erden lebten und sie lebten im Einklang miteinander, nicht weil sie eingepfercht keine andere Möglichkeit hatten.
Um sich einfach einmal dem Streß der Großstädte zu entziehen, war dieser Ort ideal. Man konnte hier für eine Handvoll Dollar Campen, das Gelände auf eigene Faust erkunden, oder sich von einem Führer durch den Park geleiten lassen.
Genau mit diesem Auftrag bewegte sich Parkranger Charlie Ohio an der Spitze der elfköpfigen Besuchergruppe auf die Absperrung zu, die um den Geysir gelegt worden war. Eine dunkelrote Schnur, durch in den Boden gehauene Pfeiler gut einen Meter über dem Boden gehalten wurde. Von mehreren Seiten führten gepflasterte Wege an die leichte Erhebung heran und endete abrupt zwei Meter vor der Begrenzung. Undeutlich waren auch hinter der Absperrung noch ein paar Fußabdrücke im Sand zu erkennen, aber so weit kamen die Besucher gar nicht, denn Ohio stoppte neben einem in den Boden eingelassenen Pfeiler, auf dem in einem Winkel angebracht, eine Beschreibung des Geysirs stand, zusammen mit Daten wie Name, Ausbruchsintervalle und Steighöhe der Wasserfontäne. Die Augen der jungen blonden Frau am vorderen Ende der Besuchertraube waren neugierig, vielleicht sogar etwas schmachtend, auf ihn gerichtet, die der anderen wanderten entweder über die Öffnung des Geysirs oder zu den entfernten umliegenden Wäldern. Ohio räusperte sich kurz.
»Meine Damen und Herren« begann er wie jeden Tag, »was Sie hier sehen, ist der 'Old Faithful'-Geysir.« Er deutete unsicher in eine Richtung hinter sich, während er den faszinierten Blick der jungen Frau auf sich spürte. »'Old Faithful' ist einer der am höchsten ausspuckenden Geysire im ganzen Park. Zumindest von denen, die derzeit aktiv sind« fügte er der Richtigkeit halber hinzu. »Seine Ausbruchshöhe liegt zwischen einhundertsechs und einhundertvierundachtzig Fuß. Und diese Sicherheitsleine ist aus einem einfachen Grund hier« sagte er, als sein Blick auf einen vielleicht dreizehn- oder vierzehnjährigen Jungen fiel, der sich bereits unter der Absperrung befand, um darunter durchzukrabbeln. Rot vor Scham hielt er inne und beeilte sich, fort von der Sicherheitsleine zu kommen und Schutz bei seinen unaufmerksamen Eltern zu suchen.
»Wenn 'Der Alte', wie wir ihn nennen, nämlich ausbricht – und das ist alle siebzig bis achtzig Minuten der Fall, dann schießt er eine Fontäne mit beinahe hundert Stundenkilometern und weit über hundert Grad Celsius in die Luft.« Die junge Frau öffnete entzückt die Augen, als er sein Wissen unter die Besucher brachte, aber Ohio ließ sich von ihrem Blick nicht einfangen. »Genug, um jemandem sauber die Haut von den Knochen zu lösen, wenn man zu nah daran steht« fügte er scheinbar beiläufig in Richtung des halbwüchsigen Jungen zu.
Ohio warf einen kurzen Blick auf seine neue Digitaluhr. »Wenn wir Glück haben, können wir einen Ausbruch beobachten. Die Ausbrüche kündigen sich jedesmal durch ein leichtes Ruckeln des Bodens an. Bedecken Sie also vorher bitte Ihre Kameras, der Radius der Fontäne ist etwas größer als der der Absperrung. Der Park übernimmt übrigens keine Haftung für verlorengegangene oder beschädigte elektrische Geräte, die Sie bei sich führen.«
Wieder warf Ohio einen Blick auf seine Uhr, diesmal etwas länger. Sie konnten wirklich Glück haben, ohne daß Charlie seine Führung ausdehnen mußte. Die meisten drängelten darum, noch länger zu warten, um den Geysir auf jeden Fall in Aktion zu sehen. Anscheinend waren ihnen die vier Dollar fast schon zu teuer, um sie noch einmal für ein derartiges Spektakel auszugeben. Die junge Frau sah erneut zu Charlie herüber, musterte ihn mit ihren Blicken und lächelte ihn kokett an, wobei sie ihren üppigen Busen durch einen tiefen Atemzug ins rechte Licht hob.
»Wann geht’s denn los?« rief eine Stimme rechts neben der jungen Frau. Sie kam von einem untersetzten, fetten Mann mit einem Schokoriegel in der Hand. An seinen Mundwinkeln klebte dieses braune Zeug schon, als Ohio ihn zum ersten Mal gesehen hatte. »Ich meine, sind die achtzig Minuten noch nicht um?«
Solche Nervtöter gab es immer, wenn sich unbescholtene Bürger irgendwo entspannen oder amüsieren wollten. Spinner, deren einziger Lebensinhalt es ist, anderen auf den Sack zu gehen, dumme Fragen wieder uns wieder zu stellen und sich in den Mittelpunkt zu stellen wo es nur ging. Prahlten übertrieben beiläufig mit ihrem Wissen und fristeten daheim in ihrem Single-Apartment ihr einsames Dasein bei Chips, Bier und Schokolade vor dem Fernseher. Man konnte nur mutmaßen, daß es irgendwo eine versteckt arbeitende Firma gab, die solche Kerle bei Exkursionen, Klassenfahrten oder Museumsbesuchen ins Rennen schickten, um anderen Besuchern das Leben wenigstens für ein paar Minuten zur Hölle zu machen. Und das Schlimmste: in Gefahrensituationen starben solche Typen erfahrungsgemäß als letzte.
Das Rumoren begann. Anfangs lediglich ein ganz leichtes Ruckeln, das jedoch schnell zunahm und wie ein leichtes Erdbeben erschien. Na endlich, dachte Ohio. Er mochte es nicht besonders, wenn ihn die Natur warten ließ. Er drehte sich zu dem dreieinhalb Meter großen Loch hinter sich um und wartete.
Das Zittern des Bodens verstummte abrupt, was Ohio kurz grübeln ließ. Normalerweise hörte es erst auf, kurz bevor die Fontäne ihren Zenit erreicht hatte. Von ihr war aber noch nichts zu sehen. Einer inneren Eingebung folgend ging er zwei Schritte zurück, dann einen dritten. Plötzlich schoß sie hervor. Mit einer prachtvollen Zischen stieß die Fontäne in den Himmel, verteilte Tausende winziger Wassertropfen über das Firmament und ergoß sanft sich über die Touristen. Der Geysir war ausgebrochen.

Geysire sind im Großen und Ganzen mit Wasser gefüllte Erdtrichter dicht unter der Oberfläche. Es handelt sich dabei um heiße Springquellen, die vornehmlich in vulkanisch noch aktiven Gebieten vorkommen. Das größte zusammenhängende ist der Yellowstone-Nationalpark. Geysire stoßen meist in bestimmten Intervallen Wasser- und Dampffontänen aus, um ihren stetig steigenden inneren Dampfdruck zu entlasten.

Das plötzliche Verstummen der Eruptionen des Bodens um den Geysir herum hatte Ohio doch etwas stutzig gemacht. Er konnte nicht sagen, weshalb, aber er konnte es nicht leugnen. Und dann brach der Boden auf.

Bei Vulkanen, im Gegensatz zu Geysiren, kündigt sich ein Ausbruch nicht durch erdbebenähnliche Bodenvibrationen an, sondern durch deren Ausbleiben. Ein Vulkan ist nicht nur ein Berg mit einem Krater am oberen Ende und Lava in seinem Innern, er ist weitaus komplizierter aufgebaut, als mancher weiß. Der Vulkan als solcher ist noch nicht mal ein Berg, lediglich die Anhäufung von vulkanischen Förderprodukten, die aus dem Erdinnern getragen werden. Von der Hauptmagmakammer, die tief unter der Erdoberfläche ruht, auf der der Vulkan steht, führt ein rohrähnlicher Schlot das flüssige Gestein nach oben und sammelt es dort in einer weiteren Kammer an, dem sogenannten Vulkanherd. Durch die Mitführung äußerst gespannter Gase baut sich in gewissen Zeiträumen immer mehr Druck aus. Jedoch anders als bei Geysiren führt vom Vulkanherd nicht nur ein Schlot nach oben, sondern mehrere, und meist treten diese am Rand der Vulkanaufschüttung auf, selten auch in einem größeren Umkreis um die Erhebung. In jedem Fall aber kann der Ausbruch selbst eines winzigen Nebenkraters verheerend sein.

Sekunden nachdem der Geysir begonnen hatte, seine heiße Fracht in den Himmel zu schießen, brach der Boden darum auf. Es war keine Explosion, nur ein mächtiges Donnern und Dröhnen des Bodens, das Ohio und die Besucher von den Füßen riß. Lautes Geschrei war zu hören und jeder versuchte irgendwie wieder auf die Beine zu kommen. Unzählige winzige Risse begannen um sie herum aufzuspringen und vergrößerten sich rasend schnell. Ohio klammerte sich mit aller Kraft an den Pfeiler mit den Besucherinformationen. Völlig unsinnigerweise fiel sein Blick auf eine Zeile und blieb daran haften. ›Die Geysire des Yellowstone-Parks stehen auf vulkanisch hochaktivem Untergrund.‹ Die Tragweite dieses Satzes wollte ihm allerdings auch jetzt noch nicht kommen. Erst als das Beben des Bodens immer weiter zunahm und plötzlich Teile davon einfach hinabfielen und von roter, zähflüssiger Glut verschluckt wurden, riß er die Augen weit auf. Ein Vulkanausbruch!
Ohio konnte nicht wissen, daß es kein Vulkanausbruch als solcher war, und er würde es auch nie erfahren. Er konnte nur mit ansehen, wie die Besucher einer nach dem anderen am Boden liegend schreiend in die zähe glühende Masse gezogen wurden, ihre Körper zu brennen begannen und ihr entsetzliches Geschrei schließlich erstarb. Dies würde auch sein Schicksal sein, schoß es ihm durch den Kopf und ließ ihn erschaudern.
Plötzlich spürte er einen Druck an seinem rechten Oberarm und als er den Kopf drehte, blickte er in das von Angst verzerrte Gesicht der jungen, blonden Frau. Ihre blauen Augen waren weit aufgerissen und ihr Mund bewegte sich wild, doch im Geschrei der Menschen um sie herum und dem lauten Beben des Bodens konnte er kein Wort verstehen. Hilflos umklammerte sie Ohios Arm und zog sich mit übermenschlicher Kraft an seiner Schulter hinauf. Noch immer öffnete und schloß sie ihren Mund ohne daß Charlie ein Wort verstehen konnte. Allmählich begann ihm die Hitze zuzusetzen. Nur wenige Meter von ihnen entfernt brach ein weiteres Stück Boden hinunter in den See aus Magma und trieb ihm Schweißperlen aus der Haut. Die Augen taten ihm entsetzlich weh und er starrte angestrengt zu den abblätternden Bodenstücken, hinter denen es gespenstisch rot glühte.
Erst jetzt fiel ihm auf, daß der Geysir noch immer sein heißes Wasser hinauf in den Himmel entlud. Wie lange war es jetzt her, seit er damit begonnen hatte? Eine halbe Minute? Eine ganze? Keinesfalls mehr. Doch das Wasser, das auf ihn herabregnete, wurde immer mehr und legte einen dunstigen Schleier über seine Augen. Durch diesen Nebel hindurch erkannte er weiter hinten etwas kleines Dickliches, das aufgebracht mit den Armen ruderte. Es war der Dicke mit der Schokolade im Gesicht, der immer die große Klappe gehabt hatte. Außer ihm, Ohio und der Frau an seiner Schulter war niemand mehr da, es war auch kein Geschrei mehr zu hören, außer das leise Schluchzen und Wimmern hinter ihm. Er sah sich um und blickte in ein weinendes, verzweifeltes Gesicht, um das schmutziges zerwühltes Haar lag.
Charlie wog seine Chancen ab. Er konnte entweder hier warten, sich seinem Schicksal ergeben und darauf hoffen, daß das Abbrechen des Bodens irgendwann vor ihm zum Stehen kam oder er konnte sich aufrappeln und versuchen, aus dieser Hölle zu entkommen. Und das tat er auch. Er nahm seine ganze Kraft zusammen, stand auf… und bekam einen Schock. Fast die gesamte Fläche des begehbaren Feldes um den Geysir wies Risse auf oder schwamm bereits in der roten Suppe. Etwa zwanzig Meter entfernt entdeckte er auch den Dicken, der noch immer wild mit den Armen fuchtelte. Er schien auf einer kleinen Insel aus noch nicht geschmolzenem Boden zu verharren. Es konnten nicht mehr als sieben Meter im Durchmesser sein. Um ihn herum war nur glutflüssiges Gestein.
Ohio wandte sich nun an die Frau an seiner Seite, versuchte sie zu beruhigen, doch sie schrie hysterisch und blickte sich mit aufgerissenen Augen um. Er war drauf und dran, ihr eine runterzuhauen, damit sie wieder zur Besinnung käme, doch dafür hatte er keine Zeit mehr. Der Boden vor seinen Füßen begann sich schon abzusenken. Er packte die Frau am Handgelenk und rannte los. Rannte so schnell er konnte. Im Laufen begann er, sich besser zu fühlen, aktiver. Er glaubte, den Spurt schaffen zu können, das Leben der Frau und vor allem sein eigenes retten zu können. Er mußte schon einen erheblichen Vorsprung herausgeholt haben. Ja, er würde es schaffen!
Er schaffte es nicht.
Charlie rutschte im Laufen auf lockerem Gestein aus, doch in dem Moment senkte sich bereits der Boden unter ihm schon unweigerlich hinab. Das letzte, woran er dachte, war merkwürdigerweise, daß der Dicke wohl der einzige war, der noch heil aus dieser Sache herauskommen konnte. Er konnte nicht wissen, daß dieser da bereits tot war. Am Boden liegend drehte er seinen Kopf nach rechts und blickte in das schmerzverzerrte Gesicht seiner Nachbarin, die er noch immer am Handgelenk hielt. Er sah sie schreien, hörte jedoch nichts. Er sah an ihr hinunter, ihre Beine standen in Flammen, ebenso wie seine eigenen, doch er verspürte keinen Schmerz mehr. Als die Flut roter Lava über ihn hinwegwälzte galten seine letzten Gedanken seinem Lebensgefährten Adrian.

Ein silberner Chevrolet Camaro fuhr langsam über die Einfahrt des Menlo Parks, in Richtung der Forschungs- und Überwachungsgebäude, und blieb auf einem Parkplatz vor dem zweistöckigen weiß gestrichenen Gebäudes stehen. Dr. Mathews stieg aus dem Wagen und sicherte ihn elektronisch. Dann warf er einen Blick auf die Uhr. Ruhig holte er sich eine Zigarette aus einer Schachtel und brannte sie an. Ohne Eile ging er zum Eingang des Gebäudes und lehnte sich gegen eine Wand neben dem Eingang und stellte seine Aktentasche auf den Boden. Genüßlich sog er an der Zigarette und schaute über die Bäume hinweg in den Himmel, an denen graue Wolken das Bild der Sterne verdeckten. Was mochte wohl geschehen sein? The worst case, wie er genannt wurde, konnte nicht eingetreten sein, das hätte er mitbekommen. Mathews schmunzelte.
Um 21 Uhr hatte er einen Anruf von seinem Kollegen Archibald Wump entgegengenommen, als er mit seiner gerade Frau gerade in einer Vorstellung von Grease gesessen hatte. »John, wir haben ein Problem. Du mußt sofort herkommen« hatte er gesagt. Daraufhin hatte er seiner Frau ein Taxi bestellt und sich sofort auf den Weg gemacht. Den Luxus einer Zigarette vor der außerplanmäßigen Arbeit ließ er sich allerdings nicht nehmen.
Als er fertig war, drückte er die Zigarette mit dem Fuß aus und drückte einen Knopf am Schlüsselanhänger seines Wagens worauf ein elektronisches Piepsen erklang und die Lichter des Wagens kurz an und wieder aus gingen. Dann trat er in das Hauptgebäude des YVO.

Der Grundstein für das Yellowstone Volcano Observatory war am 14. Mai 2001 gelegt worden, in Übereinkunft des USGS, der U.S. Geological Survey, des Yellowstone-Parks und der Universität von Utah. Ihre Aufgabe sollte darin bestehen, Erdbeben und Veränderungen im vulkanischen Untergrund des Yellowstone-Nationalparks zu beobachten und zu dokumentieren. Zudem sollten sie eine mögliche Gefährdung durch die von tektonischen Plattenbewegungen ausgelösten Veränderungen ausschließen beziehungsweise vorhersagen, obwohl die Sache beim Yellowstone-Park mehr als nur ein wenig schwierig war. Der Park an sich gilt als das größte zusammenhängende Gebiet natürlicher thermaler Besonderheiten.

Eine Reihe Leute lief bereits im Kontrollraum des ersten Obergeschosses umher und trugen Daten von einem Schreibtisch zum anderen. Der Raum an sich war quadratisch unterteilt in vier Sektionen: zwei Arbeitsbereiche für die geologische Aufzeichnung und Auswertung der Meßstationen innerhalb des Parks, einer Meßanordnung mit verschiedenen Seismographischen und seismologischen Computersystemen und einer weiteren für die Koordination der Abläufe innerhalb des Parks. Dieser war Mathews Ziel.
An seinem Platz angekommen, trat sogleich Archibald Wump an ihn heran.
»Hallo John. Danke, daß du gleich kommen konntest.« Seine Stimme wirkte angestrengt.
»Hm« machte Mathews nur, während er seinen Mantel über die Lehne seines Stuhls legte. »Grease ist nicht toll wie alle behaupten. Aber Kelly wollte es unbedingt sehen.«
Wump gab ihm keine Antwort. Er wartete hinter Mathews und schaute in Richtung des Konferenzraumes, der hinter einer Wand aus Milchglas lag. Mathews kannte ihn eigentlich humorvoller, immer einen Witz auf der Zunge. Daß er sich jetzt so ruhig verhielt, konnte nichts Gutes bedeuten.
Gemeinsam gingen er und Wump in den Konferenzraum, wo bereits drei seiner Mitarbeiter mit blutunterlaufenen Augen auf sie warteten. In der Mitte des Tisches standen zwei Kannen Kaffee, wovon eine bereits in den Tassen seiner Kollegen gelandet waren. Mathews nahm am Kopf des Tisches Platz und nahm einige beschriftete Zettel von Wump entgegen. Ohne sie zu lesen legte er sie vor sich hin und kreuzte seine Hände darauf.
»Guten Abend, meine Herren« begann Mathews. »Ich würde Ihnen vielleicht danken, daß sie mich aus der Vorstellung von Grease geholt haben, aber anscheinend stehen die Dinge hier nicht besonders besser. Also fangen wir mal an.«
»Vor drei Stunden« begann einer der Männer recht neben ihm, George Hamsley, »haben wir versucht, Charles Ohio zu erreichen. Er ist Führer der Besuchergruppen und hatte heute die letzte Tour.«
Mathews lehnte sich in seinem Sessel zurück und hörte den Ausführungen Hamsleys zu.
»Eigentlich hätte er zu diesem Zeitpunk schon auf dem Rückweg sein müssen, doch als er hier nicht eintraf, versuchten wir ihn über Funk zu erreichen. Wir erhielten keine Antwort.«
Die Busse, mit denen die Besucher durch den Park kutschiert wurden, hatten alle ein Funksystem in ihrem Innern, um bei Notfällen oder Problemen mit den Fahrzeugen Hilfe anfordern zu können. Vor jedem Ausstieg der Besuchergruppen wurde ebenfalls durchgegeben wo sie sich zur Zeit befanden. Über diese Dinge wurden hier im Park nahezu akribisch Aufzeichnungen geführt.
»Seine letzte Position und die der Besuchergruppe war vor dem 'Old Faithful' und es gab keine Probleme bis dahin.«
»Bis dahin?« Mathews kamen die Ausführungen seines Kollegen ziemlich langweilig vor und er wollte das Thema, was immer es war, so schnell wie möglich vom Tisch haben.
»Um ehrlich zu sein, Sir, war das das letzte Mal, daß wir etwas von ihm und seiner Gruppe hörten. Das war siebzehn Uhr zwölf.« Hansley sah auf seine Uhr. »Vor knapp drei Stunden.«
»Vielleicht hatten sie-« begann Mathews, doch Wump fiel ihm jäh ins Wort.
»John, wir haben 10 Minuten nachdem er sich das letzte Mal gemeldet hat einen Anstieg des seismischen Niveaus gemessen. Ein Erbeben der Stufe 4-«
»Vielleicht ist nur ihr Funkgerät oder der Bus beschädigt worden.«
»-und etwas anderes.« Wump betonte die letzten Worte besonders und ging überhaupt nicht auf den Einwurf seines Vorgesetzten ein.
»Etwas Anderes?« John Mathews zog die Augenbrauen hoch. Etwas, das man nicht oft bei ihm sah.
Wump schwieg einen Augenblick, doch dann deutete er auf die Mappe vor sich. »Das haben wir bekommen, kurz bevor wir Sie angerufen haben.«
Mathews sah zu seiner eigenen Mappe hinab, nahm sie in die Hand und öffnete sie. Das erste, auf das sein Blick fiel, war ein Diagramm. Gleichmäßige Zickzack-Linien liefen regelmäßig von oben bis fast zur Mitte. Von dort an jedoch wurden die Linien immer ausschweifender, die Linienspitzen näherten sich immer weiter dem Rand, ohne ihn jedoch zu berühren. Erst ganz unten schienen sie sich wieder zu normalisieren. Der Höhepunkt des Erdbebens, das durch dieses Diagramm dargestellt wurde, war mit einem Rotstift auf siebzehn Uhr dreiundzwanzig datiert.
Mathews legte das Diagramm beiseite. Darunter war ein Schwarzweiß-Foto mit einer Büroklammer an der Mappe befestigt. Es zeigte in der linken oberen Ecke das Logo der US Geological Survey, darunter das Datum des heutigen Tages. Unten links gab es ein Feld mit Längen- und Breitengraden sowie einer Maßstabsangabe. Mathews erkannte sofort, daß es sich bei dem Bild um die Satellitenaufnahme des Gebietes um den 'Old Faithful'-Geysir handelte. Alles auf dem Foto stimmt, bis auf den Geysir und die Umgebung rund hundert Meter drum herum. Der Alte war einfach verschwunden! Nichts war mehr zu sehen von dem Wegsystem, den Grünflächen ringsumher. Die gepflasterten Straßen und Wege hörten einfach an einer Stelle auf, ebenso der Rasen. Und der Geysir war weg! Mathews sah kurz auf und blickte in die Runde. Alle Blicke waren auf ihn gerichtet, doch niemand sagte ein Wort.
Eine unförmige Fläche um das Gebiet des Geysirs war fort, ersetzt durch etwas dunkles, das aussah wie eine zermatschte Kartoffel.
»Was glauben Sie, was das ist?« wandte sich Mathews an Wump.
»Nun ja, die meisten glauben, durch das Beben gab es erhebliche Erdverwerfungen. Umgestülpte Erschichten, Erdoberflächenteile wurden ineinandergeschoben. Solche Sachen eben.«
»Sie glauben das nicht?«
Archibald Wump wirkte für einen Moment lang ziemlich betreten. Als würde es ihm leid tun, falls er die richtige Antwort parat hätte.
»Meiner Meinung nach handelt es sich nicht um ein bloßes Erdbeben. Sie wissen ja, wie aktiv es unter dem Yellowstone-Park zugeht, daher glaube ich, daß der Boden an einer dünnen Stelle aufgebrochen ist und Magma nach oben gedrungen ist.«
Mathews rührte sich nicht, sondern hörte den Ausführungen stillschweigend zu.
»Kein Vulkanausbruch, sondern lediglich ein Durchbruch. An der Stelle eines Geysirs ist der Boden nach unten geöffnet und mündet in den Kesselraum. Wenn jetzt eine kleinere Magmakammer oder eine Spalte durch die Wände dieses Kesselraums brechen, würde der Druck unterhalb des Geysirs den Boden quasi aufsprengen. Die Oberfläche müßte dann aufbröckeln und unter die Lava gezogen werden. Übrig würden nur knorpelige Erdverwerfungen sein, wie wir sie auf dem Foto sehen.«
Mathews blieb ruhig. Er dachte nach.
»Das sind alles nur Spekulationen. Sollte wirklich ein Strom glühenden Magmas auf einen gefüllten Kesselraum treffen, würde ein gewaltiger Ausbruch die Folge sein« gab Hamsley zu Bedenken, der allem Anschein nach nicht mit der Idee seines Kollegen einverstanden war.
»Nicht, wenn der Geysir kurz zuvor ausgebrochen war oder es gerade getan hätte« konterte Wump. »Dann hätte der Kesselraum nicht so unter Druck gestanden.«
Hamsley erwiderte nichts, Mathews kam ihm zuvor.
»War schon jemand da unten?«
»Niemand« antwortete Wump, der bisher alles in die Wege geleitet hatte und jetzt fast bereute, niemanden hingeschickt zu haben.
»Gut.« Mathews erhob sich. »Ich werde ein Team zusammenstellen, das sich die Sache genauer anschaut. Ich wünsche diese Personen dann bis morgen früh an Ort und Stelle. Arch, Sie fertigen bitte eine Liste der notwendigen Ausrüstungsgegenstände an.«
Einen Sekundenbruchteil lang war Furcht auf dem Gesicht von Wump zu erkennen. »Ich soll mitfahren?«
»Nein, nein« erwiderte Mathews. »Ich brauche Sie hier. Außerdem ist jeder, der etwas dazu beitragen möchte, daß uns nicht das halbe Land um die Ohren fliegt, herzlich eingeladen, uns Gesellschaft zu leisten - bis morgen früh, neun Uhr dreißig!«
Damit schritt Mathews aus dem Raum und schloß die Tür hinter sich.

Die Zeit, als er sich einen beruf mit mehr Action gewünscht hatte, waren längst vorbei. Jetzt war er glücklich mit diesem Job, der sein Hobby mit seinem Einkommen verband. Die Vorgänge im Erdinnern verstehen, beobachten - wenn auch nur indirekt -, und Menschen mit seiner Arbeit vor Gefahren zu warnen, das war sein Traum. Möglicherweise stand er gerade jetzt an einem Wendepunkt dessen, das er einst noch glaubte kontrollieren zu können.
Erneut warf er einen kurzen Blick auf das Bild des Satelliten, auf die dunkelgraue unförmige Masse, die wie eine kleine Pfütze schäumenden Wassers aussah und nicht viel größer wirkte, als sein Daumennagel. Wump könnte recht haben, dachte er. Mein Gott, wenn er wirklich recht hätte...! Er verwarf den letzten Gedanken. Es nützte ihm nicht, sich Furcht einzureden. Bevor nichts Genaueres bekannt würde, würden sie sich vorerst damit begnügen, festzustellen, was da unten wirklich passiert war. Vielleicht gab es doch eine einfachere - weniger schockierende - Nachricht.
Er blickte wieder zurück zu dem Blatt Papier, an dem er bis vor wenigen Minuten gearbeitet hatte. Es war im Großen und Ganzen nicht mehr als eine liederlich geführte Liste mit Namen und zusätzlichen Informationen. Viele waren durchgestrichen, einige wieder hingekritzelt worden. Doch alles in allem war sie nun vollständig. Zehn Personen würden sich morgen früh in Richtung des 'Old Faithful' aufmachen. Zwei Frauen, acht Männer. Bis auf zwei waren alle für eine nicht allzu lange Zeit beim Militär gewesen und dienten jetzt dem Yellowstone-Nationalpark als Park Ranger.

Eine der Aufgaben der Park-Ranger, der sogenannten Wächter des Nationalparks, ist es, diesen sauber zu halten. Damit sind keineswegs Aufräumarbeiten gemeint, sondern die Prävention und die Verfolgung von Umweltsünden. Beispielsweise werden das Rauchen und Ausdrücken von Zigaretten in nicht dafür vorgesehene Behältnisse mit hohen Strafen geahndet. Ebenso das gezielte Stören der im Park lebenden Tiere zieht meist Haftstrafen nach sich. Die Ranger haben beinahe so viele Rechte wie die Polizei in manchen Städten und anders als sonstwo drücken sie hier kein Auge zu. Jeder wird zur Rechenschaft gezogen, seien es Kinder oder alte Leute. Und eben dies ist der Grund, weshalb der Yellowstone zu den saubersten und natürlichsten Naturparks der ganzen Welt zählt.

John Mathews griff instinktiv nach seiner Tasse Kaffee, stellte sie jedoch wieder ab, als er feststellte, daß sie leer war. Das war bereits das zweite Mal, doch er wollte sich keinen neuen holen. Viel lieber wollte er zuhause sein bei Kelly und Emily, ihrer kleinen Tochter. Egal wie öde Grease gewesen war, schlimmer als seine außerplanmäßige Arbeit hier, war es auf keinen Fall. Anfangs war es noch aufregend gewesen, etwas Ablenkung zu bekommen, sich einer neuen Herausforderung zu stellen, doch mittlerweile war es nur noch anstrengend.
Es klopfte.
»Herein. Oh, hallo Billy.« Mathews erhob sich und reichte seinem Vorgesetzten Bill Trogan die Hand. Er war etwas kleiner er, vielleicht ein, zwei Zentimeter, strahlte aber dennoch eine angeborene Autorität aus. Mathews war mit ihm auf dem College gewesen, vor gut 25 Jahren und beide hatten sie um die besseren Noten gekämpft. Es war ein friedvoller Wettstreit gewesen, aus dem eine tiefe Freundschaft gewachsen war. Mittlerweile hatte Trogan eine Halbglatze, die er regelmäßig kahl rasierte. Er schien dadurch jünger, als er wirklich war, doch seinen graublauen Augen sah man das Alter bereits an. Eine kleine Brille mit dünnem Drahtgestell tanzte ihm auf der Nase, als Trogan den Gruß erwiderte.
»Guten Abend, John.« Er trat durch die Tür in Mathews Büro. »Darf ich Ihnen Mr. Engels vorstellen.«
Hinter Trogan betrat plötzlich ein großer Mann, Mitte dreißig, den Raum und reichte Mathews stumm die Hand. Er war ganz in Schwarz gekleidet, lediglich ein weißes Hemd lugte unter dem Jackett hervor. Die Haare waren von gleicher Farbe und in dem kantigen, glatten Gesicht prangte eine schwarze Sonnenbrille. Er nahm sie ab und Mathews sah zum ersten Mal seine eiskalten, blauen Augen, die ihn auf eine angespannte Art und Weise fixierten.
»Mr. Engels ist ...« Trogan warf einen kurzen Blick hinüber zu dem Mann, der ihn ebenso kalt ansah, doch Mathews glaubte zu erkennen, daß sich sein Blick verhärtete. »... von einer anderen Organisation« sagte Trogan schließlich.
Mathews bedeutete den beiden Herren, vor seinem Schreibtisch Platz zu nehmen. Er selbst ließ sich schwerfällig in seinen Sessel gleiten. Wieso war Engels auf einmal hier? Und was machte dieser Gorilla bei ihm? Matthews hatte ihn noch nie zuvor gesehen und die Distanziertheit Trogans konnte nur bedeuten, daß auch er ihn noch nicht lange kannte.
»John, hast du inzwischen eine Liste zusammengestellt?« wollte Trogan wissen.
Mathews nickte. Er schob das Blatt Papier über den Tisch zu seinem Vorgesetzten. Dieser besah sie sich kurz und nickte dann zufrieden. »Wann wirst du sie losschicken?«
»Morgen bei Tagesanbruch. Sie werden etwa um neun Uhr vor Ort eintreffen« gab Mathews zurück, der sich von Trogans Begleiter beobachtet fühlte.
Engels nahm die Liste von Trogan entgegen und besah sie sich. Keine Regung war in seinem gesicht zu erkennen. Es schien beinahe so, als interessiere ihn nicht, was auf dem Papier stünde.
»Wir würden gern noch eine Person in Ihr Team einbringen.« Der Mann in Schwarz sprach mit einer tiefen Baritonstimme und die Art und Weise wie er das sagte, klang nicht wie ein Vorschlag - vielmehr wie ein Befehl.
»Wer ist denn 'wir'?« wollte Mathews wissen, dem die Sache nicht geheuer war.
»Das geht Sie, mit Verlaub, nichts an.«
»Entschuldigen Sie mal, aber das sind meine Leute da draußen und ich wüßte doch gern, wer ihnen wildfremde Leute mitschickt.« Mathews gefiel die großkotzige Art des Gorillas nicht.
»Ich komme von einer Organisation, die Ihrer übergeordnet ist.« Engels sprach langsam und autoritär und ließ ihn keinen Moment aus den Augen. »Sie werden Ihre Liste um eine Person erweitern oder Sie werden die Konsequenzen zu tragen haben.«
Mathews wollte etwas sagen, aufspringen und dem Gorilla sagen, wohin er sich seine weitere Person schieben konnte, doch er fing Trogans Blick auf, der ihm riet, besser nachzugeben - anscheinend hatte er bereits solch eine Auseinandersetzung hinter sich.
»Sagen Sie mir, was da unten ist.«
»Nichts« gab Engels zurück.
»Hören Sie, ich bin für die Männer da unten verantwortlich und wenn dort irgend etwas Gefährliches ist, will ich sie darauf vorbereitet wissen.«
Engels wirkte immer mehr aus der Fassung gebracht. Anscheinend mochte er es nicht, wenn seine Befehle hinterfragt oder womöglich sogar in Frage gestellt wurden. »Sie werden meine Anweisung ausführen, Mr. Mathews. Es gibt nichts, was Sie beunruhigen müßte. Sollte unser Mann nicht mehr benötigt werden, werden wir ihn wieder abziehen und Ihre Männer können unbescholten mit ihrer Arbeit fortfahren.«
Der Mann lügt, ging es Mathews durch den Kopf. Doch anscheinend hatte er die besseren Karten. Außerdem würde es nichts bringen, sich mit ihm anzulegen, wenn er selbst Trogan schon in der Hand zu haben schien. Aber irgend etwas stank an dieser Sache.
»Wer« fragte Mathews fordern.
»Boner West« gab Engels ruhig zurück. »Er wird sich morgen mit Ihren Leuten vor Ort treffen.«
»In welcher Position steht dieser West?«
»Er wird sich weitestgehend aus Ihren Untersuchungen heraushalten. Aber Ihre Leute sollen einfach auf ihn hören, wenn es an der Zeit ist.«
»Und wann wird es an der Zeit sein?«
»Mr. Mathews« sagte Engels streng, »Ihren Männern wird nichts passieren. Wenn es nach mir ginge, würde ich auch meine eigenen Leute für diese Angelegenheit nehmen, aber es ist notwendig, daß Ihr Team von einem unserer Männer unterstützt wird.«
Matthews sagte einen Moment lang nichts, sondern sah von Engels zu Trogan und wieder zurück. Er wußte, daß er in diesem Fall nicht mehr das Sagen hatte, sondern andere Personen am längeren Hebel saßen. Doch das war nicht wichtig, für ihn zählte allein das Wohl seiner Männer.
»Also gut, Sie haben Ihren Willen« sagte er schließlich.
»Mr. Mathews, Sie haben die richtige Entscheidung getroffen.« Engels erhob sich, Trogan mit ihm. »Sobald diese Sache erledigt ist, werden Sie nie wieder etwas von uns hören.«
Arschloch! Mathews lächelte ihm zu, als Engels sein Büro verließ. Als Trogan sich noch einmal zu ihm umblickte, flüsterte dieser ein Danke! und verließ mit dem Mann in Schwarz das Gebäude.
Also gut, es würden also elf Leute auf diese Mission gehen, dachte John Mathews bei sich, als er zu seinem Schreibtisch zurückkehrte. Wenig später holte er sich doch einen Kaffe. Er wollte das unliebsame Gefühl vertreiben. Das Gefühl, daß nicht alle wieder zurückkehren würden.

Trübes Wetter und damit einhergehender Nebel verwandelten den Yellowstone-Park an diesem Morgen in ein unwirklichen Platz. Man konnte gut hundert Meter weit sehen, doch darüber hinaus absolut nichts. Sämtliches Dickicht und das Laub der Bäume verschwamm zu einem grünlichen Brei. Man kam sich fast vor wie in einem prähistorischen Wald, in dem hinter jeder Ecke ein Dinosaurier lauern konnte.
Jedenfalls empfand Sean Clemens das so.
Neben dem Fahrer sitzend, ging der Captain der Park Ranger noch einmal das Prozedere durch, das er zuvor mit Dr. Mathews besprochen hatte. Aus irgendeinem Grund war dieser heute Morgen nicht sonderlich gut gelaunt gewesen und sagte immer wieder, sie sollten auf sich aufpassen. Clemens konnte das egal sein. Er hatte seine Auftrag. Ankommen, Sichern, Auspacken - und dann Ausruhen. Im Moment, bei diesem Wetter, konnten sie eh nichts machen, geschweige denn feststellen, was unter ihren Füßen los war. Statt dessen wollte er die Situation um den 'Old Faithful' näher untersuchen und herausbekommen, was dort passiert war, über das sich alle so aufregten. Soweit er gehört hatte, hatte es einen Bodenverwerfungen gegeben. Keine Kleinen zwar, aber dennoch nichts Aufregendes. Zumindest war es das, was man ihm gesagt hatte.
»Captain, wir erreichen den Sammelpunkt in etwa zehn Minuten«, sagte sein Fahrer, First Lieutenant Mike Lansfield.
»Gut« sagte Clemens und dann, mit einem Knopfdruck an seinem Helmmikrofon: »Aleena, zehn Minuten. Sag dem YVO Bescheid.«
»Verstanden« antwortete eine weibliche Stimme in seinem Ohr, dann schaltete er das Mikro wieder ab.

Clemens war zweiunddreißig, nächsten Monat dreiunddreißig und "noch gut in Schuß", wie seine beste Freundin einmal gesagt hatte - obwohl das auch schon eine Weile her war. Er hatte tiefschwarze, etwa einen halben Zentimeter lange Haare und hellblaue Augen, die im Moment durch eine verspiegelte Sonnenbrille verdeckt waren. Man hätte sein Gesicht nicht wirklich schön nennen können, dennoch war es markant und nicht ohne einen gewissen Reiz.
Mit siebzehn Jahren war er zur Armee gegangen, auf Verlangen seines Vaters und war dort in kurzer Zeit zum Captain aufgestiegen. Nachdem sein Vater jedoch vor vier Jahren starb, stieg er aus der Army aus. Er ging auf die Universität und machte sein Diplom in Geologie und Geophysik. Das Yellowstone Volcano Observatory bot ihm daraufhin eine Stelle als Assistent des leitenden Wissenschaftlers Dr. Marwin Lowenstein an, die er dankend annahm. Einige Zeit später jedoch, als Lowenstein von Mathews abgelöst worden war, hatte Clemens entdeckt, daß er mit dieser Arbeit nicht glücklich werden würde. Als er schon kurz davor war, seinen Job zu kündigen und zurück zur Army zu gehen, steckte ihn Mathews kurzerhand in eine Park Ranger-Uniform. Und Clemens war bei der Park Ranger Sondereinheit geblieben. Das war jetzt über zwei Jahre her. Sicher, der Job war keine Herausforderung wie die Army, aber hier konnte er seinem Interesse nachgehen und Mathews ließ ihn auch ab und zu noch bei Forschungsarbeiten mitarbeiten.

»Wir sind da.«
Vor ihnen breitete sich eine große Lichtung aus, vollständig mit Moos und einigen wenigen Sträuchern bewachsen. Sicher an die dreißig Meter im Durchmesser. Der Boden erzitterte leicht, als die beiden schweren Wagen in die Lichtung einfuhren und an zwei gegenüberliegenden Seiten hielten.
Clemens stieg aus, sobald der Wagen auf Schrittempo abgebremst hatte und ging auf die Mitte des beinahe kreisrunden Waldstücks zu. Dort, an einen dunklen Jeep Jerokee angelehnt, stand ein weiterer Mann, dunkelhäutig, und schien auf sie zu warten.
»Sie dürfen hier nicht rauchen, Mann!« sagte Clemens, während er den Mann von oben bis unten musterte. Er trug eine Uniform wie die der Park Ranger und eine ebensolche Mütze auf dem Kopf. Ein paar Stoppeln ließen schwarzes kurzes Haar darunter vermuten. Die Augen des Mannes waren auf Clemens gerichtet, als dieser auf ihn zukam.
»Oh. Entschuldigung« gab der Mann zurück und wollte die Zigarette gerade ins Gras werfen, um sie auszutreten.
»Nicht da, im Auto!« Clemens wurde langsam gereizt.
Sein Gegenüber war gerade damit fertig, die Zigarette im Aschenbecher des Wagens zu verstauen, als Clemens vor ihm zum Stehen kam.
»Ich bin Boner West« sagte der Andere.
»Ich weiß, wer Sie sind« antwortete Clemens knapp und sah plötzlich Furcht in den Augen seines Gegenübers. »Helfen Sie mit beim Auspacken.«
Einen Augenblick lang zögerte West, doch als er feststellte, daß Clemens keinen Verdacht geschöpft hatte, setzte sich dann bereitwillig in Bewegung.
»Und fahren Sie dann ihren Wagen aus dem Weg« rief er ihm hinterher.
Nicht näher benannte Organisation. Clemens rümpfte die Nase. Waren das Legastheniker, die ihren Namen nicht schreiben konnten? Oder Bekloppte, die einen auf Geheimdienst machten? Er mochte diesen Typ nicht besonders, obwohl er keinen üblen Eindruck machte. Mathews hatte die Geschichte erzählt, wie dieser Boner West in die Gruppe gelangt war und das verbesserte seinen Stimmung, einen zusätzlichen Mann - einen Fremden - in seinem Team zu haben, nicht besonders.
Clemens waren auch die beiden Koffer auf der Rückbank von Wests Jeep nicht entgangen. Große Samsonite-Koffer, stahl-verstärkt, allesamt schwarz. Es war die Art von Koffer, die Profi-Killer in Kinofilmen zum Transport ihrer Präzisionsgewehre benutzten. Hübsche Vorstellung.
Auf der anderen Seite der Lichtung sah Clemens gerade Crock aus dem hinteren Teil des anderen Wagens krabbeln. Ihr blonder Pferdeschwanz wirbelte wild herum, als sie den anderen unten Anweisungen gab.
Aleena Crock war das zweitjüngste Mitglied im Team, gerade fünfundzwanzig Jahre alt geworden und eine von zwei Frauen, für die Mathews sich für diese Mission entschieden hatte. Sie war groß, reichte Clemens mit seinen eins neunzig über die Schulter, und hatte dunkelblaue Augen, die in einem weichen, runden Gesicht lagen. Ihr blonder Pferdeschwanz war ihr Markenzeichen und stets zu sehen, wenn sie nicht gerade den Helm der Ranger trug. Sie war jetzt etwa ein halbes Jahr bei den Ranger und hatte schon mehrere Angebote von Mitgliedern der Ranger und sogar der Wissenschaftler bekommen. Alle hatte sie abblitzen lassen. Und obwohl sie sehr attraktiv war, lebte sie allein, soweit Clemens wußte. Aber das war ihm egal. Das Privatleben seiner Kollegen ging ihn nichts an.
Während Crock rückwärts aus dem Wagen stieg, nickte sie zu ihm herüber. »In einer Stunde steht alles« hörte er sie über den Helmfunk sagen.

Zweieinhalb Stunden später war das Lager errichtet und Sean Clemens war bereit zum Aufbruch. Er und zwei seiner Kollegen, Aleena Crock und Castor Barkes würden das Gebiet um den 'Old Faithful' inspizieren. Eine gute Gelegenheit, dem Neuzugang Barkes einen Einblick in die Materie zu geben. Sergeant First Class Castor Barkes war vor drei Monaten zur Sondereinheit der Park Ranger gestoßen. Zuvor hatte er ein Jahr bei den Marines als Sprengstoffexperte gearbeitet. Irgendwann war ihm der Job jedoch aufs Gemüt geschlagen und er besann sich eines Besseren, als ein Sprengsatz neben ihm explodiert war und ihn um ein Haar den rechten Arm gekostet hätte. Bei den Rangern glaubte er sich besser aufgehoben, und Clemens wußte daß er es in dieser Hinsicht auch war, doch Barkes hatte noch viel zu lernen.
»Lansfield, du behältst das Lager im Auge, bis wir wieder da sind« sagte Clemens in sein Mikro.
Die Antwort kam prompt. »Ja, Sir.« Zufrieden schaltete er das Mikro wieder ab und postierte sich neben dem LKW, den Blick auf die Armbanduhr gerichtet.
»Crock, zu mir!« brüllte Clemens plötzlich in sein Helmmikrofon und aus einem Zelt in der Nähe kam die junge Frau, die gerade ihre USP COMPACT durchlud und in das Hüfthalfter gleiten ließ. Im Laufen legte sie ihren Helm an und bezog vor ihrem Vorgesetzten Stellung. Mit kaltem Blick starrte er in ihre Augen, doch Crock rührte sich nicht, sondern hielt dem Blick stand. Dann begann Clemens plötzlich zu lächeln und sagte »Bestanden« und »Aufsitzen!«
Der Second Lieutenant nahm auf dem Beifahrersitz Platz, Barkes war im hinteren Labor des teilgepanzerten LKWs. Clemens fuhr.
»Crock, zeig' mir den Weg« sagte er, als der Wagen mit einem lauten Ächzer ansprang und dann langsam aus der Lichtung rollte.
Crock leitete ihn den ganzen Weg über mit Hilfe einer speziellen Karte, die nur die Ranger benutzten und die jeden Monat aktualisiert wurde. Der LKW bahnte sich seinen Weg durch Gestrüpp und zwischen engen Baumgruppen hindurch. Clemens hatte das Camp etwa eine Meile südwestlich des 'Old Faithful' aufstellen lassen. Weit ab von der Hauptstraße, weshalb er nun auch auf direktem und kürzestem Weg dorthin wollte. Über die Straße zu fahren würde mindestens zwanzig Minuten dauern, abgesehen von der Zeit die sie benötigen würden, um er’s einmal dorthin zu gelangen.
Fünfzehn Minuten später brachen sie aus einem Waldstück hervor, das an das Gebiet des Geysirs angrenzte.
Crock trat wie eine Verrückte auf die Bremse und Clemens hielt sich gerade so mit ausgestreckten Armen vom Armaturenbrett fern. Jenseits der Trennwand, die die Kanzel des LKW und das Labor voneinander trennte ertönte ein kurzes Gepolter und ein Aufstöhnen, dann ein Fluchen. Clemens grinste.
»Heiliger Strohsack« entfuhr es Crock. »Was war denn hier los?«

Der LKW war aus dem Wald gekommen und direkt in etwas hineingeraten, das man als einen Kriegsschauplatz bezeichnen konnte. Crock und Clemens schauten hinaus auf eine Fläche, die der ursprünglichen parkähnlichen Landschaft überhaupt nicht mehr ähnlich war. Ringsumher ragten verkrustete Knorpel aus dem Boden, so groß wie Wagenräder schienen sie den ganzen Boden zu bedecken. Völlig schwarz mit wenigen hellgrauen Sprenkeln. Der Rasen, der sonst an das Waldstück angrenzte war einfach verschwunden. Nicht einmal ansatzweise war mehr etwas Grünes zu erkennen. Bis zum gegenüberliegenden Waldgebiet war alles übersät mit diesen Gebilden, die wie die Haut eines Reptils aussahen.
Clemens stieg aus und landete unsanft auf einer spitzen Kante Gestein, die sofort abbrach und ihn für einen Moment aus dem Gleichgewicht brachte. Es war ziemlich warm hier, fand er, während er seinen Blick schweifen ließ.
»Sieht aus wie nach einem Angriff« bemerkte Crock, als sie den Wager herum kam.
Clemens schaltet sein Helmmikrofon ein und bedeutete Crock, es ihm gleich zu tun. »Du gehst da lang.« Er deutete in eine Richtung rechts von ihm. Aleena setzte sich in Bewegung.
»Barkes!« rief Clemens.
»Ja, Sir?« Barkes lugte aus dem hinteren Ende des LKW heraus und sprang dann auf den Boden. Gerade rechtzeitig, um die Schlüssel aufzufangen, die ihm sein Vorgesetzter zuwarf.
»Sichern Sie den Wagen und folgen Sie mir dann.«
»Jawohl, Sir.«
Sean Clemens ging voraus, über zerklüfteten Boden, durch breite Furchen und . Anscheinend hatten die Verwerfungen keinen vollständigen Schaden angerichtet. Ab und zu lugten so etwas wie kleine dicke Platten daraus hervor, möglicherweise Teile des ursprünglichen Bodens.
»Barkes, sind Sie noch am Wagen?«
»Ja, Sir« kam es über Funk.
»Bringen Sie mir Sammelbehälter mit, wir werden einige Proben nehmen.«
»Jawohl. Sind drei genug?«
Clemens schmunzelte. »Lassen Sie es bei zweien, Castor. Die Dinger sind verflucht schwer.«
»Äh, ja, Sir.«
Sean kniete sich auf ein Bein, ohne jedoch den Boden zu berühren. Erst jetzt fiel ihm der schweflige Geruch auf, der sie umgab, seit sie ausgestiegen waren. Mit zwei Fingern fühlte er über den knotigen, schwarzen Boden. Er war ganz warm, sicherlich zwanzig oder dreißig Grad. Dann konnte es nur ein Erdaufbruch sein. Magma, das aus irgendeinem Grund durch die Oberfläche gebrochen war und diese förmlich aufgeschmolzen hatte. Clemens erhob sich wieder, als Castor Barkes von hinter auf ihn zukam, in jeder Hand einen fünfzig Zentimeter hohen zylinderförmigen Metallcontainer.
Sean öffnete das Sicherheitsschloß des einen Containers und bedeutete Barkes, die kreisrunde Klappe offenzuhalten. Mit dem Fuß trat er dann einiges Gestein locker und packte soviel davon in den Behälter wie er glaubte, daß Barkes tragen könnte. Schließlich versiegelte er den Container, ein Zischen aus dem Innern verriet, daß alles seine Ordnung hatte.
»Ab damit in den LKW« meinte er freundlich zu Barkes, der sich sofort auf den Weg machte.
Clemens schnappte sich den zweiten Zylinder und ging weiter in die Richtung, wo einmal 'Old Faithful' gewesen war. Alles war mit diesem schwarzen Zeug überzogen. Es handelte sich dabei um pyroklastische Ströme - flüssiges Magma, an der Erdoberfläche Lava genannt - die an der Oberfläche ausgehärtet waren. Normalerweise war das nur bei effusiven Vulkantypen der Fall, die nicht explosionsartig ausbrachen, sondern deren geschmolzenes Gestein sehr dünnflüssig ist und in weitfließenden Strömen einfach aus dem Vulkan herausfließt und irgendwann erstarrt. Da hier jedoch kein augenscheinlicher Vulkan zu finden war, mußte das Magma aus einer der Kammern tief unter dem Yellowstone-Park nach oben gekommen sein. Schicht für Schicht hätten sie den Boden von unten nach oben aufschmelzen müssen. Doch unter dem 'Old Faithful'-Geysir war keine solche Kammer, wie Clemens wußte. Es sei denn, die Kammern hatten sich in der letzten Zeit immer intensiver mit Magma gefüllt. Und dehnten sich aus!

»Sir, hier drüben!«
Sean drehte den Kopf zu Aleena, als er ihre Stimme über den Ohrhörer vernahm. Winkend kniete sie an einer Stelle rund fünfzig Meter entfernt. »Sie sollten sich das hier mal ansehen.«
»Bin unterwegs« gab Clemens zurück. Schnell verschloß er den Behälter, den er eben zum Füllen geöffnet hatte, wieder und nahm ihn mit sich.
Barkes traf kurz nach Clemens bei Crock ein und sahen sofort, weshalb sie so aufgeregt war. Aus dem Boden - oder aus dem, was jetzt der Boden war - ragte ein zehn Zentimeter langer verkohlter Stock heraus. Das meiste davon war nahezu verbrannt, doch an seinem Oberen Ende waren Knubbel, die ihn eindeutig als Knochen auswiesen.
»Er mußt irgendwie mitgespült worden sein« beantwortete Crock seine ungestellte Frage. »Möglicherweise waren die Ströme zu zäh, um ihn unter sich zu ziehen, oder sie kühlten einfach zu schnell ab.«
Sie trat mit dem Fuß dagegen, wodurch der Knochen mit einem leisen, sandigen Knacken abbrach, und verstaute ihn in dem Container, den Clemens ihr aufhielt. Ein Zischen erklang und er war verschlossen.
»Wo ist bloß dieser Geysir hin?« fragte Clemens mehr zu sich als zu den anderen.
»Verschüttet ist er nicht, oder?« versuchte Barkes eine Erklärung abzugeben.
»Nein« erwiderte Crock. »Er würde immer noch Dämpfe aus der Tiefe beziehen und diese müßten sich ja irgendwo sammeln. Hätten die pyroklastischen Ströme ihn also zugeschüttet, würde dort unten jetzt eine Gaskammer wachsen, die sich immer weiter aufbläht und irgendwann den Boden aufsprengt.«
»Und wieso geht das nicht?«
»Sehen Sie, Barkes« begann Clemens jetzt, »der 'Old Faithful' hat ein Ausbruchsintervall von etwa siebzig bis achtzig Minuten. Lava erstarrt aber nicht innerhalb von achtzig Minuten an der Oberfläche. Mich würde es nicht wundern, wenn dieser Teil des Parks bis in die Nacht hinein geleuchtet hat.«
Clemens erhob sich. »Der Alte ist auf jeden Fall wieder ausgebrochen, hat das noch weiche Gestein weggesprengt und ein Loch übriggelassen. Die Frage ist nur, wo.«
In diesem Augenblick begann der Boden unter den Füßen der drei Ranger leicht zu vibrieren und wurde nach und nach immer stärker.
»Ich glaube, wir werden es gleich wissen« meinte Barkes und ging vorsichtig einen Schritt rückwärts auf den LKW zu. Die Vibrationen wurden stärker und gingen in ein leichtes Beben über. Dann, urplötzlich, brach ein Loch in zwanzig Meter Entfernung links von ihnen auf und ein gewaltiger Strahl heißen Wassers und Dampfes stieg in die Luft. Die Säule der Fontäne stieß nicht senkrecht in die Luft, sondern einem Winkel nahe der fünfundvierzig Grad. Von der Seite aus betrachtet wirkte sie fast wie eine Sprinkleranlage oder die der Feuerwehr beim Löschen eines Brandes. Mit dem Strahl flogen kleinere dunkle Gesteinsbrocken mit in die Luft und schlugen weit entfernt mit leisem Krachen zurück auf den Boden.
»Sieht irgendwie nicht mehr neu aus« witzelte Crock. »Nehmen wir Proben mit?«
»Etwas von dem Flüssigkeitsgemisch« meinte Clemens nur, wand sich an Barkes und lächelte. »Kommen Sie, Sergeant. Zeit für eine Dusche.«

Eine Stunde nachdem sie das vorläufige Lager des USCS-Teams verlassen hatten, kehrten Captain Sean Clemens, Second Lieutenant Aleena Crock und First Sergeant Boner West an ihren Ausgangspunkt zurück. Die ursprünglich zu erkennenden, dünnen Lagerstrukturen waren einem hervorragend ausgebauten Hauptquartier gewichen.
An der rechten Flanke der Lichtung stand noch immer einer der beiden eindrucksvollen olivfarbenen HG-339-Truppentransporter, ein sogenannter Wormwhistler, der über spezielle Bodenortungsgeräte verfügte und somit mehr als wissenschaftliches Fahrzeug fungierte denn als militärisches. Die Länge dieses Ungetüms betrug mehr als sieben Meter und verfügte über vier Achsen mit jeweils vier breiten Reifen. Eigentlich bestand er aus zwei gleichlangen Teilen, die durch eine Art flexiblen Tunnel miteinander verbunden waren. Das ermöglichte dem Transporter trotz seiner Länge äußerst effektiv in unzugänglichem Gelände zu manövrieren.
Etwa fünf Meter vor dem Whistler war ein stattliches Zelt aufgebaut worden. Dieses hatte die Ausmaße eines großen Bierzeltes, war jedoch nur etwa halb so groß. Gerade so hoch, daß ein Mann aufrecht darin stehen konnte. Über die tarnfarbene Hülle waren zusätzlich Tarnnetze ausgebreitet worden, die sich am Boden aufgerollt zu einem dicken Schlauch geballt hatten. Dieses Zelt würde ihnen als Leitzentrale dienen, und ebenso würden sie hier mit ihren Geräten das Innere des Parks durchleuchten.
Auf dem Rest der Lichtung verteilt, bis hinüber zu dem Transporter auf der anderen Seite, waren kleine Zelte, viereckige Flachzelte, die als Unterkünfte für sie herhalten würden. Es war nicht bequem darin und sicherlich würde es auch nicht sonderlich wärmer darin werden als draußen, doch für einige Tage würden sie ihren Zweck erfüllen.
In der Mitte des Platzes war eine Grube ausgehoben worden, vielleicht einen halben Meter tief und mit Holz gefüllt. Drum herum hatte man Kisten in regelmäßigem Abstand aufgestellt. Und da die Feuerstelle immer als Letztes ausgehoben wurde, konnte Clemens davon ausgehen, daß das Lager fertig war.
Erneut ging Clemens in Gedanken die Liste der Mitglieder seines Teams durch, die er heute Morgen von Mathews empfangen hatte:

Castor Barkes, Sergeant First Class, ehemals Sprengstoffspezialist.
Boner West, First Sergeant, Spezialeinheit.

waren neu. Mit den anderen hatte er bereits mehr oder weniger oft zusammengearbeitet:

Mike Lansfield, First Lieutenant.
Aleena Crock, Second Lieutenant.
Elisabeth McGuire, Sergeant.
Henry Berensen, Sergeant.
Leif Williams, Sergeant, ehemals First Lieutenant der Navy.
Jonas Berkley, Staff Sergeant.
Dave Ryan, Sergeant.
Noah Dwayne, Sergeant.

Ohne Umwege ging er mit Crock und Barkes im Schlepptau ging zu dem großen Zelt am Rand der Lichtung, das das Hauptquartier darstellte.
Das Hauptquartier war trotz der vielen Computer, Meßstationen und anderen Geräte sehr geräumig eingerichtet worden. Vom Umriß her war es quadratisch, doch ein Drittel des hinteren Teils wurde allein schon von den Generatoren eingenommen, die in großen Metallgehäusen leise summten und für eine angenehme Kühle im Innern sorgten. Etwa in der Mitte stand ein großer rechteckiger Tisch. Darum waren an jeder Seite zwei Stühle aufgestellt worden und bereits jetzt lagen Ordner und Notizen wild verstreut darauf.
Rechts davon standen drei Tische in einer L-Anordnung. Sie trugen drei der neuesten Rechner, die das USGS ihnen zur Verfügung stellen konnte. Angeblich waren Computer mit deren Leistung noch nicht einmal auf dem Markt erhältlich – obwohl sich Clemens nicht sonderlich damit auskannte, geschweige denn interessierte. Zwei dieser Rechner wurden momentan benutzt: Jonas Berkley und Elisabeth McGuire tippten Werte von Klemmbrettern in dafür vorgesehene Felder und ließen die Computer den Rest machen.
In der heutigen Zeit benötigt nahezu kein Beruf mehr die Methoden oder das Werkzeug, das früher einmal dafür benutzt wurde. Bäcker geben nur noch die benötigten Zutaten in eine Maschine, stellten diese auf die richtige Menge ein und drückten den Startknopf. Alles andere, bis hin zum Kneten, formen und dem Backen an sich übernahmen Maschinen. Ähnlich verhält es sich bei Ärzten, Elektrikern, Druckern … und auch bei Geologen. Die Maschinen und Computer übernahmen die Hauptarbeit, den Kleinkram machten Arbeiter. Und genau aus diesem Grund waren sie hier.
Auf der anderen Seite, von einer Reihe Aktenschränke umrahmt, standen die zwei kleinen weißen Kühlschränke. Alte Modelle, sicher, doch die Türen waren mit schwarzem Edding markiert worden. Unterschriften all derer, die unter Clemens gedient hatten und auch all seine Vorgänger hatten sich mit Sprüchen, kleinen Gemälden oder Signaturen darauf verewigt. Eine Art Wandertagebuch des USGS.
»Lansfield, Bericht.«
»Das Lager steht, Sir« antwortete Lansfield und grinste seinen Vorgesetzten an. »Die Kühlschränke halten.«
Clemens schmunzelte. Die Biervorräte würden wahrscheinlich für die einzige Abwechslung sorgen, die sie hier draußen zu spüren bekämen. Allgemein betrachtet hatten sie hier draußen, nicht anders als im YVO, nicht mehr als den üblichen Acht-Stunden-Tag zu absolvieren. Was darüber hinaus ging, war Freizeit, die vertan und angemessen verlebt werden mußte. Normalerweise jedoch vermischte sich in derartigen Situationen Freizeit und Arbeit auf traditionell effektive Art und Weise. Clemens und seine Leute kannten das.
Das letzte Mal, vor einem Vierteljahr, war es um Wilderer gegangen, die vermehrt in einem Teil des Nationalparks gewildert und mehrere Braunbären abgeschlachtet hatten. Und damals hatte er uneingeschränkten Feuerbefehl erhalten. Diese Art von Kapitaljägern waren normalerweise ebenfalls schwer bewaffnet und machten zuletzt vor gefahrerprobten Park-Rangern halt, die sich zwischen sie und ihr Geld stellten. Leider hatten sie damals jedoch keine Wilderer angetroffen, anscheinend hatten sie Wind von den Rangern bekommen und sich aus dem Staub gemacht.

Die Ranger zählen zu den inoffiziellen Eliteeinheiten der Vereinigten Staaten. Zwar können sie nicht mit den Navy Seals oder den Army Rangern konkurrieren, doch in Einsatzbereitschaft und Strenge stehen sie diesen kaum nach.

»Fußvolk« rief Clemens in Zimmerlautstärke, worauf er sämtliche Blicke im Raum auf sich zog. Langsam ging er auf den rechteckigen Tisch in der Mitte zu. »Antreten.«
Clemen’s Humor war bereits bekannt, außer bei Boner West, dem Neuen, und Barkes, der sich noch nicht so richtig damit angefreundet hatte. Es war eigentlich nicht so, daß Clemens abwertend über seine Untergebenen dachte oder sprach, tatsächlich hielt er sogar große Stücke auf sie und betrachtete sie mehr als Freunde denn als das, was ihren Rang anbelangte. Barkes würde das auch noch lernen.
Nachdem sich die anderen sieben Ranger um den Tisch versammelt und Platz genommen hatten, stellte Clemens einen der Behälter neben seinem Klappstuhl ab. Den anderen hatte Barkes zuvor zu einer der Meßstationen getragen, die das Leif der Computertische zu einem Rechteck abrundeten.
»West.« Sean wandte sich an den First Sergeant „von einer anderen Organisation“. »Würden Sie die anderen drei bitte holen?«
»Natürlich.«
Nachdem West das Zelt verlassen hatte, ergriff Crock das Wort. »Sieht interessant aus, da unten.«
Sie senkte ihre Unterarme auf die Tischplatte und fischte mit den Fingerspitzen eine Karte heran, die das Gebiet zeigte, in dem sie derzeit operierten. »Dieses ganze Gebiet hat gekocht.« Sie vollführte weite Kreise um die Stelle, an der sich laut Karte der ‚Old Faithful’ befand. »Alles geschmolzen. Ist jetzt alles nur noch eine zerfurchte Landschaft aus schwarzen Knollen.«
»Fuck« erwiderte Ellie „Bitch“ McGuire. Den Spitznamen „Bitch“ trug sie nicht zu recht. Vielmehr hatte sie ihn sich selbst verliehen, obwohl sie eine überaus verläßliche und loyale Person war, die lediglich durch ihren Umgang mit Schimpfworten und der Art und Weise ihrer Vorgehensweise von sich Reden machte. Ob ihr das egal war oder ob sie es womöglich sogar provozierte, wußte niemand so recht. Bis auf Clemens.
»Also stimmt es, was das YVO gesagt hat. So ’ne Scheiße! Was ist mit dem Geysir passiert?«
»Kommt drauf an« meinte Clemens. »Hast du ihn vorher schon mal gesehen?«
Bitch schüttelte den Kopf.
»Dann stellt dir einfach vor, ein Geysir ist eine Art kurze schwarze Röhre, die in einem Winkel von etwa fünfzig Grad aus der Erde ragt. Crock hat Urlaubsfotos gemacht. Leif, Ihr erster Auftrag heute. Hurtig!«
Leif Williams, der junge Sergeant mit dem kahlen Kopf und dem Bodybuilderkörper, erhob sich, ging um den Tisch herum und nahm grinsend eine dünne Mappe von Crock entgegen. Damit machte er sich auf den Weg in den hinteren Teil des Zeltes.
»Andenken befinden sich in den schicken silbernen Behältern, die wir mitgebracht haben« sagte Clemens inzwischen. »Falls sich irgend jemand genötigt fühlt, darf er nachher sofort mit der Arbeit anfangen.«
»Was haben wir jetzt vor?« fragte Lansfield, als Boner West mit Berensen, Ryan und Dwayne das Zelt betrat. West nickte Clemens kurz zu und setzte sich dann auf den freien Platz zwischen Crock und „Bitch“ McGuire.
»Heute kommen wir nicht mehr sehr weit, dafür ist der Nebel noch zu stark« erklärte Clemens. »Morgen früh werden Sie und zwei Freiwillige diesen Bereich hier unter die Lupe nehmen.«
Clemens fuhr mit dem Finger einen Bereich südöstlich des Camps ab. Dort lag das Hauptproblem des Parks unter der Erde: Magmakammern.
»In Ordnung.« Lansfield blickte in die Runde. »Berkley und Ryan gehen mit mir.«
Er sah zu Clemens, der stumm sein Einverständnis gab, dann richtete er sich auf. »Gentlemen, packen wir die Ausrüstung zusammen, solange es noch hell ist.«
Lansfield machte sich auf den Weg nach draußen. Jonas Berkley und Dave Ryan folgten ihm.
»Hey, gibt’s dafür ’ne Prämie?« fragte Berkley.
»Berkley, Sie kommen an die frische Luft und genießen Natur pur« gab Lansfield zurück. »Ist das nichts?«
Dann waren sie verschwunden.

»Sir?«
Castor Barkes stand mit Sean Clemens und Aleena Crock an einem wackligen Tisch, der mehrere Ausrüstungs- und Meßgegenstände trug.
»Hm?« machte Clemens und schaute auf.
Barkes stand zwischen Aleena und ihm und hielt den Blick auf einem Stück des dunklem Gesteins gerichtet, das sie mitgebracht hatten und mit dessen Untersuchung sie vor kurzem begonnen hatten.
»Sir, was ist wirklich da unten?«
Jetzt sah auch Aleena auf.
»Unter dem Park, meine ich. Mein Neffe hat erzählt dort würde so etwas wie ein Riesenvulkan sein.«
»Nein« widersprach Clemens und fügte nach einigem Zögern hinzu: »Es ist ein Supervulkan.«
Barkes sah ihn fragend an, bis Clemens schließlich auf einen Klappstuhl deutete. »Setzen Sie sich. Ich erklär’s Ihnen.«
»Also, Sie wissen sicherlich, daß der Yellowstone-Nationalpark geologisch sehr aktiv ist. Darum auch die Geysire und heißen Quellen. Und daß er geologisch so aktiv ist, liegt am Vulkanismus unter der Erde – ziemlich weit unten. Sehen Sie, mit normalen Vulkanen verhält sich die ganze Sache so: Die Erde ist ja, wie Sie wissen, keine feste Kugel. Im Innern besitzt sie einen flüssigen Kern und darüber liegen mehrere Schichten Material, teils geschmolzen, teils fest. Sie können sich das etwa so vorstellen, als wenn die gesamte Erdoberfläche auf einer Art Meer aus geschmolzenem Gestein schwimmt. Da aber die oberste Erdschicht, die Erdkruste, nicht aus einem Stück besteht, sind die Platten, die diese Schicht bilden - und auf denen auch alle Kontinente und Meeresböden liegen - ständig in Bewegung.
Nehmen Sie zum Beispiel die Appalachen. Die sind entstanden, als vor ... Jahren die Afrikanische und die Nordamerikanische Platte zusammenstießen. Durch die Kraft, mit der sich die beiden Platten ineinander schoben, wurde im Laufe Tausender Jahre immer mehr Gestein nach oben gefördert und häufte sich dort an. Und jetzt ist es das, was wir heute als Appalachen kennen.
Ab und zu entstehen beim Aufprall zweier Kontinentalplatten Vulkane. Dabei wird flüssiges Gestein, Magma, nach oben gedrückt. Wie durch einen Tunnel. Gesteinsschichten, die nicht sehr stabil sind, werden von dem Magma aufgeschmolzen. Auf diese Weise entstehen in unregelmäßigen Abständen kleine bis große Aushöhlungen, sogenannte Magmakammern. Im Laufe der Zeit, und ich spreche hier von Zehntausenden Jahren und mehr, drückt sich Magma von unten immer weiter der Oberfläche entgegen, bis es sich dort schließlich staut. Sie müssen wissen, daß das Magma direkt unter einem Vulkan wesentlich kühler ist als das im Erdinnern. Somit schmilzt das Gestein am Vulkankegel, dem eigentlichen Berg, nicht.
Tja, und irgendwann sprengt der Druck, der sich in den Kammern aufgebaut hat – sei es vom Magma oder von den mit in die Kammern gelangten Gasen – die Kuppel fort. Was dann übrig bleibt – falls etwas übrig bleibt, bezeichnet man allgemein als Vulkankrater.«
»Lassen Sie sich aber nicht täuschen, Barkes« warf Aleena ein. »Vulkane sind keineswegs so harmlos wie die meisten vielleicht denken.«
»Ja, so etwas habe ich schon oft gehört.«
»Im Mai 1902 brach auf der Karibikinsel Martinique der Vulkan Mt. Pele aus; allein durch den Aschenstrom, pyroklastische Ströme genannt, wurden alle 29000 Einwohner des Ortes St. Pierre getötet, mit Ausnahme eines Strafgefangenen.
Am 18. Mai 1980 gab es die wohl größte Katastrophe des vergangenen Jahrhundert: der Mount St. Helens brach aus und sein Ausbruch dauerte ganze zehn Minuten. Mehr als zwölf Prozent des gesamten Berges wurden weggesprengt und heute klafft ein riesiges Loch wie eine Wunde darin. Selbst dreihundert Kilometer weiter legte sich noch eine Ascheschicht von zweieinhalb Zentimetern auf den Erdboden. Der Himmel wurden an diesem Tag und den folgenden durch eine vierundzwanzig Kilometer hohe Rauchsäule verdunkelt. Damals wurden 26 Seen zugeschüttet, 300 Häuser vernichtet und man schätzt, daß 5,5 Mill. Tiere zugrunde gingen und über 7 Millionen Fische im heißen Wasser der Flüsse eingingen.
Ein anderes Beispiel ist der 1883 in Indonesien ausgebrochene Vulkan Krakatau. Ihm hat Mitteleuropa übrigens strahlend rote Sonnenuntergänge zu verdanken. Damals gab es mehr als 36000 Tote.«
»Was hat das mit Sonnenuntergängen zu tun?« wollte Barkes wissen und runzelte die Stirn.
»Sehen Sie, Barkes« ergriff Clemens wieder das Wort, »der einzige Grund, weshalb wir einen glutroten Sonnenauf- oder –untergang sehen, ist die Anzahl der Staub- und Aschepartikel in der Luft. Aus diesem Grund nimmt man auch Abendröte intensiver wahr als die am Morgen. Abends befinden sich nämlich sehr viel mehr Rußpartikel von Autos und Fabriken in der Luft, die Rot- und Blauanteile des Sonnenlichts filtern und hauptsächlich das Rote durchlassen.«
»Tja« meinte Aleena Crock, »das wären die normalen Vulkane, aber dann gibt es noch solche wie unseren Freund hier.« Sie tippte leicht mit der Fußspitze auf den Boden. »Einen Vulkan wie der, auf dem wir stehen, nennt man Supervulkan. Wir kennen derzeit etwa eine Handvoll dieser Monster. Im Vergleich zu einem solchen Vulkan war der Ausbruch beispielsweise des Mt. St. Helens 1980 nicht mehr als ein leises Hüsteln der Welt.
Wie gesagt, formen normale Vulkane sogenannte Kegel, eben diejenigen, die man sich vorstellt, wenn man an einen Vulkan denkt. Supervulkane dagegen formen üblicherweise große Kollapskrater, die man allgemein Caldera nennt. Aufgrund derer Größe sind Supervulkane nicht besonders leicht zu finden. Die Yellowstone-Caldera beispielsweise ist rund dreißig mal siebzig Kilometer groß. Größer also als Moskau, New York oder London! Acht Kilometer unter der Oberfläche befindet sich eine für unsere Maßstäbe gigantische Magmakammer von vierzig bis fünfzig Kilometern Länge, zwanzig Kilometern Breite und zehn Kilometern Dicke. Durch den Druck der von unten aufsteigenden Gase und flüssigem Gestein, bläht sich der gesamte Erdboden wie bei einem Luftballon auf. Nach dem Ausbruch fällt diese Magmakammer in sich zusammen und bildet letztendlich einen weitaus größeren Krater als durch den Ausbruch selbst verursacht.
Ein weiterer Supervulkan, der Toba, befindet sich in Sumatra, Indonesien. Zuletzt ist dieser vor 74000 Jahren ausgebrochen. Das ist mit einer der verheerendensten Katastrophen in der Menschheitsgeschichte in Verbindung zu bringen. Damals wurde die gesamte Menschheit auf wenige Tausend dezimiert und ist auf den Ausbruch des Toba zurückzuführen. Die Temperaturen fielen damals um drei bis zehn Grad weltweit. Das kommt etwa einem nuklearen Winter gleich.
Wenn der Yellowstone-Riese ausbrechen würde, würde zehntausend Mal mehr Masse in den Himmel geschleudert werden als Mt. St. Helens es getan hatte. Und damals waren das bereits 0,3 Kubikkilometer Asche und Staub.
Zur Zeitbombe macht den Yellowstone-Park aber erst etwas Anderes: Das Magma bahnt sich nicht, wie bei normalen Vulkanen, einen direkten Weg an die Oberfläche. Es verfängt sich vielmehr in der oberen Kruste. Hier schmilzt es immer mehr Gestein auf. Somit schwillt das verflüssigte Material in der Magmakammer jahrtausendelang an. Der zähflüssige Gesteinsbrei darin ist unentwegt in Bewegung. Immer weiter wird die Erdkruste Richtung Oberfläche aufgeschmolzen. Die Kruste wird dünner und dünner, während die stark komprimierte Gase in dem Magma nach oben drängen. Und irgendwann wird einer der sich bildenden Risse die Oberfläche erreichen. Wir nehmen an, daß mindestens ein Viertel von Amerika bei der Explosion weggesprengt wird, zwei weitere Viertel sowie Japan werden komplett unter Wasser versinken.«
»Großer Gott« flüsterte Barkes mit weit offenen Augen. »Das darf doch nicht wahr sein!«
Clemens grinste zu Crock hinüber.
»Wann ist es wieder so weit?«
»Genau sagen kann das niemand. Vielleicht morgen, vielleicht in zehntausend Jahren. Der Vulkan unter dem Yellowstone-Park hat etwa eine Ausbruchsdauer von ca. 600.000 Jahren. Wir haben Hinweise darauf, daß er erstmals vor rund 2 Millionen Jahren ausgebrochen ist, vor 1,2 Millionen Jahren erneut und noch einmal vor rund 640.000 Jahren.«
»Vor 640.000 Jahren?« Barkes war überhaupt nicht wohl zumute. »Das heißt, er ist eigentlich überfällig?«
»Ja« bestätigte Clemens. »Aber machen Sie sich keine Sorgen, Barkes. Verhindern können Sie es sowieso nicht und, hey,« zwinkerte Clemens ihm schelmisch zu, »wenn es passiert, kriegen Sie’s bestimmt mit.«
Barkes wußte nicht, wie er angesichts dieser bevorstehenden, überfälligen, Katastrophe reagieren sollte und brachte zu seinem eigenen Erstaunen wenigstens ein aufgesetztes Lachen hervor. Vierzig Tausend Jahre überfällig… das war weit mehr als nur schlechtes Timing.

Lansfield war der erste, der am nächsten Morgen aufwachte. Nachdem er sich gewaschen und angezogen hatte, seine Kevlarweste angelegt und eine Glock-18-Pistole in ihrem Halfter verstaut hatte, packte er seine restlichen Ausrüstungssachen zusammen und trat aus seinem Zelt.
Die Luft war kühl und so frisch wie er sie nur selten gerochen hatte. Der hohe Sauerstoffanteil ließ ihn innerhalb von wenigen Minuten auf volle Einsatzbereitschaft gelangen. Das hatten wohl die Menschen früher gemacht, als es noch keinen Kaffee gegeben hatte, sie hatten einfach das Fenster geöffnet.
Lansfield erkannte Berkley und Ryan, die ebenfalls draußen waren und ihre letzten Ausrüstungssachen in den Whistler zu Lansfields linker Seite hievten. Mit einer aufgeschulterten UMP und einer Tasche mit persönlichen Dingen ging Lansfield in Richtung des Whistlers.
»Morgen Sergeant« sagte er, als er bei Jonas Berkley ankam, der gerade aus dem vorderen Teil des Whistlers kam und sich nun hinunterbeugte, um Lansfields Sachen entgegenzunehmen und einzuladen.
»Guten Morgen, Sir« gab dieser mit einem Grinsen zurück. Lansfield konnte sich nicht erinnern, Berkley einmal ohne diese ihm eigene gute Laune gesehen zu haben. Egal zu welches Tages- oder Nachtzeit, egal wie viele Probleme auf ihm lasteten, er hatte es selbst in solchen Situationen fertig gebracht, noch andere aufzumuntern.
»Wir wären dann soweit.«
Lansfield reichte Berkley seine UMP hinauf. »In Ordnung. Ich schätze, wir werden erst spät am Abend zurück sein. Machen wir also, das wir so schnell wie möglich fort kommen.«
»Ryan wird fahren, Sir« erklärte Berkley beiläufig. »Er kommt mit diesem Monstrum besser zurecht als ich.«
»Wie Sie meinen« gab der First Lieutenant zurück und machte sich daran, die Heckklappe des Whistlers hochzuklappen. »Bis später.«
Plötzlich knackte es rechts von Lansfield im Unterholz, gerade als die schwere Klappe zuschlug. Ruckartig dreht er sich herum und blieb dann regungslos stehen. Er beobachtete angespannt das Waldstück, das dunkel und neblig vor ihm lag, doch es war nichts zu erkennen, außer verworrenen schwarzen Mustern, die das Geäst der Bäume bot. Langsam wanderte eine Hand zu seiner Glock und stoppte am Halfter.
Der Druckknopf am Halfter klickte.
Stille.
Der Druckknopf klackte erneut.
Lansfield nahm die Hand wieder vom Halfter. Wilderer waren im Park zwar nichts Alltägliches, doch auch nicht so ungewöhnlich, wie manche annahmen. Um auf Nummer sicher zu gehen, versuchte er jedesmal, mögliche Männer durch den Griff an seine Waffe aus der Reserve zu locken.
Er wußte nicht, ob es funktionierte. Jedenfalls hatte es noch nie geklappt.
»Guten Morgen, Sir.« Dave Ryan trat hinter Lansfield, der sich endlich umdrehte und den Wald aus seinem Blick entließ. »Alles in Ordnung?«
»Sicher« gab Lansfield zurück. »Sitzen Sie auf, Sergeant, es geht los.«
Ryan und er gingen zum vorderen Teil des Fahrzeugs und stiegen ein. Wenige Sekunden später heulte gedämpft der 300-PS-Motor auf und der Whistler setzte sich langsam und majestätisch wie ein großes Urzeitgetüm in Bewegung.
Bis er zwischen den Baumreihen verschwunden war, wurde der Whistler keine Sekunde aus den Augen gelassen von der Person, die nur wenige Meter eng an den Boden geschmiegt im Unterholz gelegen hatte und mit dem Lauf ihres Gewehrs auf Lansfields Stirn gezielt hatte.

Eine Stunde nach dem der Drei-Mann-Trupp das Camp verlassen hatte, blieb es still.
Dann geschah der Angriff.
Plötzlich und leise.
Zwei der Angreifer, in dunkle Kleidung gehüllt, bewegten sich ebenso lautlos wie sicher auf den verbleibenden Whistler zu, rollten sich darunter und wenige Sekunden später wieder hervor. Einer von ihnen ging wieder zu den anderen fünf Personen zurück, während der verbleibende das an Boner Wests Jerokee vollzog, was sie eben mit dem Whistler getan hatten. Als er wieder unter dem Wagen hervorkam, hielt er als Zeichen die geschlossene Faust in die Luft, was die anderen dazu veranlaßte, sich auf den Weg in das große Zelt zu machen, daß den Rangern für die Zeit ihrer Arbeit als Hauptquartier dienen sollte.
Beim Aufstehen trat der Mann, der eben unter dem Jeep hervorgekrochen war, unabsichtlich einen Stein vom Boden ab und geriet mit einem kurzen Laut in Straucheln, konnte sich aber gerade noch abfangen, ohne hinzufallen. Lediglich der Stahlgriff des Messers, das in einer Scheide an seiner Wade befestigt war, gab ein metallisch kratzendes Geräusch von sich.
Unsicher blickte sich der Mann um, ohne eine Veränderung zu hören oder zu sehen. Sicher war sein Ausrutscher unbemerkt geblieben.

War er nicht.
Aleena Crock hatte zwar das Wegtreten des Steins nicht gehört, doch aber den leisen Laut, den der Mann von sich gegeben hatte und kurz darauf das Schaben von Metall über den Boden.
Die frische, sauerstoffreiche Luft sorgte dafür, daß sie innerhalb von Sekunden wach war. Mit geschlossenen Augen horchte sie und lauschte den leisen Schritten, die wie Geister über den Boden glitten. Jemand schien sich große Mühe zu geben, nicht gehört zu werden und Lansfield und die anderen konnten es nicht sein, da sie vor etwas mehr als einer Stunde ihre Abfahrt bereits vernommen hatte. Jetzt war jemand anders hier.
So leise wie möglich rollte sie sich unter ihrer Decke hervor und griff mit der linken Hand nach dem Kevlarhelm, der am Fuß ihres Feldbettes lag. Leise setzte sie ihn auf und aktivierte mit einem Druck auf dessen Unterkante das Helmmikrofon.
»Ranger, aufwachen!« sagte sie leise, aber bestimmt hinein.
Das Helmmikrofon funktionierte im Großen und Ganzen wie ein normales Walkie-Talkie und hatte etwa eine ebensolche Reichweite, die nicht über etwa zweihundert Meter hinausging. Sie waren speziell für den Einsatz der Kommunikation zwischen Einheiten konstruiert worden, die über eine in Sichtweite liegende Entfernung keinen anderen Kontakt miteinander aufnehmen konnten oder wollten. Den zugehörigen Empfänger trug jeder Ranger die ganze Zeit über im Ohr… für den Fall des Falles.
»Clemens hier, ich bin wach. Wer ist das da draußen?« kam die erste flüsternde Stimme über Crocks Ohrhörer. Anscheinend war er ebenfalls von dem Geräusch geweckt worden, das eine der Personen draußen verursacht hatte.
»Keine Ahnung, Sir. Lansfield ist schon weg, vor etwa einer Stunde.«
»Ich kann sie nicht sehen« sagte Clemens. »Crock, setzen Sie Ihr Nachtsichtgerät auf, durch die Planen des Zeltes müßten Sie ’was erkennen.«
»Negativ, Sir« gab Crock zurück. »Mein Nachtsichtgerät ist im Whistler.«
»Verdammt« kam es von Clemens zurück.
»Wer brauch bei so einer Mission schon ein Nachtsichtgerät?« versuchte sich Crock zu rechtfertigen.
»Schon gut, Crock-«

»Es sind sieben.«
»Was?« Clemens legte zwei Finger auf seinen Ohrhörer, als er plötzlich die Stimme hörte, die ihm nicht sehr vertraut war. »Wer ist da? West, sind Sie das?«
»Ja.«
»Wie kommen Sie auf diese Frequenz?«
»Keine Zeit für Erklärungen« gab West zurück. »Zwei von denen haben irgendwas an meinem Jerokee und dem Whistler gemacht.«
»Woher wissen sie das alles?«
»Ich kann sie sehen.«

Bäuchlings lag First Sergeant Boner West unter seiner Pritsche in seinem Zelt und sah bewegungslos hinüber zum Hauptzelt. Die Ellenbogen auf den Boden gestützt, hielt er ein hochauflösendes Seben Super Compact-Nachtsichtgerät in den Händen und beobachtete jede Bewegung der Männer, von denen gerade zwei das Hauptzelt betreten hatten.
»Stehen jetzt zu fünft vor dem Eingang des Hauptzeltes. Drei sind drin.«
»Wie sind sie bewaffnet?« wollte Clemens wissen.
»Augenblick… nur Gewehre soweit ich sehen kann.«
»Team, seid ihr online?« hörte West Clemens Stimme, gefolgt von denen der restlichen Rangern.
»Crock hier.«
»Barkes bereit.«
»McGuire, stets zu Ihren Diensten.«
»Berensen hier.«
»Williams hier.«
»Dwayne bereit.«
»Gut, hier ist der Plan.« Einen Moment drang kein Wort über die Ohrhörer der Ranger, als Clemens nachdachte. »West, Sie schlagen sich als Erster nach rechts, um den Whistler herum und beziehen Stellung. Und werfen sie einen skeptischen Blick auf ihn. Danach nehmen Sie so viele ins Visier, wie Sie können. Sobald Sie dann Zeit haben, holen Sie die Gewehre aus dem Waffenschrank und funken Sie den anderen Whistler an. Bitch, Dwayne, als nächstes macht ihr euch schleunigst nach hinten den Wald und dann stoßt von hinten über die linke Flanke zu West.«
»Ich mag’s von hinten, Sir« kam es prompt von Ellie McGuire. »Laßt uns diese Hunde jagen.«
»Crock, Sie werden ihr Zelt verlassen und hinten um meines und Lansfields gehen, dann vor zu Barkes und Stellung beziehen. Berensen, Sie scheren wie West nach rechts in die Büsche und versuchen herauszubekommen, was die mit dem Jeep gemacht haben. Barkes, Sie haben am wenigsten Kampferfahrung, also werden Sie sich nach rechts in den Wald schlagen, sobald hier die Hölle ausbricht. Williams und ich brechen nach innen raus, sobald ihr bereit seid. Verstanden?« Alle bis auf West bestätigten. »West, sind Sie bereit?« Ein bestätigendes Raunen erklang und Clemens mußte seine Emotionen diesem Mann gegenüber unterdrücken. »Dann los!«

Mit West fing es an. Er lugte aus seinem Zelt, das Nachtsichtgerät über den Augen und seine UMP im Anschlag. Als er niemanden entdecken konnte, huschte er geräuschlos in Richtung Whistler, um hinter dessen linker Seite Stellung zu beziehen.
Bitch und Dwayne kamen als nächste aus ihren Zelten. Vorsichtig lugten ihren Köpfe aus den Öffnungen und suchten die Umgebung ab. Ganz vorn, vor dem Hauptzelt, sah sie die halbe Körperseite eines Mannes, oder besser dessen Silhouette.
Die beiden Ranger nickten sich wortlos zu. Dann setzten sie sich in Bewegung.
Crock hatte die meisten Probleme. Ihr Zelt befand sich direkt vor den potentiellen Gegnern, die nur vier Meter entfernt mit Gewehren im Anschlag in alle Richtungen blickten. Es schien eine Ewigkeit zu dauern, bis der Mann, der ihr am nächsten stand, wegschaute, und als er es dann tat, war Aleena mit einen Satz draußen und mit dem nächsten Atemzug hinter Clemens Zelt. Aus den Augenwinkeln heraus nahm sie Boner West wahr, der gerade aus seinem Zelt ausbrach. Erstaunlich, ging es ihr plötzlich durch den Kopf, wieviel Bewegung hier auf einmal herrschte. Und noch etwas anderes nahm sie für den Bruchteil eines Augenblicks wahr.
Einen Schatten im Wald.

Die erste Salve Gewehrfeuer brach durch die Stille des Waldes wie Gewitterblitze und waren eindeutig auf den sich ungleichmäßig bewegenden Boner West gerichtet.
Lediglich den Hauch einer Sekunde später drückte der keineswegs überraschte West den Abzug seiner UMP voll durch, während noch kurz zuvor eine Anzahl Kugeln die rechte Seite seines Zeltes zerfetzt und ihn nur um Millimeter verfehlt hatten.

Als die erste Gewehrsalve wie ein Vulkanausbruch die Stille zerschnitt, befand sich Crock auf halber Höhe von Clemens Zelt und für einen Augenblick zuckte sie furchtbar zusammen.
Irgend etwas lief nicht nach Plan, soviel stand fest, doch sofort wurde ihr klar, daß nicht sie das Ziel dieser Attacke war und mit einem großen Satz überbrückte sie den freien Raum bis zu Lansfields Zelt.
Inzwischen ratterten wieder Maschinengewehre los. Diesmal klangen sie wieder so blechern wie das erste Mal, doch jetzt feuerten sie andauernder.

Feuerzungen leckten an den Läufen der gegnerischen Gewehre und Wests Zelt zitterte, als würde es von Windböen geschüttelt, während es erneut von Projektilen zerfetzt wurde.
West hatte das Feuer auf sich gezogen. Das war Clemens Stichwort. Nachdem er sich mit einer schnellen Kopfbewegung aus dem Zelt vergewissert hatte, daß Crock an ihm vorbeigekommen war und auch McGuire und Dwayne nicht mehr zu sehen waren, eröffnete er das Feuer mit seiner Glock auf die Schatten vor dem Hauptzelt. Rechts hinter ihm feuerte Williams im Akkord mit Clemens.
Jetzt hatten sie, wer auch immer sie waren, es schon wesentlich schwerer, überlegte er. Sobald Aleena Position bezogen hatte und sie unterstützte, würden sie Deckung suchen müssen. Und sobald sie ihre Gewehre aus dem Whistler hatten...
Plötzlich ertönte ein kreischender Ruf, dessen Inhalt Clemens durch das Gewehrfeuer nicht ganz verstanden hatte - irgendetwas mit Zeuge und Eckung und einen Herzschlag später erschütterte eine gewaltige Detonation den nahenden Morgen. Der mit ihr einhergehende Lichtblitz nahm ihnen für einen Moment die Sicht, blendete ihre Augen so stark, daß sie sie schließen mußten.
Nanosekunden später erfaßte sie die Druckwelle.

Berensen flog förmlich über die Distanz von sieben Meter hinüber zu dem robusten Geländewagen, als West aufgehört hatte zu feuern und den Gegner somit in seine Deckung zurückgeschlagen hatte. Keuchend landete er bäuchlings vor der Schnauze des Wagens und verfluchte sich, lediglich seine Handfeuerwaffe im Zelt zu haben.
Kaum zum Liegen gekommen, brach West erneut mit einer abdeckenden Salve ins Gebüsch hinein. Berensen konnte ihn zwar nicht sehen, wußte aber, daß er nur wenige Meter von ihm entfernt in seiner Deckung lauern mußte.
Kugeln prallten wieder mit scheppernden Geräuschen vom Whistler ab, der wie ein Koloss hinter Berensen aufragte, als er um den Jeep herum kroch. Wenn er es bis zum rückwärtigen Teil des Wagens schaffte, konnte er Wests Aufgabe übernehmen, während dieser die dringend benötigten Waffen aus dem gepanzerten Fahrzeug holte.
Die bullige Glock mit beiden Händen haltend robbte er auf dem kalten, feucht duftendem Boden entlang, als ihm plötzlich ein blinkendes Licht unter dem Fahrzeugboden auffiel. Er blickte einen Moment wie hypnotisiert auf das halbschalenförmige, dunkle Gebilde, während das winzige rote Licht in kurzen Abständen aufflammte.
»Fahrzeuge! In Deckung!«

Bitch hatte ihn im Visier.
Auch wenn er sich ständig wieder in seine Deckung flüchtete war er nicht sicher - vor ihr.
Ihre Lippen umspielte ein kaltes Lächeln und ihre Augen hafteten an seinem Hals, obwohl dieser nur schemenhaft im Dunkel zu erkennen war.
In wenigen Sekunden würde er sich keine Sorgen mehr machen müssen, diesen Angriff vielleicht nicht zu überleben. Es würde ihr eine Freude sein, ihm diese Entscheidung abzunehmen.
Halblaut erkannte sie einen Schrei der zwischen Gewehrsalven und Pistolenfeuer zu ihr drang, doch sie konnte nicht verstehen, was geschrieen wurde, doch sie bemerkte eine blitzschnelle Bewegung des Mannes, ihres Ziels, die etwas Winziges Blinkendes zum Vorschein brachte.
Sie drückte ab.
In dem Moment als sie den Hebel durchzog, erschütterte eine gewaltige Explosion den Boden und ließ McGuire und Williams sich in Deckung fallen.
Verdammt, ging es ihr durch den Kopf, keine Bestätigung für einen Treffer. Dieser Hurensohn mußte für diese Scheißbombe verantwortlich gewesen sein. In der Ferne hörte sie das dumpfe Aufschlagen von etwas Großen Metallischem auf den Waldboden.
Eine Sekunde später zerschnitt eine weitere Detonation die kurze Stille.
Heilige Scheiße, hier herrscht Krieg!

Die zweite Explosion war etwas geringer, dennoch hatte auch sie noch genügend Gewalt, um den bulligen Geländewagen in die Luft zu heben.
Obwohl Williams der Schreck der ersten Explosion noch in den Gliedern saß, ruckte sein Kopf bei dem zweiten lauten Knall wieder nach rechts und sah etwas Großes auf dem Boden aufschlagen.
Diese kleine Unachtsamkeit gereichte Sergeant Leif Williams nicht zum Vorteil. Beide Kugeln kamen aus der Waffe des Gegners, mit dem Clemens und er sich bis eben noch ein Feuergefecht geliefert hatten.
Eine Kugel schlug in seinen linken Oberarm ein, die zweite bohrte sich in seine Schultern. Obwohl er es nicht wußte, hatte Williams großes Glück gehabt, da beide Projektile seinen Körper wieder verlassen und keinen Knochen getroffen hatten.
Benommen von Schmerz und Überraschung fiel er rückwärts in sein Zelt und bot keinerlei Ziel mehr. Undeutlich nahm er wahr wie über ihm die Wände seines Zeltes Löcher bekamen und sich wild im Wind bewegten.
Dann bemerkte er plötzlich einen rundlichen, kalten Gegenstand neben sich.
Eine Granate!

Gerade als die erste Explosion den Boden erschüttern wollte, nahm Castor Barkes, derjenige mit der wenigsten Kampferfahrung in ihrer Truppe, im Dickicht den verschwommenen Schatten zwischen Kimme und Korn und drückte ab.
Durch den lauten Knall verzog er den Schuß und wußte nicht, ob er getroffen hatte oder nicht.
Fünf Meter hinter ihm wäre Second Lieutenant Aleena Crock mehr als glücklich gewesen, hätte sie gewußt, daß eben dieser verschwommene Schatten drauf und dran gewesen wäre, ihr das Hirn aus dem Kopf zu blasen, und Barkes ihr somit das Leben gerettet hatte.
Barkes dagegen hörte nur immer wieder leise Rufe, die er nicht zuordnen konnte, unterbrochen von einer zweiten Explosion, heftigem Schußwechsel und dann einem plötzlichen, alles erhellendem Blitz.
Eine fürchterlich lang erscheinende Minute wagte er nicht, sich zu rühren, zumal er im Zielschießen der Army zu den letzten seines Trupps gehört hatte.
Gerade als er wieder aufstehen wollte, wurde ihm eine Waffe in den Nacken gebohrt.

Clemens nahm aus den Augenwinkeln heraus zur Kenntnis, daß Williams getroffen zu Boden ging und in sein Zelt fiel, während noch immer das ohrenbetäubende Geräusch der zweiten Explosion in der Luft hing.
Ungeachtet der misslichen Lage, in der sie sich befanden, hob Sean Clemens wieder seine Glock in die Richtung des Gegners und feuerte zweimal, wodurch dieser in Deckung gehen mußte.
Damit war seine Munition verbraucht und auch aus Crocks Richtung war kurz darauf nichts mehr zu hören.
Mit einer fließenden Bewegung zog er ein kurzes Jagdmesser aus der Scheide an seinem Knöchel und machte sich bereit, aus dem dürftigen Unterschlupf hinauszuhechten und einen ihrer Gegner in einen Zweikampf zu verwickeln, als plötzlich der markerschütternder Schrei Crocks durch die Luft sauste.

Entweder haben die irgendwo 'nen Sack Magazine gebunkert oder denen ist 'ne Kugel nicht halb soviel wert wie mir. Crock gingen unzählige Gedanken durch den Kopf während sie das zweite Magazin ihrer Pistole zur Hälfte leerte und einen genervten Blick auf Williams Zelt direkt hinter ihr warf. Die obere Hälfte davon war praktisch nicht mehr vorhanden. Die unzähligen Löcher wurden nur noch von gutem Willen zusammengehalten.
Wer auch immer die Typen waren, es zeigte sich allmählich, daß sie den Rangern überlegen waren und sie ertappte sich bei dem Gedanken, nicht lebend aus diesem Park herauszukommen.
Wieder prasselten Kugeln über ihrem Kopf in das Zelt von Barkes. Wieder stand sie auf und feuerte gemeinsam mit Clemens auf die Unbekannten zurück.
Magazin leer. Klasse!
Auf ein leises Pssst hin drehte sich sich plötzlich um und riß die Augen entsetzt weit auf weit auf.
Aleena konnte gerade noch sehen wie Williams ihr mit einem überlegenen Grinsen einen dunklen, eiförmigen Gegenstand zeigte und ihn dann in ihre Richtung warf.
»Granate!« war das letzte, was sie hinausschrie, bevor sie sich auf den Boden warf.

Boner West, der stämmige Schwarze, beobachtete schon seit einer Weile, wie sich das Team der Ranger und das ihrer Gegner gegenseitig in Schach hielt.
Von seiner Deckung hinter dem schwer angeschlagenen und zur Seite gekippten Whistler aus sah er zwei dunkle Gestalten an der Westseite des Hauptzeltes immer wieder feuern und in Deckung gehen.
Irgendwo rechts von ihm pirschte sich Berensen, der sich ebenso wie er selbst hinter einem der Bäume vor den Explosionen geschützt hatte, durchs Geäst und suchte den Gegner, der als Erster das Feuer auf ihn eröffnet hatte. Wenn McGuire und Dwayne dasselbe taten, würden sie ihn vorbildlich in die Zange nehmen können und ihn dazu bringen, zu erklären, wer den Angriff geführt hatte und warum. Mit einiger Wahrscheinlichkeit würde sich dann Wests Verdacht bestätigen.
West lud erneut sein Magazin in seine UMP, doch es erklang nur ein hohles Geräusch. Leer.
Die Ironie, daß nur wenige Zentimeter entfernt im Whistler genügend Munition und Waffen lagerten, um einen kleinen Bürgerkrieg auszulösen, erkannte er nicht. Er war sich lediglich bewußt, daß er die Hecktüren nicht ohne fremde Hilfe öffnen konnte.
Also blieb ihm nur abzuwarten. Und zu beobachten.
Aus seinen Gedanken gerissen vernahm er plötzlich den Schrei einer Frau nahe der anderen Seite der Lichtung und kurz darauf zuckte ein gleißender Lichtblitz über das Gebiet.
Für einige Herzschläge herrschte so etwas wie Tageslicht. Bäume verloren ihr geheimnisvolles Aussehen, andere tauchten nun erst auf. Der Whistler war nicht mehr als ein verbogenes, formloses Stück Metall, durch dessen schwarzverfärbte Oberfläche es ab und an blaß silbern schimmerte.
Noch schlimmer als der verstümmelte Geländewagen, aus dem vereinzelt kleine Flammen schlugen, sahen die Zelte aus. Die vorderen waren völlig durchlöchert, ein Teil von Crocks war zusammengestürzt und Wests Zelt war praktisch nicht mehr vorhanden, nur noch durch Stoffetzen und verstreut liegende Gegenstände angedeutet.
Dann fiel alles urplötzlich wieder in Dunkelheit zurück. Und alles wurde still.

Barkes war erstarrt und hatte fast dieselbe Temperatur angenommen wie der Pistolenlauf in seinem Nacken.
Schließlich wurde er jedoch erlöst von einer erleichtert klingenden Stimme.
»Barkes, Sie sind es! Herrgott noch mal, ich habe gedacht, Sie sind einer von denen!«
Crock ließ ihr Glock sinken, die sowieso keinen einzigen Schuß mehr enthielt und seufzte laut.
»Sind Sie in Ordnung?«
»Ja, mir geht es gut« gab Barkes zurück und war sichtlich angeschlagen. Von allen Beteiligten hatte er wohl am festesten geschlafen und umso mehr überrascht worden.
»Team, sammeln!« erklang jetzt Clemens energische Stimme.
»Kommen Sie, Barkes. Es ist vorbei« sagte Aleena und reichte ihm die Hand.

»Sind alle weg, diese elende Hunde« meldete sich Bitch McGuire, als sie einige Zeit später mit Clemens, Williams und Barkes vor dem standen, was einstmals der Whistler gewesen war. Das Fahrzeug war auf die Seite gekippt und grotesk verbogen. Zehn der sechzehn Reifen waren komplett zerstört ebenso wie die beiden mittleren Achsen.
Was jedoch noch intakt war - glücklicherweise - war der Oberraum des Fahrzeugs, wenn dieser auch ziemlich mitgenommen aussah und überall Beulen und Dellen aufwies. Die Wucht der Detonation mußte immens gewesen sein.
Nachdem sichergestellt war, daß niemand, außer Williams, mehr als ein paar Kratzer abbekommen hatte, machte sich Ellie nun daran, den Verwundeten zu verarzten und wusch die beiden Schußwunden mit wenig Schnaps aus.
Leif mußte an sich halten, nicht zu schreien. Der Schmerz, den der Alkohol in den fleischigen Öffnungen hinterließ, war schier unerträglich.
»Na, wie mach ich mich?« fragte er gequält.
»Besser als ich's erwartet hätte.«
Bitch blinzelte ihm neckisch zu und Williams ignorierte den Schmerz, der jetzt folgte - für sie.
Anschließend verband sie die beiden Wunden fest mit Mullbinden und erhob sich.
»Sie bleiben liegen, Sergeant, und keine Widerworte« sagte sie mit fester Stimme an ihn gerichtet und ging zu den einige Meter entfernt stehenden Kollegen.
Williams schaute ihr noch einen Moment nach. Was für eine Frau! Dann erschien wieder der schmerzverzerrte Ausdruck auf seinem Gesicht.

»Wie sieht's aus?« wollte Clemens wissen und unterbrach das Gespräch, das er bis eben mit Barkes geführt hatte.
»'n Arzt wär nich' verkehrt. Aber er steht's noch 'n paar Tage durch.«
»Wird er wohl müssen« murmelte Clemens leise und fügte dann etwas lauter hinzu »das Funkgerät ist hin.«
Äußerlich war keine Reaktion an Bitch festzustellen. Innerlich jedoch, das wußte Clemens, sann sie auf Rache.
»Wer waren diese elenden Wichser?«
»Das wissen wir nicht. Wir nehmen an, es waren Wilderer.«
»Wilderer?«
Clemens wußte, daß diese Antwort etwas dürftig war. Doch sie war die einzig brauchbare in diesem Moment. Er nickte stumm.
»Was zum Henker kommt ihr auf Wilderer?« Bitch war sichtlich angespannt, jedoch war es nicht der Angriff allein, sondern, daß sie so unvorbereitet gewesen war.
»Komm runter, McGuire« mahnte Clemens sie. Er konnte es sich nicht leisten, sie jetzt durch unüberlegte Aktionen zu verlieren.
»Möglicherweise glauben sie, daß wir wegen ihnen da sind« erklärte Barkes. »Ich kann mich irren, aber wenn ich recht habe, dann war das vorhin ein Präventivschlag.«
»Und der Angriff diente dazu, uns so schnell wie möglich loszuwerden.«
»Aber dann hätten sie doch die Fahrzeuge intakt lassen können. So sitzen wir doch hier noch länger fest.« Barkes sah Clemens fragend an.
»Mit Loswerden meine ich etwas anderes, Castor. Die wollten uns in die ewigen Jadgründe schicken.«
Barkes nickte stumm.
»Das ergibt keinen Sinn« murmelte Bitch. »Die war'n viel zu gut bewaffnet für Wilderer.«
»Weißt du noch« erklärte Clemens, »als wir damals den Unterschlupf der Wilderer auf dem Gallatin Range entdeckt haben? Die hatten dort Granaten und anderes gebunkert.«
»Ja, aber die hatten keine Ahnung, von dem, was sie taten. Das hier sieht mir nach 'nem ganz anderen Kaliber aus« kämpfte Bitch weiter, doch sie würde sich die Zähne an diesem harten Brocken, der ihr übergeordnet war, ausbeißen.
»Glaubst du, die sind hinter uns her, weil sie einen oder mehrere von uns jagen? Das klingt mir nach 'nem schlechten Film. Die wollten uns einfach nur höllische Angst machen, damit wir uns nie wieder hier blicken lassen.«
»Sie wußten aber ziemlich genau, wie sie vorzugehen hatten« merkte Barkes an.
»Sie haben wahrscheinlich schon eine ganze Weile auf der Lauer gelegen und uns beobachtet.« Clemens dachte ieinen Augenblick nach, dann sprach er in sein Mikro. »Team, hat jemand die Angreifer erkennen können? Im Detail meine ich.«
Niemand antwortete.
Plötzlich meldete sich jedoch West zu Wort. Mit ruhiger, monotoner Stimme berichtete er, als wäre es das Normalste auf der Welt.
»Die Gewehre habe ich als französische FAMAS-Gewehre identifiziert. Sie trugen allesamt Flecktarnanzüge mit mindestens einer weiteren Handfeuerwaffe und einem Rucksack. Gesprochen haben sie nicht miteinander, jedenfalls habe ich nichts gehört. Sie hatten keine Masken auf, sondern einen Helm, aber außer daß sie weiß waren, kann ich keine weiteren Auskünfte geben.«
»West, würden Sie sie als Soldaten beschreiben?« mischte sich Bitch wieder ein.
»Wenn ich ehrlich bin, ja.«
McGuire grinste selbstzufrieden.
»Aber bei allem Respekt« fuhr West fort, »heutzutage ist es kein Problem, sich eine Armeemontur zuzulegen und in einem Wald herumzulaufen.«
»Und was für einen Sinn sollte es machen, daß französische Soldaten es auf uns abgesehen haben? West, Sie glauben also nicht, daß es echte Soldaten sind?«
»Nein.«
Es kam wie aus der Pistole geschossen. Etwas zu schnell, fand Clemens.
»Gut, wir betrachten sie also als Wilderer. Und solange die uns nicht das Gegenteil beweißen, wird die Sache so laufen.« Er drehte sich um und wollte gerade zu dem gehen, was vom Hauptzelt noch übrig war. Er blieb jedoch noch einmal stehen und wandte sich zu Bitch um, die keineswegs bereit war, die Meinung von Clemens und diesem West zu akzeptieren.
»Wir werden uns gegenseitig keine unbegründeten Ängste einreden. Und keine Sorge, McGuire, wir schnappen uns diese Kerle. Nicht zuletzt deshalb, weil ich nicht will, daß sie uns 'ne Kugel in den Rücken jagen, wenn wir hier losmarschieren.« Und behutsamer fügte er hinzu »Lassen Sie's vorerst gut sein, Ellie.« Mit diesem Worten wendete er sich von den beiden ab und ignorierte Bitch's gemurmelten Fluch. Er wußte, daß er recht hatte. Und sie würde es auch bald verstehen.

»Okay, hier ist der Plan, Jungs« begann Celemens.
Sie hockten jetzt dort, wo einmal Wests Zelt gewesen war. Obwohl lediglich Williams und Crock bei ihm waren, konnten die anderen jedes Wort über die in ihre Kevlarhelme integrierten Empfänger mithören und mittels des Mikros mit den anderen kommunizieren.
Während sich Clemens mit Crock und West beratschlagt hatte, hielten McGuire, Barkes, Berensen und West in den vier Himmelsrichtungen Wache.
Williams hatte es vorgezogen, nicht untätig in der Gegend rumzuliegen, sich jedoch vorerst nur an der Unterhaltung der beiden beteiligt.
»Wir teilen uns in zwei Gruppen. Crock geht mit Bitch, West und Dwayne nach Nordwesten. Williams, Barkes und Berensen gehen mit mir nach Nordosten. Wer sie zuerst findet, kriegt ein Bienchen und wartet, bis die anderen bei ihnen sind. Damit das klar ist: keiner unternimmt etwas auf eigene Faust. Wer auch immer das letzte Nacht war, er hat uns deutlich seine Schlagkraft gezeigt und hat sicherlich noch ein paar Überraschungen auf Lager. Deckt euch gegenseitig, wenn möglich. Es kann sein, daß die Bastarde auf uns warten. Team, verstanden?«
Alle bestätigten.
»Okay, Fußvolk. An die Arbeit.«

Das Unterholz erwachte plötzlich zum Leben, als Crock sich aus der Kuhle im Waldboden löste. Der Geruch taufrischen Mooses wurde ihr wieder bewußt, ebenso die Tatsache, daß sie sich wirklich auf diesen Auftrag gefreut hatte.
Es war lange her, seit sie das letzte Mal eine Waffe in der Hand gehabt hatte.
Mit Erreichen des achtzehnten Lebensjahres hatte sie sich bei der Army gemeldet und war innerhalb eines Jahres zum Second Lieutenant befördert worden. Nachdem sie zwei Jahre lang, unter anderem auch bei Gefechten in Bosnien, ihre Kampfkunst ausgebaut hatte, kam, was kommen mußte; sie verliebte sich, in einen fünf Jahre älteren Captain namens Richard Emmon.
Ein halbes Jahr, nachdem sie sich auf einem Schützenfest kennengelernt und verliebt hatten, wohnten sie bereits zusammen und ihre Liebe war lang uns ausdauernd.
Schließlich, nach drei Jahren Dienst an der Waffe, entschied sie sich, vom aktiven Dienst zurückzutreten und stattdessen neue Rekruten auszubilden. Ihre Methoden waren hart, aber durchdacht, und sie machte sich bei ihren Unterstellten ebenso beliebt wie bei ihren Vorgesetzten.
Ein Jahr später wurde sie zu Colonel Heathrow zitiert, der ihr so gut es für einen altgedienten Soldaten möglich war, mitteilte, daß Captain Emmon von der Sabotageeinheit Papst 11 mit sämtlichen seiner Männer und einem Pioniertrupp der Infanterie in einen Hinterhalt gelockt worden waren. Niemand habe den gegnerischen Kamikazeangriff überlebt.
Als Aleena vom Schock überwältigt vor dem Colonel in Tränen ausbrach, empfahl dieser für sie eine Dienstbefreiung von einem Monat, die sie noch am selben Tag antrat.
Second Lieutenant Aleena Crock kehrte nie wieder in den Dienst zurück.
Die nächsten beiden Jahre hatte sie auf der Farm ihrer Tante gearbeitet und gewohnt. Sie hatte jede Arbeit ohne Widerworte angenommen und sich selbst immer wieder vor Schwierigkeiten gestellt, um Richard zu vergessen.
Es half.
Die Arbeit mit der Natur brachte neues Leben in ihr zum Blühen und sie entschied sich, eine neue Karriere als Park Ranger im Yellowstone-Nationalpark zu beginnen, wo sie bis heute mit dem Fachbereichen Botanik und Geologie beschäftigt war.
Nie wieder würde sie eine Waffe in die Hand nehmen, hatte sie sich damals geschworen, als sie der Army damals den Rücken gekehrt hatte.
Jetzt tat sie es doch, und das Dilemma, in dem sie steckte, wirkte sich auch auf ihren Körper aus.
Sie fühlte wieder die beklemmende Kälte ihren Rücken hinaufsteigen, wie sie es bei der Hiobsbotschaft von Richards Tod gespürt hatte. Ebenso die Angst, die ihre Gedanken für Sekundenbruchteile unterbrach, denn diesmal ging es wieder um das Leben ihrer Freunde - und um ihr eigenes.
»Alles in Ordnung?« wollte Bitch wissen, die neben ihr hockend Stellung bezogen hatte und den anderen den Rücken freigehalten hatte. »Du siehst nicht gut aus.«
»Geht schon« erwiderte Crock. »Nur die müden Knochen.« fügte sie mit einem gekünstelten Lächeln hinzu.

Das Gelände glich dem, in dem er in seiner Kindheit jedes Jahr mit seinem Vater campen gewesen war. Natürlich war es nicht derselbe Ort, aber die Natur sieht im Allgemeinen an vielen Plätzen gleich aus. Und genau an diesem Punkt konnte es knifflig werden. Nämlich dann, wenn man anfing, sich zu fragen, ob man hier richtig war.
Der Yellowstone-Nationalpark bildet mit dem angrenzenden Teton-Nationalpark und verschiedenen Wild- und Naturreservaten eine Fläche von insgesamt sechsunddreißigtausend Quadratkilometern eindeutig genug Platz, sich zu verlaufen.
Aus diesem und dem simplen Grund, festzustellen, wo sich eine Mannschaft in Krisensituationen aufhält, benutzen seit knapp drei Jahren alle amerikanischen Streitkräfte sowie Bergungstrupps und die Ranger von großen Naturparks die sogenannten GPS-Sender.
Sie funktionieren ähnlich von Fernsehempfängern. Die Signale, die ein leistungsstarker Sender am Boden aussendet, werden von Satelliten entgegengenommen und, falls benötigt zu weiter entfernten Satelliten übermittelt, die ihrerseits die Informationen über den Aufenthaltsort des Senders an eine andere Bodenstation übermittelt.
Die kleine Anzahl dieser Satelliten, die sich im erdnahen Orbit befindet, reicht aus, um ein enorm großes Spektrum an Fläche abzudecken.
Obwohl auf irgendeinem Monitor in diesem Moment ein kleines gelbes Licht blinkte und seine Position in Bezug auf den Nationalpark darstellte, wußte er ebensogut, daß niemand es beachten würde. Nicht einmal, wenn es plötzlich erlöschen würde.
Das System war eben nur dazu gedacht, in Krisenzeiten den Überblick zu behalten. Und niemand befand sich zur Zeit in einer Krise. Jedenfalls was die Mitarbeiter des US Geoligical Survey anging.
Der Rechner, auf dem die Programme zur GPS-Überwachung der "Ranger on tour", also der im Park befindlichen Ranger, liefen, befand sich im untersten Stockwerk des Hauptgebäude und wurde jede Woche einmal auf seine Funktionsfähigkeit überprüft. Daß etwas Merkwürdiges vor sich ging, würde man erst bemerken, wenn am Ende dieser Woche jemand zufällig einen Blick darauf werfen und feststellen würde, daß anstelle von elf blinkenden gelben Punkten nur noch drei übrig waren und einige leuchtend rote Fehlermeldungen auf den Ausfall der übrigen hinweisen würden.
Und obwohl diese Möglichkeit als Rettungsanker in Frage kam, waren sie momentan auf ihre GPS-Systeme angewiesen. Schlimmer nämlich als daß andere nicht wußten, wo sie waren, war es, das selbst nicht zu wissen. Die genaue Positionsbestimmung in Verbindung mit einer simplen Landkarte war jetzt, da sie sich in einem lebensgefährlichen Einsatz befanden, ein Trumpf, auf den man nicht verzichten durfte.
Captain Sean Clemens bewegte sich beinahe lautlos und in geduckter Haltung zwischen den Bäumen entlang. Mit seinem Gewehr, dem UMP - einer extrem leichten Hochleitungsmaschinenpistole der deutschen Produktionsstätte "Heckler & Koch" - , das als Standardwaffe der Ranger galt, schlich er sich durch Mulden und über Täler hinweg. Dicht hinter ihm, mit einem Baum Abstand, folgte ihm Berensen, der ruhige "Kleine" der Crew mit den weichen Gesichtszügen, die im Kontrast zu seinen berechnenden, mandelförmigen fast schwarzen Augen und den scharf geschnittenen kurzen Haaren standen. Er war ein halbes Jahr jünger als Crock, gerade einmal vierundzwanzig, und nicht unbedingt das, was man als kompromissbereiten und überlegt handelnden Jungen nannte.
Den Tag, als Berensen in Clemens Team auftauchte, würde er niemals vergessen, ebensowenig wie sein Vorgesetzter.
Er war damals nicht freiwillig zu Clemens gekommen. Vielmehr war es eine Disziplinarstrafe gewesen, zu der ihm sein Vater, General a. D. John Berensen, verholfen hatte, nachdem sein Sohn einige seiner Kameraden im ersten halben Jahr bei der Army krankenhausreif geschlagen hatte. Obwohl es nie bewiesen worden war, wies Berensen noch immer jede Schuld von sich und behauptete steif und fest, daß man ihm, wie er sich ausdrückte, von hinten ficken wollte. Daraufhin hatte er zwei seiner Kameraden die Nasen gebrochen, einem die Schultern ausgekugelt und zu guter Letzt einem einschreitenden Lieutenant das Brustbein derart zertrümmert, daß einzelne Splitter in einer lebensgefährlichen Operation entfernt werden mußten.
Berensen war kein Sunnyboy, aber genausowenig ein Schlägertyp. Sein einziger Fehler bestand darin, sich gegen Leute zu wehren, die ihm etwas Schlechtes unterstellten. Das tat er dann aber auch mit aller Wucht. Außerdem hatte er ein erhebliches Problem mit Autorität und damit, sich irgendwo ein- oder unterzuordnen.
Als er Clemens das erste Mal gegenüber gestanden hatte - der kurz zuvor von General Berensen über sein Problemkind unterrichtet worden war - hatte er ihn gelangweilt angesehen. Clemens hatte ihm gesagt, daß er sich ohne Widerworte seinem Befehl unterzuordnen hätte und er keinen Ungehorsam innerhalb seiner Truppe dulde.
Ohne ein Wort zu sagen hatte Berensen auf die Schuhe seines neuen Vorgesetzten gespuckt.
Berensen hatte nicht geglaubt, daß Clemens so hart und unnachgiebig war, doch noch bevor er seinen Mund zu einem zusätzlichen Grinsen verziehen konnte, schlug Clemens' Faust hart in sein Gesicht und er ging zu Boden.
Berensen hatte ebenso wie Clemens nie wieder ein Wort darüber verloren. Man konnte nicht sagen, daß sie anschließend Freunde wurden, doch von diesem Tag an respektierten sich beide, wobei Berensen Clemens nie mehr widersprach.
Im Augenblick gingen Sergant Henry Berensen jedoch andere Gedanken durch den Kopf. Er befaßte sich mit der vergangenen Nacht. Mit der plötzlich auftauchenden, nervösen Stimme in seinem Ohrhörer. Mit Clemens wohlüberlegter Strategie und mit dem winzigen blinkenden Licht unter Boner Wests Jeep, der kurz darauf, ebenso wie der Worm Whistler, in einer Explosion untergegangen war. Nur einen Augenblick bevor die heißen Metallstücke durch die Luft geschleudert wurden, er sich mit einem rekordverdächtigen Sprung hinter einen nahen Baum gerettet und dann den deutlichen Druck der Detonation gespürt.
Zwischen den Zelten und irgendwo im Wald peitschte Gewehrfeuer durch die Nacht, doch Henry konnte überhaupt niemanden erkennen.
In diesem Moment hatte er das erste Mal in seinem Leben wirklich Angst! Und es war kein schönes Gefühl. Er hatte geschwitzt auf kalter Haut und der Gedanke an den sich nähernden Tod hatte jede seiner Bewegungen gehemmt.
Dann, plötzlich, wuchs ein greller Blitz aus der Nacht und daraufhin wurde es still.
Zitternd hatten er gewartet, bis West ihn schließlich fand, aber er war sich sicher, daß der Schwarze kein Wort darüber verlieren würde.
Wäre es anders gekommen, überlegte er, hätte Clemens ihn nicht im entscheidenden Augenblick gewarnt, wäre er jetzt mit Sicherheit nicht mehr am Leben.
Als läge ein zweites Leben vor ihm, bewegte sich Berensen geschmeidig wie ein Leopard durch das Dickicht. Er war an einem Punkt angelangt, wo er sein Leben überblickte und er würde es nicht so weiterführen, wie er es bisher getan hatte.
Wenn er hier heraus käme...
Das große, getarnte Gerät nur etwa einen Meter rechts von ihm bemerkte er ebensowenig wie die anderen.

»Stolperdrähte!«
Aleena Crock hielt mit einem Ruck in ihrer Bewegung inne und bedeutete den ihr Folgenden dasselbe. Blitzschnell suchte sie den Boden vor und neben sich ab und entdeckte in zwei Schritten Entfernung einen dünnen, silbrig glänzenden Spinnenfaden, der nur fünf Zentimeter über dem Boden zwischen zwei Bäumen gespannt war.
Einen Herzschlag später entdeckte sie einen zweiten... einen dritten... einen vierten.
»Bestätige. Wir sind da. Gehen in Stellung« antwortete sie Clemens flüsternd über Funk und auf ein neuerliches Handzeichen teilten sich West, Bitch und Dwayne auf, gingen in Deckung.
McGuire entfernte sich weiter als die anderen - sie würde Crock und Dwayne Deckung geben, falls sich hier jemand ihrer Freunde aufhielt..
Bumm!
Genau in dem Moment als die beiden Viermann-Gruppen in Stellung gegangen waren, knallte ein Schuß durch den Wald.

»...liams getroffen! Wir haben Heckenschützen!« kam die aufgeregte Stimme Crocks über Clemens Helmfunk. »Seht ihr jemanden?«
Clemens wand den Blick von der zweiten Gruppe, die sich etwa fünfundzwanzig Meter weiter westlich befand, und schaute in die Richtung, aus der sie gekommen waren.
Zwischen Bodengestrüpp glaubte er eine Bewegung zu erahnen. Ein kleiner dunkler Punkt, der ein Kopf hätte sein können. Und dann sah er plötzlich wie neben dem Punkt eine Hand auftauchte.
»In Deckung!« schrie er ins Mikro und gleich darauf zerfetzte etwas das Holz im Baum dicht neben ihm. »Sie sind hinter uns!«
Kaum hatte er es ausgesprochen ertönte ein wilder Donner aus Maschinengewehrfeuer.
Die Ranger schossen blind in eine Richtung, zerfetzten Baumstämme und rissen Löcher im Boden auf.
Binnen weniger Sekunden befanden sich die Ranger in einer akut bedrohlichen Kampfhandlung, die niemand hatte vorhersehen können und sich ganz und gar nicht nach Clemens Vorstellungen zu entwickeln schien.
Es war ein Hinterhalt gewesen. Und es war ein guter. Niemand wußte, wo sich die Heckenschützen befanden, ganz zu schweigen von den eigenen Leuten, die sich Schuß um Schuß weiter aufteilten.
Während er über Kimme und Korn zielend nach den Schützen im Wald suchte, vernahm er Crocks aufgeregt schreiende Stimme.
»Rücken nach Norden vor!«
Plötzlich lief ihm ein eisiger Schauer über den Rücken, als er realisierte, daß das genau das war, was ihre Gegner wollten.

»Crock, Vorsicht!« hörte Aleena noch die Stimme ihres Vorgesetzten, aber da war es schon zu spät.
Die Soldatin erkannte den seidenähnlichen Faden erst, als dieser von ihrem schweren Stiefel zu Boden gedrückt wurde.
Scheiße! Die Stolperfallen!
Eine Stolperfalle ist normalerweise mit einem Ende an einem starren Gegenstand, beispielsweise einem Baum angebracht, während das andere Ende an einem Sprengkörper befestigt ist. Tritt oder streift nun jemand diesen Faden, so daß er eine Spannung übermittelt, wird eine Granate, eine Mine oder eine andere Sprengvorrichtung ausgelöst, die kurz darauf detoniert.
Für den Einsatz in bewaldetem Gebiet, wo häufig Tiere umherstreiften, mußte der dünne Faden zusätzlich mit abweisenden Flüssigkeiten getränkt werden, um nicht versehentlich von unschuldigen Vierbeinern ausgelöst zu werden. Der Zweck zielte jedoch weniger auf den Tierschutz ab als auf eine Verschwendung und vorzeitige Enttarnung.
Es war Wahnsinn. Der Sprengsatz - nur Gott wußte wie stark er war - würde ihr in weniger als zwei Sekunden den Leib auseinanderreißen.
Ohne über ihre Chancen nachzudenken und den geringsten Selbstzweifel stieß sie sich mit der anderen Fußspitze so hart vom Boden ab, daß es fast schmerzte und hechtete im nächsten Atemzug um dem Baum zu ihrer Rechten.
Bumm!
Die Bombe explodierte und im nächsten Moment wurde Aleena von einer Druckwelle in die Luft gehoben.

Als der Donner einer Detonation nicht weit entfernt den Boden erneut an diesem Tag erschütterte, sprang Elisabeth "Bitch" McGuire so schnell es nur ging aus ihrer Deckung.
Jedoch rannte sie daraufhin nicht die Richtung, die Crock eingeschlagen hatte. Die Sprengfallen waren nur allzu leicht zu vergessen. Sie nahm stattdessen den Weg des größten Widerstandes - wie man es von ihr gewohnt war - genau in Richtung des Gegners.
Obwohl ihr Blickfeld von Bäumen, Sträuchern, Blättern ausgefüllt war, erkannte sie hin und wieder Schatten, die sich zwischen dem Geäst bewegten und immer dann zog sie den Abzug voll durch. Einen Augenblick später duckte sie sich, rollte sich im Unterholz nach rechts oder links und erhob sich dann, um erneut ihre gefährliche Ladung abzufeuern.
Daß McGuire ebensogut mit der Waffe umgehen konnte wie mit Flüchen und Schimpfworten, war bereits bei der Army festgestellt worden. Bei Manövern war sie stets die erste, die sich als Sniper anbot und die erste auf der Liste der folgenden Manöverkritik. Sie hatte mehr Auszeichnungen im Kampf mit automatischen als jeder der Ranger und obwohl sie nicht weniger Angst hatte als die anderen, machte ihr das Einheizen der fremden Gegner ordentlich Spaß.
Es gab nur eine Gruppe, die siegreich aus diesem Kampf hervorgehen würde... und das würden nicht diese Kerle sein!
Wieder brach eine Salve ihres Sperrfeuers durch die Ruhe des Waldes. Wieder warf sie sich auf den Boden, und wieder rollte sie sich nach links... und hielt mitten in der Bewegung inne.
Etwas Dunkles landete neben ihr auf dem Waldboden und rollte noch etwa einen halben Meter hinter Ellie. Es hatte die Form eines Eies, war jedoch fast doppelt so groß.
Eine Granate!
Und neben oder hinter ihr war kein Baum und nichts, wohinter sie sich verstecken konnte! Ihr blieben vielleicht noch zwei Sekunden, bis sie in Stücke gerissen würde, und es gab keinen Ausweg.
Ohne zu überlegen fuhr sie mit der Fußspitze hinter die Granate und kickte sie in Richtung ihres Oberkörpers. Im Flug fing sie sie mit der rechten Hand ab und ihr Arm vollendete die begonnene Bewegung, ließ das kalte Projektil im Zenit des Halbkreises los und drückte sich so tief es ging an den Erdboden.
Rumms!
Durch die gewaltige Detonation wurde Äste von den Bäumen gerissen und schlugen gemeinsam mit aufgeworfener Erde hart in Ellies Gesicht.
Suchend tastete sie mit ihrer Hand nach ihrer UMP und fand sie gleich neben sich. Als sie die Waffe herumriss und gerade ihren Kopf heben wollte, um den Gegner erneut ins Visier zu nehmen, zischte etwas langes, dunkles mit unglaublicher Geschwindigkeit an ihr vorbei. Nur ein kurzes hohes Flimmern der Luft drang an Ellies Ohr, bevor sie überhaupt realisierte, daß da etwas gewesen war.
Ruckartig riß sie den Kopf herum und blickte zu einem Baum hinter ihr. Nur zehn Zentimeter über dem Boden hatte sich dort ein Stab, schwarz wie die Nacht, tief in das Holz gebohrt.
Ein Pfeil. Von einer Armbrust! Bevor sie energisch, jedoch ohne den Kopf zu heben, blindlings in das Gebiet
vor sich ballerte, schrie sie noch in ihr Mikro: "Team, diese Hurensöhne haben Armbrüste! Vorsicht!"

Die Warnung kam zu spät.
Berensen, der hockend hinter einem Stellung bezogen hatte und es den Wilderern mit gezielten Feuerstößen so richtig zeigen wollte, sah die Bewegung aus seinem Augenwinkel heraus nicht schnell genug.
Als er sich umwandte und den Wald absuchen wollte, erblickte er plötzlich ein Gesicht, wie er es noch nie gesehen hatte.
Unter einem flecktarnfarbenem Helm blickte ihn ein grinsendes Gesicht entgegen - kaum zehn Meter entfernt. Die Augen des Mannes waren zu Schlitzen verengt, die Stirn in Falten gelegt und über allem lag ein Ausdruck größter Genugtuung.
Als nächstes registrierte Henry Berensen die Waffe in der Hand seines Kontrahenten. Es war keine, wie er vermutet hatte, automatische Maschinenpistole, sondern ein dreieckiges Gebilde von dessen Spitze ein dickerer Ausläufer an der Schulter des Mannes lehnte. Die Hand umfaßte einen Griff, der Finger lauerte am Abzug. Und einen Gedankengang später fuhr er nach hinten. Noch bevor Berensen realisieren konnte, mit was da auf ihn geschossen wurde, ruckte sein Kopf auf schon an den hinter ihm stehenden Baum. Mit einem knackenden Geräusch fuhr ihm der massive Metallpfeil zwischen die entsetzten Augen und nagelte sein Gesicht förmlich am Baum fest.
Blut quoll aus der Wunde und rann in einem dünnen Rinnsal über die Nase hinunter zu seinem offenen Mund.
Er, ebenso wie seine Augen, bewegten sich jedoch! Der Pfeil war nicht völlig in sein Gehirn gedrungen, hatte es nur gestreift, wodurch Berensen bei vollem Bewußtsein blieb, jedoch unfähig etwas zu sagen oder zu tun.
Sein Mörder kam langsam näher und begutachtete sein Werk. Ein süffisantes Lächeln umspielte seine Lippen, als er in aller Seelenruhe einen zweiten Pfeil in seine Armbrust lud. Das würde sein Todesschuß sein.Plötzlich zuckte Berensens gesamter Körper, es wurde immer stärker. Der gegnerische Soldat trat verwundert einen Schritt zurück, lud jedoch zu Ende.
Berensen war völlig in Bewegung geraten, doch sein Gegner wußte nicht so recht, was er damit anfangen sollte. Vielleicht hatte der Pfeil motorische Nerven beschädigt und alles, was sein Opfer nun vollzog, unterlag nicht mehr seiner Kontrolle.
Was er jedoch nicht bemerkte, war wie Berensens Hand nach hinten an seinen Gürtel griff und dort eine geschickte Bewegung ausführte, worauf etwas davon unhörbar in einen Laubhaufen fiel.
Berensen spürte nichts mehr. Obwohl er wußte, daß etwas in seinem Gesicht steckte und er diesen Ort nicht lebend verlassen würde, hatte er keine Angst. Er wünschte sich nur, daß alles schnell vorbei war. Als der andere Soldat ein zweites Mal auf ihn anlegte, ging ihm nur noch eins durch den Kopf: "Drück endlich ab!"
Ein zweites Mal sauste ein Stahlpfeil in Berensens Körper. Diesmal drang er durch seinen Brustkorb und zerfetzte sein Herz ebenso schnell wie sein Rückgrat. Für Henry Berensen war hier Schluß.

Der Soldat jedoch, der noch einmal auf den aufgepflockten Ranger zuschritt, bemerkte plötzlich etwas am Boden, das da nicht hingehörte. Etwas Dunkles...
Noch bevor er überhaupt wußte, was dort gelegen hatte, zerfetzte die folgende Explosion der Granate die Beine und den Unterleib des Soldaten und schleuderte den übrigen Torso meterweit fort.
Zu kaum einer Bewegung fähig zuckten die Arme und der Brustkorb des Mannes unkontrolliert am Boden, während aus dem aufgetrennten Unterleib unablässig Blut und Innereien flossen.
"Merde! Merde! Merde!" flüsterte er immer wieder und blickte starr hinauf zu den Baumwipfeln, durch die das Blau des Himmels schien. Es war das Letzte, das er sah, bevor eine einzelne Kugel in seinem Hinterkopf dem Leiden ein Ende setzte.
"Bitch hier. Ich bestätige die Anwesenheit von feindlichen Soldaten. Franzosen."
Franzosen! Clemens erstarrte, als ihm ein unguter Gedanke durch den Kopf schoß.
"Bitch, siehst du irgendwelche Abzeichen oder besondere Erkennungsmerkmale?"
„Ich soll in dieser Sauerei auch noch rumschnüffeln?“ Clemens vernahm ein verächtliches Grunzen. „Also der hier hat ne blaurote Uniform. Nein, warte. Nur blau. Hey, dir ist klar, dass nur noch die obere Hälfte von dem Arschloch hier liegt?“
Für einen kurzen Moment herrschte Stille, dann setzte Bitch ihre Aufzählung fort.
„Schußsichere Weste, Kevlarhelm mit Mikro… Hier ist etwas, auf seiner rechten Brusthälfte. Ein Symbol und irgendwelche Drähte.“
Clemens und die anderen Ranger mußten einige Flüche über sich ergehen lassen, als Bitch die kläglichen Überreste des Getöteten auf den Rücken drehte.
„Rundes Abzeichen mit Fallschirm und einem Fadenkreuz. Außen steht irgendwas in Französisch.“
Clemens fühlt für einen Moment Magensäure in sich aufsteigen und ein Unwohlsein, wie er es zuletzt bei einem tödlichen Einsatz in Afghanistan gespürt hatte. „Ellie, was steht da?“
„Sieht aus wie Group, dann steht da Intervention und unten Gendarmerie und National.“
Clemens blieb für ein paar Sekunden die Luft weg und er fühlte sich unglaublich kalt und alleingelassen. Plötzlich realisierte er, in welcher Situation er sich hier befand – und daß er höchstwahrscheinlich nicht lebend aus ihr hervorgehen würde.
„Gottverflucht“ flüsterte er, jedoch nicht leise genug, als daß es die anderen gehört hätten.
„Was ist jetzt?“ brach Bitch das folgende Schweigen.
„Group D’Intervention Gendarmerie Nationale. Diese Typen sind nicht nur Soldaten. Neben den britischen SAS-Einheiten gehören die zu den besten Eliteeinheiten der Welt.“

Die GIGN, die französische Eingreiftruppe ist das Äquivalent zu den amerikanischen Navy Seals und der deutscher GSG9. Kampfmaschinen auf zwei Beinen. Die Sie wurde 1974 als schnelle Eingreiftruppe aufgestellt, um auf die zahlreichen terroristischen Gruppierungen, die Frankreich in den 70er- Jahren bedrohten, zu reagieren. Obwohl der Name vermuten läßt, daß sie nur innerhalb Frankreichs operieren, spielen sich ihre Aufgaben auch in anderen französischen Interessengebieten ab. Zum größten Teil jedoch immer hinter den feindlichen Linien, wo sie mit unglaublicher Effizienz agieren. Während die britischen SAS-Kräfte für ihre Ausrüstung berühmt sind, ist die Group D’Intervention Gendarmerie Nationale für ihre Ausbildung hochgeachtet. Und ihre Erfolge sprechen für sich.
Am 24. Dezember 1994 wurde die Maschine des Flugs 8969 auf dem internationalen Flughafen Houari Boumedienne in Algier von vier algerischen Terroristen unter ihre Kontrolle gebracht. Das Fernsehen übertrug schließlich den Sturm auf das Flugzeug, das sich damals auf der Rollbahn des Flughafens von Marseille befunden hatte. Am 26. Dezember um 17 Uhr 35 waren alle Terroristen tot – erschossen von der GIGN. Die Groupe D’Intervention Gendarmerie Nationale kann zudem auf unzählige erfolgreiche Einsätze zurückblicken. Von einem weiteren kleineren Teil würde die Öffentlichkeit jedoch nie erfahren.

„Und was zum Teufel machen die hier?“ wollte Bitch wissen, die ihrer Atmung nach zu urteilen wieder in Bewegung war.
„Ich weiß es nicht, Leute, aber seht euch vor!“
Wie ein Preßlufthammer hämmerte es plötzlich neben Clemens und Splitter stoben von einem naheliegenden Baum ab. Einen Augenblick später donnerten erneut Kugeln über Clemens Kopf, nachdem er sich reflexartig fallengelassen hatte. Er feuerte eine Salve in das Dickicht und rollte sich zur Seite.
So in die Enge getrieben hatten sie keine Chance, das war dem Captain klar. Ihre einzige Möglichkeit bestand darin, sich zu trennen.
„Crock, hören Sie mich?“ sprach er in sein Mikro. „Crock!“
Keine Antwort. Unwillkürlich schossen ihm Bilder von Crocks blutüberströmten Körper durch den Kopf und sein Magen krampfte sich zusammen.
Aleena war für ihn nie mehr gewesen als ein Kamerad und eine gute Freundin. Hatte er geglaubt.

„…eht euch vor!“
Die Worte klangen wie ein Echo in Crocks Ohr und hallten in ihrem Kopf nach, ohne daß sie ihre Bedeutung erfassen konnte.
Zusammengerollt wie ein Igel lag sie im Unterholz in einer Kuhle, die Arme vor dem Gesicht verschränkt. Es war, als erwache sie aus einem Traum, der sie ebenso schnell wie heftig überrollt hatte. Mühsam bewegte sie den linken Arm und tastete nach dem kurzläufigen Gewehr, das wenige Meter von ihr entfernt halb im Boden versunken schien. Sie wußte nicht, weshalb, aber es schien ihr wichtig, es bei sich zu haben, doch so erreicht sie es nicht. Sie richtete sich etwas auf und griff nun mit der rechten Hand danach.
Wie eine Gewehrkugel durchzuckte sie ein unbeschreiblich tiefer und alles verdrängender Schmerz von der Schulter durch den ganzen Körper.
„Fuck!“ flüsterte sie schluchzend, während sich Tränen in ihren Augen sammelten. Für einen Moment schien ihre Umgebung zu schwanken und sich mit unsichtbaren Blitzen zu vermischen.
„Crock, hören Sie mich?“
Aleena realisierte die Stimme in ihrem Ohrhörer, doch ihre Stimme war wie abgeschnitten und der Schmerz klang nur langsam ab. „Crock!“
Crock lag mittlerweile bäuchlings auf dem Boden und atmete tief durch. Allmählich realisierte sie, was eigentlich geschehen war. Den kaum sichtbaren Draht, der nur knapp über dem Boden verlief, hatte sie erst bemerkt, als es schon fast zu spät gewesen war. Ohne einen weiteren Gedanken zu verschwenden, hatte sie sich hinter einen Baum geworfen, als die Granate explodierte und Crock von der Druckwelle in die Luft gehoben wurde. Dann erinnerte sie sich nur noch, wie der Boden auf sie zukam und alles schwarz wurde.
„Dwayne, hören…“ vernahm sie wieder Clemens Stimme gerade, als sie sich zurückmeldete.
„Crock hier“ Die Worte wollten nicht über ihre trockenen Lippen kommen.
„Crock!“ Clemens Stimme klang anders als sonst. Nicht wie ein besorgter Captain, mehr wie ein besorgter Freund. Doch derartige Feinheiten konnte die am Boden liegende junge Frau jedoch nicht auseinanderhalten.
„Crock, wie ist ihr Status?“
„Geht so“ stöhnte Crock.
„Crock, bleiben Sie, wo Sie sind und halten Sie Ihren Kopf unten. Dwayne, hören Sie mich?“
„Ja, Sir.“
„Sammeln Sie sich mit McGuire und West, dann suchen Sie nach Crock. Wir kommen zu Ihnen.“
„Geht kl…“ Ein wummernder Feuerhagel erklang plötzlich in Crocks Ohren, zum einen über den Kopfhörer, zum anderen, weil er aus naher Entfernung kam.
„Dwayne!“ hörte Crock Clemens Stimme brüllen.
„Geht klar, Sir!“ erwiderte Dwayne mit harter Stimme, der nun aus seiner Waffe das Feuer erwiderte.
Nach einer kurzen Pause, war erneut Sean Clemens Stimme zu hören. „Barkes, folgen Sie mir und halten Sie den Kopf unten.“
Aleena Crock nahm die Worte nur als Fetzen wahr. Ihr Körper schmerzte bei jeder Bewegung, die sie machte. Mit der linken Hand schnallte sie sich den klobigen, aber leichten Kevlarhelm ab und ließ ihn, wo er liegenblieb. Der Druck wich langsam, aber stetig aus ihrem Kopf und die kühle Luft ordnete ihre Gedanken und Eindrücke. Der Schmerz, der ihren Körper beherrschte, war permanent und auf eine Art und Weise unangenehm, daß es nichts Gutes bedeuten konnte. Irgendwo auf ihrer Rückseite war seine Quelle, doch jede noch so kleine Bewegung schmerzte derart, daß sie nicht wußte, was sie eher umbringen würde – der Schmerz oder das, was in ihr steckte.
Sie verdrehte ihren linken Arm, und ließ ihn für einen kurzen Moment an der Seite liegen, als der Schmerz allmählich nachließ. Daraufhin krümmte sie den Arm auf den Rücken und tastete vorsichtig ihre schußsichere Weste ab, dort, wo ihre Wirbelsäule verlief. Nichts.
Sie fuhr weiter nach oben. Nichts.
Ihr Arm lag fast im Anschlag, als ihre Fingerspitzen plötzlich etwas feuchtes und kantiges berührten. Vorsichtig drückte sie gegen das Objekt, doch mit dem Schmerz, der sie darauf übermannte, hatte sie nicht gerechnet und preßte ihren weit geöffneten Mund in den moosbewachsenen Boden vor ihr, damit niemand ihren Schrei hörte.
Wieder wurde ihr schwarz vor Augen, doch die Bewußtlosigkeit stellte sich nicht ein. Der Schmerz war nun jedoch wieder permanent da und penetrierte sie mit unvorstellbarer Gewalt.
Crock fühlte sich machtlos. Sie wollte nur noch hier raus. Nach Hause in ihr Bett, zu ihrer Katze und schlafen. Ihr Atem ging schwerer, als sie daran dachte, daß sie vielleicht nichts von alledem wiedersehen würde.
Wieder erklang Feuergeräusch. Einzelne Schüsse wechselten sich mit langatmigen Salven ab.
Wenn sie Glück hatte, passierte es schnell. Es konnte nicht schlimmer sein, als das, was sie hier durchmachten. Ja, bald würde sie Richard wiedersehen.
Es war komisch, aber der Gedanke an ihren verstorbenen Verlobten ließ sie keineswegs in Agonie versinken, wie sie es erwartet hatte. Vielmehr schienen plötzlich von überall her neue Lebenskräfte in sie zu kriechen. Ihre Augen schärften sich wieder und sie nahm ihre Umgebung in einer Deutlichkeit wahr, die sie noch nie erlebt hatte.
Tief sog sie ihre Lungen mit Luft voll und preßte ihr Gesicht hart in den Boden, als sie das, was in ihrem Rücken steckte mit einer Bewegung aus schmerzendem Fleisch herauszerrte. Ihr kreischender Schrei erstarb im feuchten Moos.